Einfach Klassik.

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Strom Festival in der Berliner Philharmonie – Eindrucksvoller erster Abend

„Aber die andere Seite der Frage ist eben das Quasi-Monopol der Konzertinstitutionen auf Säle, die nur zum Hören gebaut sind. Es gibt definitiv mehr Musik, die in so eine Hörsituation gehört, als bisher typischerweise dort erklingt. Da steckt die Chance.“ Diese Aussage von Stefan Goldmann, dem Kurator des Strom Festival für elektronische Musik in der Berliner Philharmonie in unserem Interview zum Festival ist mir im Kopf geblieben. Sie hat mich nicht losgelassen, und in mir wuchs der Wunsch, selbst zu erleben, was er damit meinen könnte. Also auf nach Berlin zum Strom Festival.

Festival, Haus und Publikum

Ich besuchte es am Freitag, 6. Februar, und freute mich tatsächlich schon sehr auf diese anderen Hörsituationen, die Goldmann angedeutet hatte. Der Abend war aufgeteilt zwischen DJ-Sets im Foyer der Philharmonie und Neuer Musik / elektronischer Musik im großen Saal. Es wurde also fast das ganze Haus genutzt, und gerade auch während der Sets konnte man sich frei im gesamten Foyer und Treppenhaus bewegen. Oder eben bei der Musik tanzen, was natürlich der Großteil der Gäste tat. Und hier fiel mir auch die freundlich entspannte Atmosphäre auf, die das Festival an diesem Tag bestimmte. Dem sehr heterogenen Publikum schienen alle Zugehörigkeitsansprüche fremd zu sein, und alle waren wohl nur auf den Genuss von Musik fokussiert, waren einfach da. So will man einen solchen Abend und letztlich ja unsere Gesellschaft am liebsten erleben.

Stefan Goldmann
Stefan Goldmann

Eröffnungsset und erste audiovisuelle Performance

Den Anfang machte im Foyer der Kurator Stefan Goldmann selbst. Sein Opening-Set war wohl auch als solches gedacht, startete gemächlich und hieß die Besucher*innen erst mal im Raum willkommen. Im ruhig-noisigen Beginn waren Beats eher nur angedeutet oder gebrochen, Klangwände wurden hochgezogen. Nach ca. 45 Minuten war Goldmann dann aber im Set angekommen und wurde im zweiten Teil deutlich tanzbarer. Nach 1,5 Stunden beschloss er dann unter großem Applaus seinen Auftritt, um das Publikum pünktlich in den großen Saal zu übergeben. Dort warteten dann nämlich der Elektronikmusiker Fernando Corona (unter dem Künstlernamen Murcof) und der Videoanimationskünstler Sergi Palau, die mittels einer großen Projektionsfläche auf der Bühne des Saals eine Live-Audio-Video-Performance präsentierten. Dabei waren beide Medien in Ereignissen und Themen synchronisiert. Während der klangliche Beginn von Drones kombiniert mit wehmütigen Solo-Synthesizermelodien überging in drohend pulsierende, tiefe, perkussive Elemente, blieb das Video sehr organisch, mit nicht zu vielen oder gar schnellen Wechseln. Generell war im gesamten Video das Thema menschliche Körper, die sich teilweise choreografisch durch den Raum bewegten. Eine interessante thematische Synchronisation war die scheinbare Auflösung der Menschen im Video, die als Partikelströme nach oben zu steigen schienen, dabei dann aber doch solide blieben. Zu hören war dabei verschiedenartiges, moduliertes Rauschen, was sich interessant zu einem Gesamtgefühl zusammenfügte. Zum Ende übernahmen dann auf der Projektionsfläche raumgreifende Partikelströme, die von Synthesizer-Flächensounds begleitet wurden.

