Ein Beitrag von Ekkehard Ochs
Nein, man hatte zu Beginn der Spielzeit 2025/26 des Theater Vorpommern hinsichtlich der Konzertprogramme nicht zu viel versprochen: Musik vom 17. bis zum 20.Jahrhundert „in einer Fülle von musikalischen Stilen, die von den kammermusikalisch-filigranen Klängen des frühen Barock bis zum opulenten Sound der klassischen Moderne reichen.“ Und das mit 9 Philharmonischen Konzerten, 6 Kammerkonzerten und sieben Sonderkonzerten; mithin zwischen September 2025 und Juli 2026 insgesamt 71 Konzerte an drei verschiedenen Spielorten. Wow! Dazu Programme, die an Attraktivität keine Wünsche offen lassen, was in gleicher Weise für die verpflichteten Solisten gilt.
Demzufolge geriet auch der kürzlich in Greifswald und Stralsund erfolgte Start ins Neue Jahr zu einem bemerkenswert nachhaltigen Erlebnis.
Philharmonisches Orchester Vorpommern: Konzertauftakt in Stralsund
Auf dem Programm (Stralsund, 14. Januar): Arvo Pärts Cantus in Memory of Benjamin Britten für Streicher und Glocke, Dmitri SchostakowitschsKonzert für Violine und Orchester Nr. 1 a-Moll op. 77 und Antonin Dvořáks Sinfonie Nr. 7 d-Moll op. 70. Es sei vorweg gesagt: diese Zusammenstellung fand den lebhaftesten Beifall eines Publikums, das anspruchsvolle Angebote unterschiedlichster Provenienz zu schätzen weiß; entsprechende qualitätsvolle Darbietungen ohnehin. Letztere schienen schon deshalb unabdingbar, da keinem der Werke ohne eine ausgeprägte Gestaltungskompetenz beizukommen ist! Dies auf unterschiedlichen Ebenen und denkbar unterschiedlichster Ausprägung.
Spannende Aufgaben also für das Philharmonische Orchester Vorpommern und den in Nashville/USA geborenen Gastdirigenten Daniel Spaw. Letzterem schien das Programm bestens zu liegen. Zumindest ließ er an keiner Stelle des stilistisch doch recht heterogenen und gestalterisch fordernden Repertoires irgendwelche Zweifel an konzeptioneller Zielsicherheit oder interpretatorischer Souveränität zu.
Klangstarre und Reduktion – Arvo Pärts „Cantus“
So verlieh er schon Pärts Cantus (1980) jene so eigenwillige wie fast eigensinnige, flächige „Klangstarre“, die dem Komponisten seit Installation seines sogenannten „Tintinanbuli“-Stils (glockenhafte Wirkung) als „Marke“ eigen ist. Das Prinzip: Reduzierung musikalischen Materials auf ein Minimum, materiale und geistig-emotionale Fokussierung auf geradezu archaische Wirkungen von Einzelton und bestimmten Intervallen oder Skalen sowie deren „magische“ Effekte provozierenden vielfachen Widerholungen. „Ich baue aus primitivstem Stoff…“ sagt Pärt. Und das seit langem überaus erfolgreich, wenngleich nicht ganz unumstritten. Im Cantus ist es eine Tonskala, die von verschiedenen Streichergruppen in jeweils einem anderen Tempo gespielt wird, klanglich in hohen Lagen beginnend, herabsteigend, im Charakter einer emotionslos distanzierten „Klangwand“, die sich nur im Inneren als bewegt (Tonschritte) erweist. Ihre „Funktion“: eine Hommage an den am 4. Dezember 1976 verstorbenen, von Pärt sehr verehrten Benjamin Britten, dem er sich vor allem hinsichtlich empfundener „Reinheit seiner Musik“ geradezu schuldhaft (!) verpflichtet fühlte. Es sind nur ca. sechs Minuten, die man als Hörer Gelegenheit hat, sich jenseits erkennbarer Emotionen auf eine Verführung durch scheinbar stehende Klänge, eine hörbare Klangstille (!), etwas wie angehaltene, auch noch vibratolos „gläserne“Zeit und meditative Archaik einzulassen. Der Versuch aber lohnt. Das Philharmonische Orchester Vorpommern und sein Dirigent ließen an diesem Abend erkennen, dass künstlerische Angebote dieser besonderen Art zu produktiver Auseinandersetzung mit dem Gehörten geradezu zwingen. Am besten völlig ergebnisoffen!
