Oper: CD-Review – Ariadne auf Naxos aus dem Archiv der Wiener Staatsoper

Von Isabella Steppan

Ariadne auf Naxos Wiener Staatsoper Albumcover


Die heute gängige Fassung von Richard Strauss Oper „Ariadne auf Naxos“ wurde 1916 in der Wiener Staatsoper uraufgeführt; mit der im Februar bei Orfeo erschienenen Aufnahme des Werks aus dem Archiv des Hauses am Ring wird Opernliebhabern nun ein echtes Gustostückchen serviert. 

Debüts und Abschiede an der Wiener Staatsoper

Aufgezeichnet wurde der vorliegende Mitschnitt im Oktober 2014, die fünf Abende der Vorstellungsserie wurden damals mit Spannung erwartet, denn Christian Thielemann dirigierte seine erste szenische Produktion einer Oper von Strauss in Wien. Neben diesem Debüt am Pult versprach auch die Besetzung schon im Vorhinein viel: Soile Isokoski war als Primadonna/Ariadne angesetzt und Johan Botha sang den Tenor/Bacchus. Für beide sollte es schließlich einer der letzten Auftritte in Wien werden – Isokoski zog sich Ende des Jahres 2014 von der Opernbühne zurück und Botha erlag 2016 im Alter von nur 51 Jahren einer Krebserkrankung. Auf DVD und Blu-Ray wurde die Aufnahme bereits 2020 veröffentlicht – für die Inszenierung zeichnete Sven-Eric Bechtolf verantwortlich – auf CD (oder bei allen gängigen Streamingdiensten) kann man sich jetzt ganz auf die musikalische Seite konzentrieren. Nun kann ein Live-Mitschnitt natürlich nicht die klangliche Perfektion einer Studioaufnahme bieten, allerdings besticht die Aufnahme in technischer Hinsicht mit gutem Klang, wenig hörbaren Störgeräuschen und vor allem vielen musikalischen Highlights. 

Höchste musikalische Qualität

Ein Hochgenuss ist es, dem Orchester der Wiener Staatsoper dabei zuzuhören, wie es mit Strauss‘ Komposition regelrecht verschmilzt. In zahlreichen Farbschattierungen schimmert dabei die Musik, trippelt mal keck und leichtfüßig dahin, verströmt passagenweise großen Weltschmerz und blüht dann wieder glutvoll in Liebesbekundungen auf. Bei Christian Thielemann am Pult ist Akkuratesse ohnehin immer Programm und so besticht auch dieser Mitschnitt mit exakten Akzenten und einer exakten interpretatorischen Dramaturgie. Das Dirigat punktet überdies mit seiner Sängerfreundlichkeit: Thielemann betet die Solisten wie auf weiche Wolken, auf denen sich die Gesangslinien zu üppig ausladenden Bögen aufschwingen können, ohne dabei vom Orchester erdrückt zu werden oder mit diesem in ein Kräftemessen zu geraten. 

Als Ariadne stellt Soile Isokoski ihre Klasse unter Beweis und interpretiert die verlassene, in Todessehnsucht Wartende mit eleganter Phrasierung und fokussiertem Klang. In „Es gibt ein Reich“ vermittelt sie mit den Nuancen ihrer Stimme die ruhigen Weiten des Totenreichs ebenso wie die glimmernde Hoffnung auf Erlösung; ein besonderer gestalterischer Moment ist schließlich das Aufblühen der Klangfarben beim Eintreffen von Bacchus. Den Gott singt Johan Botha mit kraftvollem Tenor, den er geschmeidig durch die Partie führt. Das strahlende Timbre mit metallischem Kern verleiht der Figur den idealen Hauch von Mysterium und Übermenschlichkeit. Die Zerbinetta von Daniela Fally bietet ein quirliges Feuerwerk an Lebensfreude, ihr Sopran gleitet dabei scheinbar völlig mühelos durch die aberwitzigen Koloraturen ihrer Bravour-Arie „Großmächtige Prinzessin“ und läuft dabei nie Gefahr, schrill oder eng zu werden, sondern bleibt stets cremig und leicht. Als Komponist kann Sophie Koch ihre Routine in dieser Rolle ausspielen und gestaltet die Partie mit ebenmäßig fließendem Mezzosopran, mit dem sie die jugendliche Aufgebrachtheit ebenso überzeugend zu vermitteln vermag, wie die überbordende Liebe zur heiligen Kunst, der Musik. 

Orchester Bild
Orchester der Wiener Staatsoper, Foto: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

 

Fazit

Auch in den kleineren Rollen war diese Vorstellung ausgezeichnet besetzt, etwa mit Jochen Schmeckenbecher als Musiklehrer oder Adam Plachetka als Harlekin; dank des stimmigen Ensembles ist die Aufnahme auch tatsächlich in ihrer Gesamtheit und nicht nur aufgrund einiger Ausschnitte zu empfehlen. Dieser Live-Mitschnitt sollte daher im CD-Regal – egal ob nun in digitaler oder analoger Form – keines Strauss-Liebhabers fehlen; die rundum exzellente Besetzung und das in Höchstform aufspielende Staatsopernorchester unter Thielemann machen die Aufnahme nämlich zu einem echten Must-have. 

Die Tracks

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