Einfach Klassik.

Einfach Klassik.

Sabine Grofmeier, Mathias Weber und die Hamburger Camerata in der Elphilharmonie

„Ich konnte hier alles machen, was geht“, freute sich die Klarinettistin Sabine Grofmeier. Eines hatte sie am meisten überrascht: Die spezielle Akustik in Hamburgs Elbphilharmonie, die oft als „trocken“ beschrieben wird, erwies sich als ausgesprochen freundlich gegenüber ihrem Spiel, da sie verblüffend viel Rückmeldung gibt. Was umso mehr gut tut, wo doch der erste eigene Auftritt in diesem meistgefragten Musentempel etwas ganz Besonderes im Leben darstellt. Auch für die aus dem nördlichen Ruhrgebiet stammende, in Hamburg lebende Künstlerin, die hier zusammen mit der Hamburger Camerata und dem Pianisten und Dirigenten Mathias Weber ihren großen Auftritt hatte. 

Die Matineekonzerte in der „Elphi“ haben sich als Publikums-Selbstläufer etabliert. Ein Glücksfall auch für die Hamburger Érard-Gesellschaft, die hier Höhepunkt ihres diesjährigen Érard-Festivals begehen konnte. In vielen exklusiven Recitals wird die verfeinerten Klangkultur der historischen Érard-Flügel entdeckbar gemacht. Mathias Weber, Pianist und auch Komponist ist ein nachdenklicher Musikforscher, der in seinen beachtlichen Neubearbeitungen einschlägiger Meisterwerke der tiefen Wahrheit zwischen den Zeilen des Notentextes weiter auf den Grund geht. Aus einem solchen Erfindergeist ging auch seine jüngste Uraufführung hervor: Eine „neue“ Orchesterbearbeitung von Johannes Brahms Klarinettensonate f-Moll opus 120/1, die lichtdurchfluteter, anmutiger, weil eben doch kammermusikalischer daher kommt, als Luciano Berios, von deutlich mehr romantischem Orchesterpathos durchdrungene Adaption aus dem Jahr 1986. 

Hamburger Camerata, Foto von Stefan Pieper
Hamburger Camerata, Foto von Stefan Pieper

Sabine Grofmeier hat zu dieser empfindsamen Sonate schon lange ein tiefes Verhältnis. In der „Elphi“ geht die Rechnung auf, dass die Kombination aus Werk, Interpretin, Zeit und Ort Berge versetzt. Zu einer überraschenden Streichereinleitung der Hamburger Camerata erhebt sich ihr höchst kantabler Klarinettenton, um dann den festlichen, zugleich tief empfindsamen Gestus mit großer Strahlkraft in allen Sätzen aufrecht zu erhalten. Wo bislang der Dialog mit dem Klavier stand, da bauen sich jetzt verblüffende Querverbindungen und Berührungen zu vielen Orchesterinstrumenten auf. Mathias Weber beschreibt später seinen eigenen schöpferischen Prozess: „Ich höre beim Klavierpart eines solchen Originals manchmal andere imaginäre Instrumente“. Das Miteinander zwischen spielerischer Bravour und starken Emotionen verdichtet sich noch weiter im langsamen Andante. Die Interpretin ist selber sichtlich überwältigt – von der Musik in diesem Moment an diesem Ort, von der Reaktion des Publikums, welches spürt, dass da jemand ehrlich auf der Bühne agiert. Das Menuett des dritten Satzes kommt fast wie ein Walzer daher. Molto vivace und in sonnig aufblühender Klangpracht gelangt die vertraute, zugleich völlig neue Komposition in ihre Zielgerade. 

