Einfach Klassik.

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Putbus Festspiele 2026: Ein Neuanfang mit Haydn und Mozart

Ein Beitrag von Ekkehard Ochs

Es gab schon immer gute Gründe, der Insel Rügen einen Besuch abzustatten. Manche locken seit Jahrhunderten; zunächst Naturfreunde (mit noch heute lesenswerten Reiseberichten), später dann auch Badefreudige. Man besuchte vorzugsweise die Küsten und dort schnell entstehende Bade- und Kurorte, mit Beginn des 19. Jahrhunderts aber auch das zentral gelegene Putbus. Der Ort war Sitz einer Fürstenfamilie, die Anfang des 19. Jahrhunderts für eine Reißbrett-Neuanlage der Stadt sorgte  („weiße Stadt“). Im Zentrum gibt es ein Schloss samt Park, Orangerie und Marstall. In Boddennähe bietet man einen eigenen Badeort (Goor) und am zentralen Platz ein  klassizistisches Theater. Letzteres sorgte dafür, dass mit Schauspiel und Musiktheater auch den Musen Platz eingeräumt wurde. Und heute? Seit wenigen Jahrzehnten ist Rügen Schauplatz hochkarätiger Musikfeste, die inzwischen ein großes Publikum in die lauschigsten Veranstaltungsorte Rügens locken. Darunter jährliche „Putbus-Festspiele“, deren (seit der Wende beginnende) verzwickte, ja geradezu holprig verwickelte, aber künstlerisch interessante Geschichte größeres Interesse verdiente, hier aber nicht weiter erörtert werden soll. Es ist ein langer Selbstfindungsprozess mit vielen hoffnungsvollen Ansätzen, wechselnden Initiatoren, Erfolgen und Misserfolgen, letztlich aber eine Erfolgsgeschichte, die nun, am 14. Mai 2026, unter wieder  auch neuen Aspekten, erfolgreich gestartet wurde. Dies mit einem neuen Leitungsteam, dass das Theater Putbus als Spielort des Theaters Vorpommern, den Förderverein des Putbuser Theaters sowie die Pianistin Tatjana Blome und den Dirigenten Jürgen Bruns als künstlerisch Verantwortliche miteinander vereint. 

Siebzehn Veranstaltungen umfasst das diesjährige Programm, verteilt auf das Theater Putbus (14), die Schlosskirche (1), die Orangerie (1) und den Park (1). Aufschlussreich dabei die jeweiligen inhaltlichen Akzentsetzungen. Sie verraten etwas von einem Konzept, das von größtmöglicher Angebotsbreite ausgeht und – wie im Begrüßungswort des mehr als 50 Seiten umfassenden, sehr informativen Gesamtprogramms formuliert – unter dem Hauptmotto DAS BESONDERE FINDEN. MUSIK, THEATER, KUNST, TANZ  ein „unterhaltendes, tiefgründiges und vielfältiges Programm“ anbieten will. Und so finden sich etwa Themen wie „Klassik lebt“ I und II, „Hören und Swingen“, „Hören und Genießen“, „Hören und Sehen“, „Hören und Singen“, „Hören und Flanieren“, „Gran Partita“, „Kult trifft Klassik“ , „Tanztheater“,  „Musiksalon“, „Ballettgala“ , „Wolfgang Jacobi“, „Harald Sumik“ und „Korea traditionell“. Beabsichtigt sind, ausdrücklich auch so formuliert, „Grenzgänge“ und „spannende Geschichten“ in vielerlei Darbietungsformen und mit unterschiedlichen Ansprüchen sowie die erklärte (und nur zu unterstützende) Absicht, dabei auch diverse inseleigene kulturelle Potenzen zu nutzen, das Festival also bewusst hier zu verorten und als „eigene“ Initiative bodenständig zu verankern. 

Die Putbus-Festspiele zwischen Tradition und Neuanfang

Mit solcherart Bandbreite wollen sich die Putbus-Festspiele im Umfeld anderer Aktivitäten ein eigenes Profil sichern. Damit und nun auch neuen Akzenten sind sie damit bislang nicht schlecht gefahren. Und durchweg professionell bleibt das Ganze natürlich ohnehin!

Das betraf akzentuiert schon die Eröffnung im Theater Putbus, für die die Kammersymphonie Berlin unter ihrem Leiter und Chefdirigenten Jürgen Bruns gewonnen werden konnte. Dies mit einem Programm, das – konzeptgemäß – Bekanntes und weniger Bekanntes umfasste;   Überraschungen eingeschlossen. So gab es – eher selten zu hören – Haydn mit seiner Sinfonie Nr. 80 d-moll , Hob.I:80 (um 1784), Mozarts dem gegenüber sehr bekannte g-moll-Sinfonie KV 550 (1788), Arthur Honeggers „Pastorale d´été“ für Kammerorchester von 1920  sowie – besonders gefeierte Überraschung – Lieder und Songs für Kinderchor und Orchester.