Dmitri Schostakowitsch und das erste Violinkonzert
Nicht zuletzt gilt das auch für ein Werk wie Schostakowitschs 1.Violinkonzert. Viel ließe sich über das Werk schreiben. Etwa über seine Anlage: vier (!) jeweils paarig angeordnete, scharf kontrastierende Sätze mit charakterisierenden Satzbezeichnungen (Nocturne. Moderat/Scherzo. Allegro/ Passacaglia. Andante – Cadenza/ Burlesca. Allegro con brio – Presto). Auch über Binnenstrukturen (Arbeit mit dem motivischen Material, Verwendung des initialen d – es – c – h – Motivs), über Charakteristika der musikalischen Sprache und Stilistik sowie der Einordnung des Werkes in Schostakowitschs Gesamtschaffen. Womit man unweigerlich beim Biographischen und Gesellschaftlich-Politischen der Entstehungszeit 1947/48 wäre: den sowjetischen Diskussionen über „volksfremden Formalismus“ und deren heftig zu kritisierenden Vertretern, etwa auch Schostakowitsch. Kein Wunder, dass der Komponist das Werk vorsichtshalber in der Schublade ließ und es Jahre später, nach Stalins Tod, erst eines kühn aufrüttelnden Artikels David Oistrachs bedurfte (Widmungsträger), um dem Werk zur Uraufführung und damit zu den Möglichkeiten eigener Anschauung zu verhelfen (Uraufführung am 29. Oktober 1955 in Leningrad). Seither beschäftigt sich die Musikwelt mit der Frage, ob – wie nahezu der gesamte Schostakowitsch – auch dieses Violinkonzert „politische“ Musik sei. Und wenn ja, wie sich das äußere!
Eine Debatte sei hier nicht geführt. Aber als sicher darf gelten, dass sich eine gültige Interpretation nicht mit der Exekution schönstmöglicher Töne und brillanter Technik begnügen darf, da es im engeren wie weiteren Sinne nicht um „Programme, aber schon um teils sehr persönlich geprägte und ebenso persönlich erlebte „Botschaften“ geht.
In Stralsund erkannte man schnell, dass sowohl Daniel Spaw wie auch die ganz hervorragende Solistin Lea Birringer wussten, worum es geht. Um nicht weniger als die Befindlichkeiten einer nicht nur künstlerisch gefährdeten Existenz, die in Musik umzusetzen gleichzeitig Stellungnahme bedeutet. Der Anforderung ist also gerecht zu werden, individuelle, womöglich verschlüsselte Befindlichkeiten im Werk zu erkennen und gestalterisch so zu präsentieren, dass eine Mitnahme des Hörers mittels entsprechender „Mitteilungen“ möglich wird.

Lea Birringer besitzt dazu alle Voraussetzungen. Ihre Tongebung ist von großer Spannweite, erscheint schlank, schlicht und warm, kennt diverse Zwischenstufen und überrascht schließlich mit Wucht, Härte und allerlei Spielarten von Humor, Ironie und Aggressivität. Sie kann – und muss – fast im Wortsinne „reden“, will nicht verzichten auf eine rhetorische Prägnanz von in Worten schwer Sagbarem. Das Ganze in stets sich klanglich ambivalent präsentierenden Ausdruckssphären, was Zuordnungen nicht leicht macht, aber solche Möglichkeiten offen lässt. Will heißen: ein einleitendes „Nachtstück“, das melodisch fesselt, aber weitgehend ohne jede romantische Note auskommt und eher gesankenschwere Nachdenklichkeit verbreitet. Oder ein (nachfolgendes) Scherzo, das – so gar nicht traditionell scherzhaft und der Solistin alles Können abfordernd- virtuos Spielerisches mit dem Gestus brachialer Härte und rasanter Hast koppelt, absichtsvoll seine Initialen und (provokativ) Anklänge an jüdische Musik einbringt und dabei an ähnliche, den schwierigen Zeitgeist problematisierende Beispiele aus anderen Werken Schostakowitschs denken lässt. Solcherart Kontraste prägen dann auch die beiden folgenden Sätze: eine Passacaglia mit 17 Variationen als „Klagegesang), eine bis zur Emphase sich steigernde Riesenkadenz der Violine und eine wiederum so gar nicht offensichtliche heiter gelöste „Burleske“. Letztere „ein böses Lachen“ auf der einen und „böses Erwachen“ auf der anderen Seite. Vielleicht auch „Hetzjagd“ (Programmheft)? Oder doch fröhliche Unbekümmertheit? Da wäre sie wieder, eine Ambivalenz des Komponierens, die Vorzug und Nachteil zugleich zu sein scheint. Lea Birringer blieb hier insofern nichts schuldig, als sie alle geigerisch denkbaren Möglichkeiten ungemein kontrastreicher Gestaltung nutzte. Pathetik hier, größte, ja rasende Erregtheit dort, Nachdenklichkeit, Gedankenschwere und Tragik, furiose Bissigkeit, hämmernde Ironie und fratzenhafter Lärm inbegriffen. Schwerstarbeit für die Solistin, die sich aber sicher sein durfte, richtig verstanden zu werden und einem Werk gedient zu haben, das längst nternationaler Standard ist.
