Einfach Klassik.

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Philipp Thönes Klavierkonzert begeistert bei Putbus-Festspielen

Ein Beitrag von Ekkehard Ochs

Entdeckungen wagen, das Bedeutsame auch dort suchen und finden, wo (noch) nicht oder nicht genauer hingeschaut wurde oder wird – für diese konzeptionellen Absichtserklärungen hatten die Veranstalter der diesjährigen Putbus-Festspiele keine schlechten Beweisstücke geliefert. Hierzu ein Blick auf drei Konzerte der letzten vier Veranstaltungstage.

Da hieß es am Freitag vor Pfingsten: „Klassik lebt  II“, was in Bezug auf die erste Folge (Eröffnungskonzert) die zweite Präsentation eines Kammerorchesterabends bedeutete. Diesmal mit dem PREUSSISCHEN KAMMERORCHESTER (Sitz Prenzlau) in Streicherbesetzung;  Musikdirektor und Chefdirigent: Jürgen Bruns, der in gleicher Funktion mit seiner KAMMERSYMPHONIE BERLIN schon die Festspiele eröffnet hatte. 

Das Programm: Szymon Laks (1901-1983) mit seiner Sinfonietta (1936), Rachmaninows berühmter Vocalise von 1915,Griegs Aus Holbergs Zeit. Suite im alten Stil und als Uraufführung ein Klavierkonzert von Philipp Thönes (*2001). Da war jede wünschenswerte Abwechslung samt diverser Möglichkeiten, den eigenen Erfahrungsschatz zu erweitern, gegeben. Bezüglich eines Rachmaninow oder Grieg von den Werken her gesehen  sicher eher weniger, es sei denn, man erlebte die so detailliert wie klangsensibel und klangsinnlich ausgeleuchteten Interpretationen als eine solche bereichernde Erfahrung; und genau das sollte man. Starker Eindruck garantiert!

Für Laks und Thönes waren dagegen gespitzte Ohren und die darüber liegenden, möglichst  hellwachen kleinen grauen Zellen gefragt. Dazu gleich mehr.

Musik und Malerei im Dialog

Zuvor der Hinweis auf eine den Abend insgesamt prägende Besonderheit: Angekündigt war ein Konzert „mit live Bildern“. Wollte heißen: Frank Otto Sperlich, auf Rügen lebender Künstler, griff zu Papier, Stift und Farben, um seine auf große Leinwand übertragenen Eindrücke zeichnerisch filigran beziehungsweise malerisch großflächig bildhaft und als schöpferischen Prozess Gestalt werden zu lassen. Ein Experiment, wie er sagte, für das er dem Orchester und seinem Chef sehr dankbar sei; denn nicht selbstverständlich sei die Möglichkeit solcher Art ganz praktischer Verbindung von Künsten gegeben. Heraus kam übrigens Sehenswertes, wobei der individuelle Spielraum hinsichtlich gesuchter und (oder nicht) gefundener Beziehungen zwischen Bild und Musik groß gewesen sein dürfte; was natürlich nicht verwundert. Und auch nicht die schlechteste Lösung ist. Bedenken, dass zwangsläufig geteilte Aufmerksamkeit zu künstlerisch-ästhetischen „Verlusten“ hätte führen müssen (können?), waren aber wohl als marginal einzuschätzen. 

Szymon Laks als lohnende Wiederentdeckung

Es wäre auch schade gewesen, denn Szymon Laks Sinfonietta verdiente jede Aufmerksamkeit. Das Werk ist viersätzig und verweist mit seinen Satztiteln direkt auf einen barocken Bezug (Ouvertüre, Sérénade, Rondino, Final fugué).Musiksprachlich bewegt sich Laks, der in Warschau studiert hatte, sich bis zu seiner Verhaftung durch die Nazis in Paris weiterbildete und anschließend Dachau und Auschwitz überlebte, auf neoklassizistischen Pfaden. Das allerdings sehr geschickt insofern, als er zwar Modelle bedient, sich ihnen aber nicht einfach ausliefert. Er bleibt eigenständig, originell, kennt keine Plattitüden und vermag mit variabler Dynamik, klanglich fesselnder Orchesterbehandlung, handwerklicher Raffinesse (Fuge) und musikantischer Verve zu überzeugen. Ein sehr gelungenes Stück – auch ohne jede Anleihe an seinerzeit “moderne“ Ausdrucksmittel. Für Bruns und sein Orchester beste Gelegenheit, einen insgesamt spannenden Abend fulminant und sehr überzeugend zu eröffnen.

