Ein Beitrag von Julia Kaiser
Musik zu den Sternen zu schicken war in den ersten sonnigen Maitagen wohl nirgends schöner als im Maillepark von Esslingen. Das PODIUM Festival holte sein Thema Music for Aliens mitten hinein in die Stadt. Zwischen Spikeball-spielenden Studenten und Flaneurinnen haben Paare Picknickdecken unter den hohen Kastanien ausgebreitet und schauen in die Baumkronen, in die Lautsprecher einer Klanginstallation gehängt sind. An manchen Stationen sind Auftragskompositionen und Gedanken der US-amerikanischen Cellistin Andrew Yee zu hören, an anderen erklingt die Tar der Iranerin Elshan Ghasini. Tafeln auf Englisch und Arabisch regen dazu an, Wünsche ins Universum zu schicken. Ein etwa fünfjähriges Mädchen reckt sich an einem Baum nach oben und drückt mit beiden Fäusten auf einen roten Buzzerknopf, mit dem die Musik gestartet wird. Die Töne verbinden sich aus den verschiedenen Richtungen des Parks zu einem Klanggewebe aus schnarrenden Tar-Melodien und zarten Cello-Pizzicati. Während man hindurchspaziert, stellt man sich vor, wie es bis zu den Sternen schwebt. Wer uns wohl zuhört dort draußen?

„Music for Aliens“ als offenes Klangkonzept
Als Alien betrachtet zu werden, das Gefühlt kennt die US-amerikanische Komponistin Inti Figgis-Vizueta nur zu gut. Schon zum dritten Mal war sie bei PODIUM zu Gast. In Esslingen fühle sie sich sehr willkommen und freudig wiedererkannt, erklärt sie. Als Trans-Frau, vor allem aber mit ihrer sehr besonderen Art zu komponieren, erlebe sie das längst nicht überall so. Wie Versuchsanordnungen lesen sich ihre Partituren, graphisch, notiert wie in einer Endlosschleife, in die Musikerinnen und Musiker an einem Punkt ihrer Wahl einsteigen können, oder auch mal nur als Fließtext mit Spielanweisungen. Besonders häufig schreibt die in New York lebende Komponistin für Streichquartett – Kronos-, Attacca- und JACK Quartet haben schon Auftragswerke uraufgeführt. Das Rothko String Quartet stellt mittelalterlichen Werken gleich drei Stücken von Figgis-Vizueta gegenüber, beim sphärischen Mayu (the great river) klingen kleine Handglocken aus Messing unerwartet aus den hinteren Publikumsreihen, die Glocken der Franziskanerkirche vollenden mit ihrem Stundenschlag die Verbindung zu den Geräuschen der Stadt und die der Zuhörerinnen und Zuhörer mit dem Ensemble.

„Geschichten aus dem Innern der Nacht“ erzählte das popkulturelle Schlüsselwerk Rave schon 1998. Die Theaterregisseurin und Autorin Frieda Lange verortet diesen Einblick in Teenager-Einsamkeit, die im Club zelebriert oder einfach weggetanzt wird, ganz aktuell. Eine spontan gecastete Gruppe von Jugendlichen tanzt durch eine von Esslingens zahllosen stillgelegten Industriehallen. Mal vor den Augen des Publikums, dann, stahltreppauf, stampfend über dessen Köpfen und schließlich, wie als bewegte Hinterglas-Malerei, in der nächsten Montagehalle. Die Zuschauenden bleiben auf ihre Klappstühle gebannt – mittanzen ist nicht vorgesehen – getröstet vielleicht durch Chopin-Nocturnes, die die sich selbst so bezeichnende Klavier-Person Nasti mit leichter Hand auf einem in die Jahre gekommenen Instrument interpretiert – um schließlich selbst tanzend im Rave aufzugehen. Techno-Fans finden Zugang zu Klaviermusik, Klassik-Liebhaber erleben die Energie, die in kalten Beats stecken kann. Die Regisseurin lässt die Rollen von Beobachteten und Beobachtern verschwimmen, so wie die Trennschärfe zwischen eventuellen musikalischen Zugehörigkeiten längst aufgehoben ist. Wir selbst sind Aliens, und die Musik ist offen für uns alle, kommentierte das der künstlerische Leiter von PODIUM, Josten Ellée. Und Music for Aliens sei in Wahrheit die Ermöglichung von Partizipation.