Für das Philharmonische Orchester Vorpommern waren die Anforderung kaum geringer. Dirigent Spaw hatte alle Hände voll zu tun, um der schwierigen, geradezu sinfonischen Partitur alle jene Ausdrucksnuancen zu entlocken, die im Hinblick auf den Solopart schon genannt sind. Eine reife Leistung des Philharmonischen Orchesters Vorpommern, denen nichts weniger oblag als etwa eine Solistin nur zu begleiten. Auch hier gelang es, einer schnell mal vordergründig scheinenden Lautheit und virtuosen Flottheit den Charakter hintergründigen, und ja, doppeldeutigen Ausdrucks zu verleihen und sinfonische Gewichtigkeit zu präsentieren. Eine durchgängig fesselnde Aufführung, die mit heftigem Beifall belohnt wurde!
Sinfonische Verdichtung – Dvořáks Siebte
Ein solcher galt auch dem finalen Werk des Abends, Dvořáks 7. Sinfonie. Schön, dass es mal nicht die viel berühmtere, ewige „Neunte“ war. Deren Rang ist damit nicht angezweifelt, eher geht es darum, die gesamte zweite Hälfte im sinfonischen Schaffen des böhmischen Meisters – die Sinfonien Nr. 6 bis 9 – öfter einmal aus dem Schatten der „Neunten“ zu holen und ihre eigenen Qualitäten zu beleuchten. Für Nr. 7 gilt das besonders. Sie ist nahezu direkte Reaktion auf die 3. Sinfonie des hochverehrten Freundes Johannes Brahms, was ihre Gewichtigkeit unterstreicht. Dvořák selbst sagte nach einigen wenigen Korrekturen : „…ich bin überzeugt, daß es jetzt in dem Werke nicht eine einzige überflüssige Note gibt.“
Daniel Spaw und das Philharmonische Orchester Vorpommern hatten das wohl verinnerlicht. Ihnen waren tatsächlich jede Note, jedes Motiv, jede Phrase, jede melodische Linie, jeder Rhythmus und jedes harmonische Detail wichtig genug, um mit akribischer tonlicher und metro-rhythmischer Sensibilität reproduziert zu werden; klanglich eigenständig und unabdingbarer Teil eines jeweiligen größeren komplexhaften Ganzen. Das sicherte ein stets pulsierendes, dynamisch ungemein differenziertes Spiel.Es war voller spannungsvoll fesselnder Verläufe, reich an Kontrasten zwischen lyrischer Innigkeit, folkloristischem Kolort und aktivierender dramatischer Verve.Vom Impetus mitreißender Musikalität ganz zu schweigen. Ebenso unverkennbar – und hier von besonderer Wichtigkeit – das Herausarbeiten jener gedanklich-strukturellen Dichte des Werkes, die es als wahrlich große Sinfonie ausweist. Kein Problem also für die Interpreten, mit einer leidenschaftlichen, ja fulminanten Präsentation das zu schaffen, was der Komponist beabsichtigt hatte: „Meine Symphonie soll so ausfallen, dass sie die Welt bewegt…“ Und daran gab es, auch wenn die Welt diesmal „nur“ aus Greifswaldern und Stralsundern bestand, keinen Zweifel!
Titelfoto: Lea Birringer, Foto © FANDEL Foto & Design


