Einfach Klassik.

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Scharoun Ensemble: Schuberts Oktett mit Feinsinn und Leichtigkeit

Das Schubert-Oktett geht immer! Wie vielen anderen auch ist mir dieses großartige Stück Musik sehr ans Herz gewachsen, und immer wenn eine neue Aufnahme davon erscheint, dann wird sofort Platz im Player freigeräumt. So oft kommt das tatsächlich gar nicht vor, muss man das große Werk von einer Stunde Spieldauer doch erst mal angehen. Jetzt hat es das Berliner Scharoun Ensemble aber gewagt, denn das in F-Dur stehende Oktett D 803 war 1983 das Gründungswerk für die sich weitgehend aus den Berliner Philharmonikern speisende Gruppe. Bei dieser langen Geschichte zwischen Werk und Ensemble erwartet man natürlich eine besonders ausdifferenzierte Darbietung, eine besonders expressive Interpretation. Als dieser Eindruck beim ersten Hören für mich ausblieb, war ich wirklich überrascht.

Scharoun Ensemble Cover

Das Scharoun Ensemble und Schuberts Oktett

Kein Ausreizen der Dynamikbandbreite, kein In-Szene-Setzen bestimmter prominent besetzter Instrumente. Das Scharoun Ensemble dosiert, agiert mit Bedacht, bleibt in vielen Teilen eher beschaulich. Dadurch entstehen dann aber andere musikalische Schwerpunkte. Bei genauerem Hinhören lässt diese feine Zurückhaltung in gemeinsamen Steigerungen im ersten Satz „Adagio — Allegro“ die Musik sehr beschwingt und leicht wirken. Das Horn kann ganz entspannt schlendernd die kleinen Melodien und Einwürfe fast schon beiläufig einbringen. Und dann glaube ich zu verstehen, was diese lange Erfahrung mit dem Spielen der Komposition bewirkt: Die Musik geht leicht von der Hand, wirkt entspannt und ein wenig lässig. Die Melodieübergaben durch die verschiedenen Streichergruppen wirken nie dramatisch, obwohl sie das leicht könnten. Das Scharoun Ensemble spielt den Text mit Feinsinn, pointiert, ma non troppo!

Feinsinn statt Überzeichnung

Dem be- und geliebten „Scherzo. Allegro vivace“ dient diese Herangehensweise dann am allermeisten, die feinen Spitzen in der zentralen Melodie wirken wunderbar festlich und auch humorvoll, in unerschütterlicher Synchronität von den Musiker*innen ausgeführt. Und spätestens hier wird eine weitere Besonderheit dieser Einspielung klar. Das Oktett war für Schubert sein Weg zur Großsymphonik, wobei er streckenweise auch ein Solokonzert anklingen lässt. Die meisten Anteile haben dabei die Violinen, und mit Wolfram Brandl und Rachel Schmidt hat das Ensemble zwei höchst ausdrucksstarke Musiker*innen, die uns in Schuberts Oktett durchweg mit gekonnt modellierten Phrasierungen und meisterlichem Einsatz von Spieltechniken begeistern. Immer wieder werden Themen und Abschnitte am Ende dann noch von der sehr kantablen Geigenstimme gekrönt, sodass mir das Herz aufgeht!
Aber auch die Solostimmen der Klarinette, des Cellos oder des Horns sind mit sehr viel Sachverstand und auch Freundlichkeit gespielt, ein Eindruck, der sich bei jedem Hördurchgang nur noch verstärkt. Die tänzerischen Melodien des fünften Satzes „Menuetto. Allegretto“ bieten den Musiker*innen dazu besonders viel Gelegenheit, während die vom gesamten Ensemble sehr erzählend gestaltete Agogik die eindrückliche Szene setzt.

Kammermusikalische Einheit bis zum Schluss

Der Beginn des letzten Satzes „Andante molto — Allegro“ wirkt dann fast friedvoll, ein weiterer spannender Moment der Aufnahme. Die langgezogenen Tonschichtungen legt das Ensemble nicht einfach dunkel an, sondern eher als Verlauf von dunkel zu hell, da bin ich ganz kurz sogar mal in der Alpensinfonie. Und dann geht es fröhlich trällernd in den Abschluss des Werkes, wo noch mal instrumentales Können abgefragt wird und Gestaltungskraft gefordert ist. Alles kein Problem für das Scharoun Ensemble, man bleibt in der Ausführung als Einheit.
Aufnahmen des Schubert-Oktetts sind also immer beachtenswert, aber gerade bei der Expertise und Musizierfreude in der vorliegenden besteht ausgeprägter Hörgenuss, der sich im Verlauf nur noch verstärkt!

Titelfoto © Peter Adamik

Das Album

Icon Autor lg
Stefan Pillhofer ist gelernter Toningenieur und hat viel Zeit seines Lebens in Tonstudios verbracht. Er hat viel Hörerfahrung mit klassischer und Neuer Musik gesammelt und liebt es genau hinzuhören. In den letzten Jahren hat sich die Neue und zeitgenössische Musik zu einem seiner Schwerpunkte entwickelt und er ist stets auf der Suche nach neuen Komponist*innen und Werken. Stefan betreibt das Online-Magazin Orchestergraben, in dem er in gemischten Themen über klassische Musik schreibt. Darüberhinaus ist er auch als Konzertrezensent für Bachtrack tätig.
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