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Einfach Klassik.

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New York Philharmonic in Peenemünde – Energiequelle für Humanität

Das New York Philharmonic musizierte mit solistischer Starbesetzung im Kraftwerk der ehemaligen Heeresversuchsanstalt von Peenemünde.

Bei gleich drei Konzertauftritten im Rahmen einer exklusiven Residenz beim Usedomer Musikfestival wurde das Orchester zusammen mit einer solistischen Starbesetzung enthusiastisch vom Publikum gefeiert, bekam zum Teil noch Unterstützung vom Baltic Sea Philharmonic, dem „Hausorchester“ vom Usedomer Musikfestival.

New York Philharmonic, Foto © Stefan Pieper
New York Philharmonic, Foto © Peter Adamik

Eine V2-Rakete ragt auf dem Gelände der ehemaligen Heeresversuchsanstalt wie ein stummes Mahnmal in den lebhaften Ostsee-Himmel. In Peenemünde wurden während des zweiten Weltkriegs die ersten modernen Raketenwaffen entwickelt. In der großen Halle, welche einst als Kraftwerk für die Waffenfabrik diente, finden heute die sinfonischen Konzerte beim Usedomer Musikfestival statt und verkörpern mittlerweile seit 20 Jahren einen starken Symbolwert für Frieden und Menschlichkeit. 

„Ich bin sehr glücklich, dass dieser Ort, mit dieser erdrückenden Geschichte verwandelt wurde zu einem Ort, wo wir Musik machen können. Musik heilt viele Wunden“ lautete das Fazit von Jaap van Zweden, Chefdirigent beim New York Philharmonic, zum ersten Europa-Gastspiel nach der Corona-Pandemie. Auch für den Intendanten des Usedomer Musikfestivals Thomas Hummel war ein mit dem Gastspiel des New York Philharmonic ein seit zehn Jahren verfolgter Traum in Erfüllung gegangen.

New York Philharmonic, Foto © Stefan Pieper
New York Philharmonic, Foto © Peter Adamik

Drei große Konzerte hintereinander mit einem solchen Orchester von Weltgeltung sind ein riesiger Luxus und sie gewährten tiefe Einblicke in eine künstlerische Gegenwart, die beim New York Philharmonic, seit 2018 vom Niederländer Jaap van Zweden geleitet, keinen Stillstand kennt. Neugier in der Musik aufleben.

Licht in die Düsternis schwieriger Zeitumstünde möchte Nina Shekhars einsätziges Werk „Lumina“ bringen, welches unlängst vom New York Philharmonic uraufgeführt wurde. Die extrem, leisen Klänge appellierten ans Zuhören, um sich dann umso mehr von den aufbrausenden Kräften mächtiger Orchestercrescendi mitreißen zu lassen.

Der Kanadier Jan Lisiecki als Klaviersolist in Beethovens Klavierkonzert Nr. 5. „Emperor Orchestra“ erzeugte eine von drei Sternstunden in Sachen temperamentvoller Symbiose zwischen Orchester und Solist. Die charismatische Präsenz des 25jährigen ging auf Anhieb auf Publikum und aufs Orchester über. So dürfte es Beethoven gewollt haben, der ja eben diese Komposition als innere, kraftvolle Distanzierung vom Krieg geschaffen hat, welcher zur Entstehungszeit des Werkes in Wien tobte. In diesem Moment wurde das Anliegen dieser temperamentvoll dargebotenen zeitlosen Musik mit circa 1200 Menschen intuitiv geteilt.

Jan Lisiecki, Foto © Stefan Pieper
Jan Lisiecki, Foto © Peter Adamik

Dmitri Schostakowitschs siebte Sinfonie sollte einst musikalisch bekunden, dass die Sowjetunion den Krieg über den Faschismus „gewonnen“ hatte. Aber da es in einem solchen Krieg mit seinem unsäglichen Leid auch für die Menschen einer „Siegernation“ doch eigentlich fast nur Verlierer gibt, unterlief Schostakowitsch den offiziellen Propaganda-Auftrag. Jaap van Zweden und das New York Philharmonic nahmen sich der vielschichtig ironisierenden Komposition mit durchdachter Klangfinesse an, immer den symbolhaften Prozess im Blick behaltend: Motorische Marschrhythmen werden von jahrmarktähnlichem Tumult aus dem Gleichschritt gebracht, bis schließlich nur noch imponierende musikalische Eleganz über allem steht. 

Als zeitgenössisches Manifest für Freiheit und Toleranz eröffnete das Stück „1920/2019“ der US-Amerikanerin Joan Towers die zweite Aufführung in Peenemünde. Raffiniert verwob das New York Philharmonic amerikanischen Minimalismus, Polyphonie und rasante Rhythmik. 

