Preview: all that dust – batch 2

Das immer noch junge Label all that dust hatte ich hier schon vorgestellt. Nach ihrem ersten Jahr legen nun die drei Betreiber Newton Armstrong, Juliet Fraser und Mark Knoop ihren zweiten Veröffentlichungszyklus vor. Dass die erste Charge an Veröffentlichungen letztes Jahr so viele gute Besprechungen bekommen hat, war eine erfreuliche, aber auch logische Rückmeldung, konnte in mir aber nicht ganz die Sorge vertreiben, dass solch eine neue Unternehmung in nicht sehr großem Maßstab vielleicht schon wieder endet. Da ist die zweite Veröffentlichungsreihe nun ein guter Schritt auf dem weiteren Weg. Zumal die Drei jetzt wieder sehr interessante Projekte präsentieren, mit zwei CDs und zwei binauralen Veröffentlichungen, die speziell auf das Hören mit Kopfhörern zugeschnitten sind. Alle vier Veröffentlichungen werden begleitet von Covertexten, die wie im letzten Jahr von der Musikwissenschaftlerin Laura Tunbridge verfasst wurden.

Die vier Veröffentlichungen werden ab dem 15. Oktober verfügbar sein, dazu findet noch ein Launch Event statt am 10. November im Cafe OTO.

Jetzt schon ist es möglich Zusammenschnitte der Veröffentlichungen hier vorzuhören.

Tim Parkinson ‘Piano Music 2015-16’, gespielt von Mark Knoop (Klavier)

Die Stücke aus Tim Parkinsons Zyklus sollen Klaviermusik in der heutigen Zeit definieren. Mit viel Reduktion und Repetition schafft der Komponist einen sehr intimen Raum für Hörer und Pianist, in dem die Wandlungen von wiederholten Themen wie ausgestellte Objekte beobachtet werden können. Mark Knoop spielt hier seine große Erfahrung mit zeitgenössischer Musik voll aus. Er muss sich nicht mit übereifriger Interpretationsarbeit in den Vordergrund spielen, sondern kann die Musik angenehm für sich selbst stehen lassen. Durch diese ruhige, sehr bedachte Vorgehensweise kann er auch meditative Aspekte in der Musik herausarbeiten, und präsentiert die sehr langen Themenbögen in den Kompositionen genau so, daß sie letztlich zu diesen großen, weitereilenden Musikstücken werden können.

Die stark repetitiv-minimalistischen Anlagen in den Stücken aus 2016 bringt Knoop mit Beharrlichkeit auf den Punkt und nutzt dabei geschickt verschiedene Anschlagstärken des Klaviers.

 

Cassandra Miller ‘Songs about Singing’, gespielt von Plus-Minus Ensemble und Juliet Fraser (Sopran) 

Hier hat sich Juliet Fraser etwas vorgenommen. Das Plus-Minus Ensemble gibt ihr die Bühne um mit viel Interpretationskraft die Songs vorzutragen. Oft geht es hier um feine Unterschiede in der Intonation und unmerklichen Tonhöhenveränderungen. In “Bel Canto” macht sie mit  markanten Vibrato, eindrucksvoller Formantstruktur sowie epochentypischen Tonansätzen in der Rhytmusstruktur den Namen zum Programm, setzt ihn aber nicht nur Dank der Komposition in einen modernen Kontext.

In “Traveller Song” hört man die Komponistin selbst, als sie zu einem Folk Song singt und summt, während sie ihn mit Kopfhörern hört. Oft entstehen dabei interessante Lautstärkeverhältnisse im Vergleich zu den Ensembleinstrumenten, so dass eine fast gleichberechtigte Erscheinung der verschiedenen Akteure möglich wird, gerade wenn Miller immer wieder abtaucht in der Ensemblebegleitung.

In “Tracery: Lazy, Rocking” sind mehrere Stimmen Frasers kombiniert. Beide “Tracery”-Sätze basieren auf einer langfristigen Zusammenarbeit zwischen Miller und Fraser, wobei die Sängerin das Durchleben einer Body Scan Meditation gesanglich vertont. Hier kann sie mit geraden und traditionell gesungenen Tönen interessante Harmonieräume und durch Dopplungen erzeugte Schwebungen eröffnen. 

 

Georgia Rodgers ‘A to B’, gespielt von Serge Vuille (Percussion) und ‘Late lines’, gespielt von Séverine Ballon (Cello)

In diesen Kompositionen von Georgia Rodgers wird jeweils ein Soloinstrument durch Verstärkung in seinen Klangdetails vergrößert, und wie durch ein Mikroskop betrachtet. Anschliessend werden die Klänge durch Nachbearbeitung in mehreren Schichten kombiniert, so dass insgesamt die Grenze zwischen Klangquelle und Bearbeitung verwischt wird.

“A to B” schafft ein Umfeld in dem Percussion durch die Verfremdung überraschende, klangliche Wendungen nimmt und mit mehrfachen Steigerungen dem Stück eine interessante Struktur gibt. 

In “Late lines” dominieren geräuschhafte, manchmal klaustrophobisch wirkende Klangteppiche die Komposition, die aber irgendwann in Lautstärke und Intensität ansteigen und richtig bedrohlich werden. Das Cello wird hier so verfremdet, dass schleifen auf Saiten zu rauschen wird, Flageolets werden zu starken Pfeifgeräuschen. Teilweise erinnert das an Zuggeräusche, und bedingt bei mir manchmal beengende, beängstigende Gefühle, und die Sehnsucht nach Weite, aber auch die Hoffnung auf sich öffnende Räume. Das ist es was Neue Musik machen kann, mit so geringen Mitteln eine so große Bandbreite an Gefühlen in sehr kurzer Zeit anzusprechen. 

Karlheinz Stockhausen ‘KONTAKTE’, gespielt von George Barton (Percussion) und Siwan Rhys (Klavier)

Dieses bekannte Stück entstand in den Jahren 1958-60 und wurde für all that dust wieder aufgenommen. Die “Kontakte” zwischen akustischen und elektronischen Klängen sollen dem Zuhörer in punktuell geöffneten Klangräumen dargestellt werden. Beide Musiker sind auch ausserhalb der Aufnahme Duopartner, und haben langjährige Erfahrung in Ensembles für Neue Musik. Man scheint den Spaß fast zu hören, mit dem die beiden an dieses bekannte Werk gehen, die Neugier mit der sie die vielen Einzelteile (Momente) der Komposition durchwandern, wodurch sie das auch für den Hörer kurzweilige dieses Stückes mit viel Witz betonen. Die elektronischen Anteile kamen interessanterweise von Stockhausens Originaltape, zu dem die Beiden musizieren.

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