Fügen wir gleich hier das Finale an, denn was sensible, stilistisch adäquate Klangkultur und  ausgefeilte Gestaltungskunst betrifft, so ließ auch die Griegsche Holberg-Suite  keine Wünsche offen. Und der große Norweger hat da einiges an Ausdrucksmöglichkeiten seiner nordisch-romantischen Verfasstheit investiert. Ein Hörvergnügen der besonders schönen Art!

Philipp Thönes und sein neues Klavierkonzert

Im Zentrum des Abends stand dann aber eine Uraufführung. Philipp Thönes aus Rostock, 24 Jahre jung, über die Sonderförderung der Young Academy an Rostocks Hochschule für Musik und Theater (HMT) gefördert und noch heute dort Student in der Klavierklasse Professor Kirschnereits, präsentierte ein von ihm komponiertes Klavierkonzert und hob es als Solist auch gleich selbst aus der Taufe. Rund vier Jahre habe er gebraucht – so der Komponist – um von der ersten Idee und mehrerer Fassungen (zwei Klaviere, Orchesterfassung) zu einer endgültigen zu gelangen; nun uraufgeführt für Klavier und Streichorchester. Initiator des Vorhabens war Peter Gestwa, Theaterdirektor des Putbuser Musentempels, der das Werk dann in Zusammenarbeit mit Jürgen Bruns in das Programm der Putbusfestspiele aufnahm. 

Erfolg und Überraschungen waren gleichermaßen gesichert. Denn nicht ganz alltäglich ist, dass ein junger Pianist sich (s)ein Herzensanliegen gleich selbst komponiert, es auch noch selbst am Flügel uraufführt und im Übrigen das Publikum – fern jeder kompositionstechnischen Modernität – mit einer lupenrein traditionellen Musiksprache konfrontiert. Materialfetischisten kämen da sicher ins Grübeln; dem Publikum lagen solche Überlegungen allerdings fern: es war schlichtweg begeistert! Begeistert von einer Musiksprache, die ganz bewusst auf Spätromantik zielt und sehr schnell an die Stilistik eines Chopin oder Rachmaninow erinnert. Wer den jugen Philipp Thönes jemals Chopin und engeres wie weiteres Umfeld hat spielen hören, ahnt, wo die Motivation für jene stilistische Entscheidung liegt. Es ist – zumindest gegenwärtig – seine dominierende, romantische  Empfindungswelt. Es ist auch die, die ihm – wie er selbst betont – Freude macht und eigenen Vorstellungen des auch unbedingt komponieren sollendenm ja müssenden Pianisten entspricht. Dabei geht es ihm nicht um naheliegendes und vordergründig Technisches, das er übrigens blendend beherrscht, sondern um eine spezifische Haltung, auch – warum nicht – um „Schönes“. Und nicht zuletzt um die Absicht, einem Publikum Freude zu machen. Das alles ist pragmatisch und überdies sehr persönlich gedacht; von ideellen „Botschaften“ redet er nicht. Ein Kompendium unmittelbar direkt und emotional griffiger Empfindungs- und Gefühlsbereiche reichen ihm. Und dem Publikum auch. Nicht zuletzt deshalb, weil das Ergebnis jenseits jeden Plagiatsgedankens die kompositorischen Qualitäten eines Originals besitzt. Es gelingt Thönes, unter Nutzung aller formalen und strukturellen Merkmale des großen romantischen Klavierkonzerts und mit den Ingredienzien stilsicher genutzter gestalterischer Vielfalt und Variabilität den Eindruck einer eigenen, künstlerisch selbständigen Leistung zu vermitteln. Der Gedanke, dass es sich dabei um ein traditionelles, bekanntes Muster handelt, verliert da an Gewicht. 