Anne-Sophie Mutter, Foto © Stefan Pieper
Anne-Sophie Mutter, Foto © Peter Adamik

Stargeigerin Anne-Sophie Mutter hatte im Vorfeld ihres Auftritts im Interview an ihren Gedanken teilhaben lassen: „Die Kontinuität von Musik, von Kunst, vom gemeinsamen Musizieren und dem Austausch von Emotionen unterschiedlichster kultureller Herkünfte ist der Kit, der die Gesellschaft zusammenhält“. Ohne Worte wurde viel von diesem Idealismus spürbar in jenem Violinkonzert, welches André Previn exklusiv für die Geigerin komponierte. Die Weltklasse-Musikerin dialogisierte auf ihrem Instrument auf einer transzendentalen Ebene mit dem Orchester, spielte sich in Rage, tauchte mit fragilem Ton in verfeinerte Seelenzustände ein, fühlte sich getragen vom Orchester, dessen Spiel zwischen cineastischem Breitwandpanorama und polyphoner Strenge variierte – alles einer großen, imaginären Erzählung über das Leben dienend.

Béla Bartóks „Konzert für Orchester“ ist gewissermaßen ein New Yorker Werk. Es entstand nach der Emigration des ungarischen Komponisten in die USA im Jahr 1943. Mehrere Einspielungen dieses Meisterwerks durch das New York Philharmonic, u.a. durch Leonard Bernstein und Pierre Boulez haben Maßstäbe gesetzt. Wie sich das Perfekte weiterdenken lässt, demonstrierten Jaap van Zweden und das New York Philharmonic in Peenemünde: Vieles mutet neu gedacht und kreativ hinterfragt an. Das Finale dieser Trilogie wurde von George Walkers „Lyrics for strings“ eröffnet, welches seine Verwandtschaft mit Samuel Barbers viel berühmterem „Adagio for Strings“ nicht verleugnen kann. Und dann kam zu einer dritten Demonstration von  tiefer Verbundenheit zwischen Solist, Dirigent und Orchester: Der Bariton Thomas Hampson und die bis zu 150 Musikerinnen und Musiker vereinten sich in fünf Liedern aus Gustav Mahlers Zyklus „Des Knaben Wunderhorn“. Und ja – das Stück „Revelge“, diese sarkastische Ballade über ein namenloses menschliches Schicksal in irgendeinem Krieg verdichtet sich unter aktuellen Zeitumständen zu neuer tragischer Relevanz.

New York Philharmonic, Foto © Stefan Pieper
New York Philharmonic und Japan van Zweden, Foto © Peter Adamik

Antonín Dvořáks siebte Sinfonie breitete schließlich nochmal alle beglückenden Potenziale dieses Orchesters, was sich in Peenemünde in Bestform zeigte, aus: Als da wäre ein tiefer Einklang zwischen lyrischer Geschlossenheit und analytischer Detailfinesse. Ein extrem ausdifferenzierter Umgang mit Dynamik und rhythmischen Akzenten. Jaap van Zwedens riesiger Weitblick, der ungeahnte neue Poren in den sinfonischen Organismen öffnen kann. Mit ihrer druckvollen Wärme im Gesamtklang bestätigen die New Yorker dabei ohne weiteres dieses „typisch amerikanisches“ Orchester-Ideal. Das alles wirkte in der einstigen “Wunderwaffen“-Schmiede von Peenemünde wie eine neue Energiequelle für Humanität.

Ausblick

Ab dem 17. September widmet sich das diesjährige Usedomer Musikfestival in vielen großen und kleineren Konzertbesetzungen der Musikszene Estlands. Auf dem Programm stehen unter anderem Konzerte mit Kristjan Järvi und dem Baltic Sea Philharmonic und mit Juraj Valčuha und dem NDR Elbphilharmonie Orchester sowie vielen Kammerbesetzungen, die an vielen touristisch attraktiven und Geschichtsträchtigen Orten der Region auftreten. Mehr Info: www.usedomer-musikfestival.de

Besetzung

New York Philharmonic
Ltg. Jaap van Zweden
Jan Lisiecki: Klavier
Anne-Sophie Mutter: Violin
Thomas Hampson: Bariton 

Programm

Nina Shekhar: Lumina
Ludwig van Beethoven: Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur
Dmitri Schostakowitsch: Sinfonie Nr. 7
Joan Tower: 1920/2019 (Europa Premiere)
André Previn: Violinkonzert (Anne Sophie Mutter)
Béla Bartók: Konzert für Orchester 
George Walker: Lyric for Strings
Gustav Mahler: Auswahl aus Des Knaben Wunderhorn
Antonín Dvořák: Sinfonie Nr. 7 d-Moll

Titelfoto © Peter Adamik

Icon Autor lg
Musik und Schreiben sind immer schon ein Teil von mir gewesen. Cellospiel und eine gewisse Erfahrung in Jugendorchestern prägten – unter vielem anderen – meine Sozialisation. Auf die Dauer hat sich das Musik-Erleben quer durch alle Genres verselbständigt. Neugier treibt mich an – und der weite Horizont ist mir viel lieber als die engmaschige Spezialisierung, deswegen bin ich dem freien Journalismus verfallen. Mein Interessenspektrum: Interessante Menschen und ihre Geschichten „hinter“ der Musik. Kulturschaffende, die sich etwas trauen. Künstlerische Projekte, die über Tellerränder blicken. Labels, die sich für Repertoire-Neuentdeckungen stark machen. Mein Arbeitsideal: Dies alles fürs Publikum entdeckbar zu machen.
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