Ein Beitrag von Alfred Pohle
In unseren eher düsteren Zeiten vermittelt Bachs „Weihnachtsoratorium“ jedes Jahr aufs Neue eine hoffnungsfrohe Botschaft. In zahllosen Kirchen erklingt dieses populäre Werk und überstrahlt die Tristesse des politischen Geschehens auch heute noch mühelos. Das asambura ensemble führte nun – nach der umjubelten Uraufführung in der Kreuzkirche Hannover – in Bremen-Lilienthal mit nourara seine kompositorische Neudeutung des Weihnachtsoratoriums auf.
Transkultureller Kontext und die Idee hinter nourara
nourara, so der Titel, versteht die Weihnachtsbotschaft als Lichtperspektive (arabisch “nour” = Licht) mit Bezügen zu Flucht- und Exilerfahrungen und öffnet Räume für Begegnung und gemeinsame Hoffnung (armenisch “ara” = Hoffnung). Armenien, das älteste christliche Land der Welt (seit 301 n.Chr.), ist geprägt von Erfahrungen von Gewalt, Exil und Vertreibung, besonders im Völkermord von 1915, der die kollektive Identität armenischer Gemeinschaften bis heute überschattet.
Das Komponist*innenkollektiv um asambura-Gründer Maximilian Guth, der nourara als Ganzes kuratierte, will hierbei gemeinsam mit Shadi Kassaee, Elisabeth Fußeder und Ayşe Deniz Birdal mit diesem transkulturellen Weihnachtsoratorium diesen historischen Kontext musikalisch reflektieren, indem es die armenische Trauertradition mit den Hoffnungs- und Friedensbotschaften der Weihnachtsgeschichte in Verbindung setzt.

Ausgehend von der hoffnungsvollen Erwartung, die im Weihnachtsoratorium beschrieben wird, schlägt das empathische „Mitleiden“ in den Chören und Arien aus Bachs Johannespassion Brücken zu den Menschen, die dem armenischen Völkermord 1915 zum Opfer gefallen sind. Dies wird besonders deutlich in der Begegnung verschiedener Gesangstraditionen: armenische, syrische und aramäische Psalmodien treffen auf die polyphone Struktur der europäischen Barockmusik.
Musikalische Umsetzung: Traditionen, Instrumente und neue Klangfarben in nourara
Wie bereits bei zahlreichen hochkarätigen früheren Projekten des asambura ensembles („Messiasasambura“, „missa melasureJ“, „Fremd bin ich eingezogen“, „aeterneA“) werden dabei außereuropäische Instrumente (Santur, Kamancheh, Duduk) mit dem traditionellen klassischen Klangapparat so geschickt verwoben, dass man als Zuhörender jeden Moment aufs Neue fasziniert ist. Wer hat Bachs Musik jemals mit Akkordeon und Vibraphon gehört, deren Klangfarbe so dezent mit dem tutti-Klang des Ensembles verschmilzt, als wäre es niemals anders komponiert worden? Überhaupt ist erstaunlich, wie organisch sich die einzelnen Elemente dieser kompositorischen Neudeutung zueinander fügen. Neben der direkten kompositorischen Neudeutung von Bachs Musik tragen die neu entstandenen Kompositionen eigens zum dramaturgisch stimmigen Gesamtkonzept von nourara bei. So transformieren beispielsweise Guths “DanakilErta” oder Kassaees “nour“ musikalische Motive und Textfragmente aus Bach-Arien gekonnt in einen unabhängigen zeitgenössischen, transkulturellen Kontext. Diese erscheinen in Bruchstücken, als Erinnerungen, die sich verwandeln und neue Bedeutungen annehmen.
Interpretation, Ensembleleistung und Wirkung des Konzertabends
Ausnahmslos auf höchstem Niveau musiziert das asambura ensemble in der inneren Balance ebenso wie im sensiblen Zusammenspiel mit der Sängerin Tinatin Tsereteli, die dem Format durch armenische Gesänge einen wichtigen Akzent setzte, und dem ausgezeichneten Soloquartett des Ensembles polyLens vokal (Johanna Ludwig, Kea Niedoba, Marcel Hubner, Kolja Riechmann), das in der etablierten Kooperation mit dem asambura ensemble seit seiner Gründung bereits mehrfach in Erscheinung trat, unter dem überzeugenden Dirigat von Joss Reinicke. Der Kammerchor der Kantorei Lilienthalunter der Leitung von Renate Meyhöfer gestaltet dabei wunderbar ausgewogen die Bachchöre mit.
nourara wird so zu einer eindrucksvollen Botschaft der Hoffnung, der Solidarität und des Mitgefühls – über Grenzen von Zeit, Raum, Religion und Geschlecht hinweg – und damit zu einem Konzertabend in Lilienthal, der noch lange nachwirken wird. Das zahlreich erschienene Publikum feierte die Mitwirkenden am Ende zu Recht mit standing ovations.