Thönes komponiert und spielt Thönes; nicht mehr, aber eben auch nicht weniger! An gattungsgeschichtliche oder musikhistorische Überlegungen oder Einordnungen seiner Musik ist ihm kaum gelegen. 

Und der Erfolg im Konzertsaal sprach für sich selbst. Zwanzig Minuten konzenztrierten, überraschend einfallsreichen, klangfarblich bestechend „bunten“ und so empfindsamen wie handfest kräftigen, oft auch brillanten  Musizierens – das PREUSSISCHE KAMMERORCHESTER unter Jürgen Bruns eingeschlossen – rechtfertigten den offensichtlichen Erfolg einer bemerkenswerten Uraufführung. Ein dicker Pluspunkt auch für die Veranstalter der Putbusfestspiele und ihr Konzept.   

Wolfgang Jacobi neu betrachtet

Vergleichsweise entspannt ging es dann am Pfingstmontag im Foyer des Theaters Putbus zu. Eingeladen war zu einem Komponistenporträt, das unter dem Motto HÖREN, SEHEN, SCHMECKEN UND ENTDECKEN – Gespräch, Musik, Zeichnungen, Rezepte dem in Bergen auf Rügen geborenen Komponisten Wolfgang Jacobi (1894-1972) gewidmet war. Es ging um Biographisches, moderiert von Jürgen Bruns und vom Enkel des Komponisten, dem Maler Dr. Andreas Ullrich, und natürlich um Musik. Und es war der geeignetste Platz, um erneut auf eine Persönlichkeit hinzuweisen, deren Leben und Schaffen exemplarisch für eine ganze Generation stand: geprägt von Krieg und Gefangenschaft (1. Weltkrieg), kompositorisch verheißungsvollem Start in den 20er Jahren, Berufsverbot unter den Nationalsozialisten (Jude!), dem Verlust eines Großteils seiner Kompositionen (Bombardierung in Berlin) und schwierigem, aber erfolgreichen Weiterarbeiten als Komponist, Lehrender (Hochschule für Musik) und im musikkulturellen (auch organisatorischen) Leben Tätiger nach Kriegsende in München. Dort sind seine Verdienste kaum zu überschätzen. Und sehr zu Recht haben bisherige Bemühungen um sein kompositorisches Werk schon bemerkenswerte musikpraktische, verlegerische und publizistische Früchte getragen. Was weitere, breiter gestreute Initiativen beflügeln sollte. 

Anregend das Ganze schon deshalb, weil mit einigen, in Putbus nur kammermusikalisch möglichen Aufführungen  der lohnende Verweis auf Jacobi nachdrücklich unterstrichen werden konnte. So gelangen mit Bruno Meichsner (Bariton), Valentin Butt (Akkordeon) und Andreas Skouras (Klavier) ausdrucksstarke Belege für drei dem Komponisten wichtige Bereiche: Lied, Klavier und – spät entdeckt und höchst inspiriert ausgebaut Akkordeon (!). Konkret: Sérénade aus dem Divertissement pour Accordéon (1966), Die Toten von Spoon River, Vier Chansons nach Texten von Edgar Lee Masters für Bariton und Akkordeon (1956), Sonate für Klavier N.r 3 (1939) und Die Sonette des Satans für Bariton und Klavier nach Texten von Wolfgang Petzet (1946). Hübsche Beigaben: eine kleine Kollektion von Jacobi angefertigter Zeichnungen und Bilder sowie – als Ausklang eines informativen, sympathischen Vormittags – wohlschmeckende Resultate eines Tortenrezeptes (von 1820) aus dem Jacobischen Familiennachlass. 

