Portrait-Konzert: Arvo Pärt in der Elbphilharmonie

Ich kenne Menschen, die gehen oft ins klassische Konzert. Sehr oft. Fast wundere ich mich über die Beharrlichkeit, mit der diese Kulturerlebnisse da als zentraler Bestandteil des Alltags installiert werden. Doch der Abend mit dem Tallinn Chambers Orchestra und dem Estonian Philharmonic Chambers Chor in der Elbphilharmonie im Rahmen des Portrait-Konzert: Arvo Pärt hat eindrucksvoll gezeigt, wie lohnenswert eine derartige Konzertausbeute sein kann, wie wichtig dabei der Kontext der Beteiligten ist, und wie stark und langanhaltend das Gemeinschaftserlebnis Aller im Saal den Lebensalltag erhellen kann. 

Portrait-Konzert: Arvo Pärt
Tallinn Chamber Orchestra, Foto by Kaupo Kikkas

 

Carte Blanche

Aufgrund des noch nachwirkenden 50. Jubiläumsjahres von ECM Records hatte dessen Gründer Manfred Eicher für die Organisation des Festivals “Reflektor Manfred Eicher” die “Carte blanche” für die Elbphilharmonie bekommen, diesen großen Schlüsselbund, von dem wir alten Klassik DJs ja alle träumen. Kaum überraschend wurde als ein zentraler Punkt das Portrait-Konzert: Arvo Pärt gesetzt, mit fünf Werken des estnischen, heute 84-jährigen Komponisten, und sowohl Orchester als auch Chor zeigten sich als perfekte Interpreten für diesen Abend. Pärts Musik braucht kein Getöse, kein Glitzer und Glimmer, keinen Starrummel, vielleicht braucht sie genau diese Musiker, die ohne vorauseilenden Ruf einfach nur kommen um zu spielen, die tief in dieser Musik ruhen können, deren Seele schätzen und hervorzaubern, und die das Gastspiel in der Elbphilharmonie mit Dankbarkeit ehrten.

Highlight, aber unprätentiös

Und so vermochten es die Beteiligten gleich zu Beginn eindrucksvoll darzustellen, warum “Fratres” das meistgespielte Werk Pärts ist. Schon die Entscheidung, den Solopart vom ersten Konzertmeister Harry Traksmann spielen zu lassen zeigte die Konzentration auf den reinen Vortrag, gelang es ihm doch mit seiner unprätentiösen Art perfekt das Orchester zu repräsentieren. Seine tiefe Konzentration auf die Details und die Liebe für das Wesen des Werkes stellten die Komposition mit Zauber und Klangfülle in den Raum. Nicht nur die vielen schnellen Passagen reizten Traksmann im Vortrag, es war vor allem die für dieses Stück so wichtige Zwiesprache mit seinem Orchester in den vielen, unterschiedlichen Interaktionen und Zusammenklängen, die das hohe Vortragsverständnis des Solisten zeigte.

Verblüffenden Gestaltungswillen bewies das Ensemble dann beim zweiten Stück des Abends, dem “Cantus in memoriam Benjamin Britten”. Die vielen schwebenden, fast fugenartigen Melodieverschränkungen spielte das Orchester mit erstaunlicher Schwerelosigkeit, so als wollten sie die Formen der Komposition auflösen, um dann auf eine eher moderat ausgeführte Schlußsteigerung hinzuspielen. Auch der Chor, der im dritten Stück “Adam’s Lament” hinzu kam, strahlte Interpretationsfreude aus, stellte sich mit klaren Abgrenzungen der Stimmen und akkuraten Tonansätzen als ein überraschend dynamikstarkes Kammerensemble vor, und es waren gerade die lauteren Passagen, die die hohe Synchronität innerhalb der einzelnen Chorstimmen unterstrichen. Und dann kam auch noch dieser seltene, magische Moment, der nicht jedem klassischen Konzert vergönnt ist, als Chor und Orchester in vollem Lauf ganz miteinander und ganz bei sich waren, genau wussten, was sie wollten und was sie spielten, und einfach nur musizierten, für das den Atem anhaltende Publikum.

Andacht

Im zweiten Teil des Konzertabends erweiterte im “Salve Regina” die Celesta die Besetzung, und fügte sich mit ihrem mittigen Klangspektrum wohl nicht rein zufällig perfekt in die anderen Teile des Gesamtensembles ein, auch Dank der gerade an diesem Abend mit feingliedriger Abbildung dezent mitgestaltenden Saalakustik. Mit genau modellierten Dynamikverläufen und großem Interaktionsverständnis zwischen Chor und Orchester kam die andächtige Feierlichkeit dieses Werkes zur Geltung. Die auffällige Ausgewogenheit in der Besetzung der Stimmen des Kammerchores trug weiterhin zur hervorragenden Balance dieses Vortragsteils bei.

Portrait-Konzert: Arvo Pärt
Estonian Philharmonic Chamber Choir, Foto by Kaupo Kikkas

 

Im abschliessenden “Te Deum” war der Chor dann gemäß der Besetzung dreigeteilt, und ein präpariertes Piano erweiterte einmal mehr das Instrumentarium. Die vielen christlichen Bezüge in Pärts Musik fanden hier ihren Höhepunkt, und gerade am Anfang stellten die Sänger*Innen die gregorianischen Intentionen des Komponisten gefühlvoll heraus, um dann im weiteren Verlauf anmutig und mit vollem Chorklang durch die Wandlung von Moll nach Dur zu führen.

Ich habe nicht oft einen so bewegenden Schlussapplaus in diesem Saal erlebt, wie den, als Pärt und Eicher auf der Bühne voller Dankbarkeit die ihnen auch aus Respekt vor ihren jeweiligen Lebenswerken geschenkten Ovationen umarmten.

Besetzung

Tallinn Chamber Orchestra
Estonian Philharmonic Chamber Choir
Harry Traksmann Violine
Dirigent Tõnu Kaljuste

Programm

Arvo Pärt
Fratres / Fassung für Violine, Streicher und Schlagwerk
Cantus in Memoriam Benjamin Britten
Adam’s Lament für Chor und Streichorchester

Pause

Salve Regina für gemischten Chor, Celesta und Streichorchester
Te Deum für drei Chöre, präpariertes Klavier, Tonband (Windharfe) und Streicher 

Zugabe:
Arvo Pärt
Vater unser

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