Einfach Klassik.

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„Piano Heroines“: Claire Huangci begeistert mit Klangfantasie

Virtuosität ist eigentlich nicht besonders wichtig. Ein großartiges Album ergibt sich für mich zunächst aus vielen anderen Eigenschaften und Parametern. Interpretations- und Gestaltungsmerkmale, Erzählkunst und Diversität in der technischen Ausführung sind mir üblicherweise weitaus wichtiger als die Frage, wie schnell jemand spielen kann. Beim Hören von „Piano Heroines“, dem neuen Album der Pianistin Claire Huangci, muss ich mir aber doch eingestehen, dass spieltechnische Brillanz in seltenen Fällen dann doch großen Spaß machen kann. Denn die amerikanische Pianistin setzt das nicht als Hauptfokus, noch nicht mal als erklärtes Ziel. „Piano Heroines“ ist auf sehr vielen Ebenen höchst beeindruckend, und die rasenden Melodielinien sind nur eine weitere Verzierung für dieses große Projekt.

Komponistinnen zwischen Wiederentdeckung und Repertoirekritik

Zentral im Mittelpunkt steht das Programm mit Werken von Komponistinnen, deren Aufführung weiterhin besonders wichtig bleibt, denn die Werke von Frauen sind leider immer noch im Vergleich unterrepräsentiert. Und dabei geht sehr viel verloren, Stücke von Amy Beach könnte man schnell auch Johannes Brahms zuschreiben, dabei wäre es umgekehrt viel passender, aber die oben angedeutete fehlende Hörerfahrung bedingt es nun mal so herum.
Neben Beach findet man auch Werke von Fanny Hensel, Clara Schumann oder Florence Price auf „Piano Heroines“, große Namen in der Komponistinnenszene.

Piano Heroines Cover

Claire Huangcis außergewöhnliche Klangkultur

Noch vor der Erzählkraft beeindruckt mich aber am meisten Huangcis Ton. Hell, klar und glockig hält sie die Klänge trotzdem auch rund und weich, schafft für mich da eine Art Quadratur des Kreises, mit vielen Klangcharakteristika, die an sich schwer zu vereinen sind. Huangcis Ton wird bestimmt von lebensbejahendem Positivismus, geprägt von zukunftsgewandter Offenheit, die selbst bei einzelnen Vorträgen hörbar wird. Fanny Hensels „Das Jahr, H. 385: No. 2, Februar. Scherzo“ bringt das besonders anschaulich zum Vorschein. Die hohen, absteigenden Akkordmelodien sind so klangvoll, dass beim Hören Bilder entstehen, Tiere hörbar werden. Und in den letzten Takten dieses Satzes kommt dann die schon angekündigte Unspielbarkeit, die Huangci mit für mich nicht nachvollziehbarer Leichtigkeit einfach so darbietet, als sei es nichts Besonderes.

Agogik und Ausdruck in Fanny Hensels „Das Jahr“

Im Mai-Satz von „Das Jahr“ hören wir dann ein weiteres Element, das die Pianistin meisterhaft beherrscht. Hier wird die Stimmung der Musik maßgeblich durch die Variation des Tempos erzeugt. Dabei ist es sehr wichtig, das persönliche Optimum im Ausdruck zu treffen. Gelingt das nicht, dann geht das gestalterische Konzept nicht auf, und mit einem Mal bleiben viele Möglichkeiten ungenutzt. Bei Claire Huangci besteht überhaupt kein Zweifel, dass sie diese Gestaltung perfektioniert umsetzt, nicht zu wenig Agogik setzt, aber eben auch nicht übertreibt und damit unglaubwürdig wird. Damit wird der Mai höchst berührend!

Amy Beach und die Kunst der klanglichen Erzählung

In den „Four Sketches, Op. 15: No. 1, In Autumn“ von Amy Beach wird dann das Spiel mit dem Tempo noch mit ausdrucksstarkem Laut-Leise-Spiel gekoppelt, wodurch eine komplette weitere Dimension hinzugefügt wird. Huangci geht da mit uns auf Tauchgang durch berührende und wundersame Musikwelten und bleibt durchgehend ihrer fantastischen Tongebung verpflichtet. Ich finde auf dem gesamten Album keine einzige Stelle, an der Klavier und Spiel einfach nur „normal“ klingen.

Claire Huangci, Foto © D.R
Claire Huangci, Foto © D.R

Virtuosität als musikalische Bildsprache

Der vierte Satz dieses Werkes „Fire-Flies“ lässt mich dann endgültig am Sinn meines eigenen weiteren Klavierübens zweifeln. Die Bildhaftigkeit, mit der die Pianistin die Glühwürmchen in endlosen, halsbrecherischen Terzläufen fliegen lässt, ist nicht nur höchst zauberhaft, sondern wegen der trotz der vielen Noten perfekt ausgeführten Phrasierungen äußerst emotionsstark.
Kritik bedeutet manchmal ja auch negative Kritik, aber auf „Piano Heroines“ kann man dafür einfach nichts finden. Und folgerichtig wird das Album beim Preis der deutschen Schallplattenkritik von der Jury „Tasteninstrumente I“ ausgezeichnet. Herzlichen Glückwunsch!

Titelfoto © Mateusz Zahora

Das Album

Icon Autor lg
Stefan Pillhofer ist gelernter Toningenieur und hat viel Zeit seines Lebens in Tonstudios verbracht. Er hat viel Hörerfahrung mit klassischer und Neuer Musik gesammelt und liebt es genau hinzuhören. In den letzten Jahren hat sich die Neue und zeitgenössische Musik zu einem seiner Schwerpunkte entwickelt und er ist stets auf der Suche nach neuen Komponist*innen und Werken. Stefan betreibt das Online-Magazin Orchestergraben, in dem er in gemischten Themen über klassische Musik schreibt. Darüberhinaus ist er auch als Konzertrezensent für Bachtrack tätig.
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