Thomas Putensen & Band, Foto © Theater Putbus
Thomas Putensen & Band, Foto © Theater Putbus

Thomas Putensen als Publikumsmagnet

Entspannt, wenngleich im nahezu Drei-Stunden-Format, dann auch der Abend des Finaltags: Abschlusskonzert der Festspiele im Theater Putbus unter dem Motto: Kult trifft Klassik. Zumindest für Kenner der entsprechenden Szene klang das schon gleich nach Unterhaltung im weitesten und besten Sinne. Und das war es denn auch! Zu Gast: Thomas Putensen und Band, das Philharmonische Orchester Vorpommern unter Alexander Mayer, 1. Kapellmeister und Stellvertretender GMD des Theaters Vorpommern, sowie der Pianist Pawel Motyczynski. 

Mehr Garantie für – mit Pause – rund drei Stunden gehobenster Unterhaltung schien da nicht möglich; der regionale Bonus für die mitwirkenden Ensembles und Solisten inbegriffen. 

Thomas Putensen ist gebürtiger Greifswalder, gilt im Lande als mit allen musikalischen, schauspielerischen und Entertainer-Wassern gewaschener Allround-Musikus ohne Tabus. Was er anfasst, wird ihm zum Instrument, und seinen vielen Songs haftet längst der Ruf an, zu den wichtigen, textlich anspruchsvollen und aussagekräftigen Balladen zu gehören.Ein Mann mit gesellschaftlich determiniertem Mitteilungsdrang und der Fähigkeit, den Hörer direkt anzusprechen und etwas ihn ihm nachklingen zu lassen. Nachhaltigkeit, sozusagen! Man könnte auch von bemerkenswerter Qualität reden. Die prägte in Putbus den gesamten zweiten Konzertteil. Dies in schönster Gemeinschaft von ihm, seiner Band (mit Georgie Gogow, Vioine/Gesang,Thomas Braun Violine/Flügelhorn, Michael Bahlk, Kontrabass und einem kubanischen Schlagzeuger) sowie dem Philharmonischen Orchester. Die Begeisterung sprengte alle Fesseln!

Übrigens auch im 1. Konzertteil, obwohl der ganz anders ausfiel. Putensen hat nämlich in Coronazeiten die zwangsläufige zeitliche Muße genutzt und ein Klavierkonzert gschrieben. In  g-Moll, was schon vermuten ließ, dass er sich in  stilistisch traditionellem Rahmen zu bewegen gedachte.  Und das tat er denn auch ausgiebige 40 Minunten lang. Dreisätzig ist das Werk, klar tonal orientiert und in Erfindung wie Verarbeitung des Materials von klassisch-romantischer Sprache. Die Verständnisbrücken zum Hörer sind denkbar breit, stilistische  Stolpersteine gibt es nicht. Wohlklang herrscht, verfasst in einem Komponiergestus, der viele Gefühlsebenen anspricht, den schlichten Ton, die schmeichelnde Melodie kennt, neckisch Tänzerisches  bietet und bis hin zu gewaltigem Pathos, ja, schon mal martialischem Lärm, viele Zwischenstufen variablen Ausdrucks kennt und diese durchaus einfallsreich nutzt. Echte Überrachungen sind nicht beabsichtigt, aber – und das dürfte die bisherigen Erfolge des Werkes begründen – fürs austauschbar Langweilige oder Einfallsarme ist Putensen eben auch nicht zu haben. Und so hört man diesen vierzig Minuten durchaus interessiert zu, auch wenn Putensen gelegentlich vielleicht etwas weitschweifig spricht und Wiederholungen nicht ganz vermeidet. Letztlich dankt man fürs Gespräch; begeistert, angetan oder auch nur höflich, je nach eigener Gefühlslage, je nach eigenem Anspruch. Die Aufführung selbst verdiente allen Respekt. Das Orchester und sein Chef Alexander Mayer in Bestform, der Pianist Pawel Motyczynski allen Schwierigkeiten – und davon gab es reichlich – souverän gewachsen. Ein Abschlusskonzert, das den Erwartungen des Publikums ganz offensichtlich voll entsprach.       

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