Sabine Grofmeier mit Empfindung

Befreite Emotionen ließen tosenden Beifall folgen. Das befeuerte Sabine Grofmeiers Zugaben – und wie! Viele wollen Piazolla spielen. Aber kaum jemand beherrscht wie diese mutige Solistin ein dermaßen organisches Crescendo in jedem einzelnen Ton und ein geschmeidige Phrasierung, die jedes klassik-sozialisierte Korsett von „richtiger Intention“ souverän überwindet. Musik im Konzertsaal „funktioniert“ vor allem dann, wenn eben nicht nur die Experten befriedigt sind, sondern vor allem das unvoreingenommene „Laufpublikum“ erreicht ist. Sabine Grofmeier erreichte dies an diesem Morgen vor allem durch das Zulassen und Zeigen von Empfindung. Zu Teilnehmenden wurde schließlich das Publikum in einer Mitmach-Aktion, in der sie im Brahmschen Wiegenlied „Guten Abend, Gute Nacht“ zum Mitsummen der Melodie einlud. 

Sabine Grofmeier, Foto von Stefan Pieper
Sabine Grofmeier, Foto von Stefan Pieper

Ein Konzert in der „Elphi“ zu veranstalten, beschert der Érard-Gesellschaft nicht nur eine immense Publikumsreichweite, sondern vermittelt darüber hinaus die Klangerfahrung dieser historischen Flügel, die – so gänzlich anders konzipiert – vor dem späteren weltweiten Siegeszug der Steinway-Instrumente die Konzertsäle des 19. Jahrhunderts dominierten. Beim Auftakt dieses Konzertes, Brahms Vier Klavierstücken op. 119 aus dem Spätwerk, bündelte sich diese ganze große Philosophie in jedem einzelnen Ton: Unter Mathias Webers Händen wirken dieses skizzenhaften Werke wie stark komprimierte Seelengemälde – eine Stimme, die sich haushoch über jeder Kategorie von spieltechischer Bravour emanzipiert. Der Klaviersolist als Orchesterleiter im Zentrum eines sinfonischen Gefüges – diese Konstellation kam zum Finale dieses ausverkauften Konzertes in einer weiteren Bearbeitung von Mathias Weber zum Tragen.

Hellwache Interaktion

So hat er das Brahmsche Klavierquintett f-Moll opus 34 zu einer ausdrucksmächtigen Kammersinfonie ausgeweitet. Große orchestrale Spektren, weite atmende Räume tun sich in den ausgedehnten Sätzen aus. Die hellwache Interaktion zwischen den Instrumenten – exemplarisch gewürdigt sei hier nur ein hinreißender Solocello-Part als Antwort auf das Klavierspiel, blieb dabei dem Geist des kammermusikalischen Originals in wunderbarer Weise treu. So wie hier geht es im Idealfall zu, wenn in einer lebensfrohen Weltstadt idealistische Künstlerpersönlichkeiten an einem Strang ziehen – und dabei auf einen Komponisten zurückgreifen, der ebenfalls ein Kind dieser Stadt war und auch in der Gegenwart noch ganz viel zu sagen hat.

Besetzung

Hamburger Camerata

Sabine Grofmeier - Klarinette

Mathias Weber - Klavier und Leitung

Programm

Johannes Brahms

Vier Klavierstücke op. 119

Sonate f-Moll op. 120/1 / Bearbeitung für Klarinette und Kammerorchester von Mathias Weber (Uraufführung)

Klavierquintett f-Moll op. 34 / Bearbeitung für Klavier und Streichorchester von Mathias Weber

Hinweis

Am 6. Dezember gibt es in der Laeiszhalle der Elbphilharmonie eine Soiree Erard, die ebenfalls von der „Erard-Gesellschaft ausgerichtet wird.

Icon Autor lg
Musik und Schreiben sind immer schon ein Teil von mir gewesen. Cellospiel und eine gewisse Erfahrung in Jugendorchestern prägten – unter vielem anderen – meine Sozialisation. Auf die Dauer hat sich das Musik-Erleben quer durch alle Genres verselbständigt. Neugier treibt mich an – und der weite Horizont ist mir viel lieber als die engmaschige Spezialisierung, deswegen bin ich dem freien Journalismus verfallen. Mein Interessenspektrum: Interessante Menschen und ihre Geschichten „hinter“ der Musik. Kulturschaffende, die sich etwas trauen. Künstlerische Projekte, die über Tellerränder blicken. Labels, die sich für Repertoire-Neuentdeckungen stark machen. Mein Arbeitsideal: Dies alles fürs Publikum entdeckbar zu machen.
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