Komposition, Identität und neue Perspektiven
Sogar post mortem. In ihrem Projekt Elementarzeichen spielt die Bratschistin Ruth Kemna ein Lamento Geflüchtete Menschen, die im Mittelmeer ertrunken sind. In Geflüchtetenunterkünften auf Sizilien hat sie mit Menschen daran gearbeitet, die ihre Flucht überlebt haben. Für die Komposition verwandelte sie geografische Koordinaten vor der Insel Lampedusa in ein Notationssystem. Aus den Punkten, an denen Schlauchboote gekentert sind, schrieb sie ein Stück für Solo-Bratsche – mit einer Installation aus Video und langen Papierbahnen, auf denen die Noten vom Mittelmeerwasser verwaschen und ausgeblichen sind. Das anschließende Gesprächsangebot auf Einladung des Vereins Afrokids International unterstreicht, dass die Performance nicht eine Aneignung fremder Trauer ist, sondern sensible Anteilnahme.
Music for Aliens wird zum Plädoyer für Vielfalt und Brücken, die aus dem Spezialistentum von neuer Musik hinaus oder auch mitten hineinführen können. In einer Montagehalle rückt das Ensemble Reflektor den Umgang mit neuen Medien in den Fokus. Arnold Schönbergs 1930 geschriebene Begleitmusik für eine Lichtspielscene ist nicht besonders tief ausgeleuchtet. Aber die im Auftrag des Ensembles komponierten, grell und in reflexhaftem Stakkato geschriebenen Meme-Suiten von Yuri Umemoto und Georgia Koumará bringen auf den Punkt, was in Zeiten kürzester Aufmerksamkeitsspanne in Social-Media-umgeformten Gehirnen geschieht – und verdienen daher zumindest Sekundenbruchteile von Beachtung.

Zwischen gesellschaftlichem Anspruch und musikalischer Utopie
Überraschend, dann aber auch wieder genial gesetzt ist der Epilog. Das Rothko String Quartet setzt sich nach zehn intensiven Tagen Schuberts Streichquintett C-Dur D956 aus. Cellistin Andrew Yee ist mit anmutiger und gleichzeitig titanenhafter Souveränität der Anker, an den sich die anderen, gelegentlich in Schwimmen geratend, klammern auf dem Abstieg in diese Voraussicht des eigenen Todes, den Sturz in etwas, das Schubert wohl nur als Hölle erwarten Könnendes schrieb. In der Intimität eines zwar auch wie die meisten Konzerte ausverkauften, aber nur mit 100 Stühlen ausgestatteten Epilogs, bei offenen Rolltoren in einer Druckereihalle erklang die Uraufführung, die alles Verbindende dieses Festivals zusammenführte. Inti Figgis-Vizuetas Streichquintett Samara, inspiriert vom mit Propellerflügeln gezierten Samen des Ahorn-Baums flirrt und zittert in langen improvisierten Bögen von Klangclustern, die auf ein fast unerträglich energievolles C-Dur zusteuern.
PODIUM Esslingen ist es in seinem 17. Jahr gelungen, nicht nur musikalische Genregrenzen wirkungsvoll aufzuheben, sondern sich auf vielen Ebenen eng mit der Stadtgemeinschaft zu verbinden. Beispielhaft in einer Zeit des Pessimismus und der kulturellen Kälte.
Titelfoto © Diana Lim
Podcast NextConcert – die Zukunft in klassischer Musik
www.julia-kaiser.info/podcast
Hier geht es zum Interview mit der Komponistin Inti Figgis-Vizueta.