Eröffnungskonzert mit Überraschungen und regionalen Impulsen

Bleiben wir gleich bei Letzteren. Als Kinderchor der Musikschule Vorpommern-Rügen erst im Vorjahr gegründet, ist diese Initiative ein Projekt der Putbus-Festspiele. Wollte in diesem Falle heißen: 15  Kinder zwischen 6 und 14 Jahren mit drei einstimmigen und vom Orchester begleiteten Songs folkloristischer beziehungsweise filmmusikalischer („Dschungelbuch“) Provenienz. Hübsch gemacht das Ganze, gut anhörbar, sympathisch sowieso. Und sinnvoll, weil sich nicht nur musikalisch bildend darauf aufbauen lässt. Dass diverse lokale und regionale Strick-, Häkel und Schneiderzirkel allerliebste Geschenke für diese Kindergruppe angefertigt hatten und dann als Dankeschön nach erfolgreichem Auftritt und unter heftigem Beifall viele Kinderaugen strahlen ließen, sollte nicht nur „nebenbei“ Erwähnung finden. 

Putbus Festspiele 2026, Foto © Theater Putbus
Putbus Festspiele 2026, Foto © Theater Putbus

Ansonsten ging es im Programm schwerpunktmäßig sinfonisch, genauer: klassisch sinfonisch  zu. Eher noch im Vorfeld: Arthur Honeggers kurze, aber sehr stimmungsvolle „Sommerpastorale“, ein Beispiel für sensible, klanglich raffinierte Orchestrierungskunst unter den Aspekten nachklingender impressionistischer Moderne des frühen 20. Jahrhunderts. Acht Minuten reichten dem französisch-schweizerischen Komponisten, um auch in „Kurzfassung“ kompositorisch „malerisch“ zu überzeugen. Was übrigens auch auf die Kammersymphonie Berlin zutraf, die sich sowohl hier als auch bei beiden Wiener Meistern als in allen stilistischen Sätteln „zu Hause“ befindlich erwies. 

Haydn als Entdeckung des Abends

Überraschung also schon beim einleitenden Haydn. Die Aufführung von dessen d-Moll-Sinfonie von 1784 – übrigens in keinem der vielen  gängigen Konzertführer erwähnt – lohnte aufmerksamstes Hinhören. Umso mehr, als Bruns, dessen akribisches interpretatorisches Herangehen wir schon von früheren Auftritten kennen, auch hier wieder keine gestalterisch überzeugende Möglichkeit ausgefeiltester Darbietung ausließ. Jeden Ton, jede Phrase ernst nehmen, Haydns immer auf der Suche befindlichem und in nicht immer gleich auffallendem Einfallsreichtum umgesetzten künstlerischen Geist nachzuspüren und so sensibel wie kontrastreich „redend“ in jedem Detail umzusetzen – das bewährte sich erneut als Programm differenzierender, ungemein dynamischer Gestaltung. So mit Leidenschaft, Verve und musikantischer Stringenz umgesetzt, erweist sich Haydn als Meister sinfonischer Formung, ja, als wahrer Begründer und entscheidender Weiterentwickler der Gattung. Und das nicht nur mit der im Vergleich zur hohen Gesamtzahl (107) doch sehr eingeschränkten Präsenz immer wieder präsentierter, „gesetzter“ Werke! Gerade die Sinfonie Nr. 80 als nur eine von wenigen Moll-Sinfonien des Meisters verdient – so eindrucksvoll wie ausdrucksstark bewiesen – kein Schattendasein

Mozart als sinfonischer Höhepunkt

Mozart kennt solche Probleme in eher geringem Umfang.. Und schon gar nicht bezüglich jener drei sinfonischen Spätwerke, die als Meilensteine der Gattung weltweit die Konzertprogramme zieren. Darunter jene g-Moll-Sinfonie, die auch an diesemAbend zum besonderen Glanzpunkt geriet. Handfest, kraftvoll, auch schon mal schroff und kontrastgeschärft, gestalterisch auch hier von feinster Durcharbeitung, sprühender Lebendigkeit und geprägt vom Willen zu einer sinfonisch bedeutsamen Aussage, entließen Jürgen Bruns und seine bestens aufgelegte Kammersymphonie Berlin ein sichtlich beeindrucktes Publikum.  

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