Murcof + Sergi Palau (live AV)
Murcof + Sergi Palau

„Saffron on grey“ im großen Saal

Nach dem Ende fiel mir wieder dieser Übergang zwischen den Veranstaltungsräumen auf, beim Verlassen des großen Saals, noch ganz unter dem Eindruck der gerade erlebten Performance stehend, dann der Gang ins Treppenhaus und ins Foyer, woher schon das nächste DJ-Set herüberwinkte. Um Mitternacht folgte dann noch ein Programmpunkt im großen Saal, und der sollte es besonders in sich haben. Der Dirigent und Komponist Oscar Jockel präsentierte sein neues Werk „Saffron on grey“, das er eigens für das Festival komponiert hatte, als Uraufführung. Dies zusammen mit dem Ambient-Musiker Fennesz, Mitgliedern der Berliner Philharmoniker und der Karajan Akademie, sowie dem Video-Künstler Lillevan. Innerhalb des kleinen Orchester-Ensembles wurde auch die Pfeifenorgel des Saals eingebunden, was sich als dramaturgisch äußerst mächtig erweisen sollte. Jockels Komposition stellte freundliche und bedrohliche Musik immer wieder blockweise gegeneinander, wenn changierende Klangflächen in eher hellen Harmonien sich langsam auflösten und in sehr düstere, impulshaftere Strecken übergingen. Manchmal meinte ich in den helleren Teilen von manchen Melodien an Sigur Rós erinnert zu werden, für mich ja nicht das Schlechteste. Die Orgel wurde in diesem ganzen ersten Abschnitt subtil bis ungewöhnlich eingesetzt, manchmal, um mit den ganz tiefen Registern viel Energie aufzubauen.

Nach einer sehr langen, beeindruckenden Steigerung, in der das Ensemble eine Melodie ostinativ durcheinander spielte, kam man dann zu einem plötzlich sehr aggressiven Abschnitt, der durch harsche, attackierende Streicherakzente geprägt war, und darauf folgte dann für mich der Höhepunkt des Stücks, ein wahrer Orgel-Exzess, in dem das große Instrument mit viel Registerbreite und weiter Spanne den gesamten Saal martialisch dominierte, was für mich ein wunderbar riskanter, herrlich übertriebener Klimax war. Ich mag in der Neuen Musik die Stellen besonders gern, in denen sie nicht mehr subtil bleibt, sondern, wie hier, fast schon totalitär im Saal herrscht. Das befreit beim Hören Gedanken und auch emotionale Lasten. Mit sehr chorisch gearbeiteten Themen und Elementen spielte sich das gesamte Ensemble dann in den Schluss des Stückes, das danach vom Publikum berechtigterweise frenetisch und überschwänglich gefeiert wurde. Bravo, Bravo!

Ellen Allien
Ellen Allien

Abschluss mit Ellen Allien und Fazit

Dann nochmal um 1 Uhr nachts der Übergang zum letzten DJ-Set. Die von mir schon erwartete Ellen Allien enttäuschte keineswegs, zielte knallhart auf die Tanzbeine der Gäste und spielte uns äußerst effektiv, dunkel und gar nicht so trocken wie man denken könnte, in die Nacht.

Der erste Abend des Strom Festival 2026 war für mich ein mitreißendes, inspirierendes Erlebnis, das in sehr menschlicher Atmosphäre vielfältige Musiken auf allerhöchstem Niveau genießen ließ!

Line-up

20:00–21:30 Foyer: Stefan Goldmann (DJ)
21:45–22:30 Saal: Murcof + Sergi Palau (live AV)
22:30–00:00 Foyer: DJ Pete (anstelle von Ehua)
00:15–01:00 Saal: Fennesz & Oscar Jockel mit Mitgliedern Berliner Philharmoniker und Karajan-Akademie
01:00–03:00 Foyer: Ellen Allien (DJ)

Icon Autor lg
Stefan Pillhofer ist gelernter Toningenieur und hat viel Zeit seines Lebens in Tonstudios verbracht. Er hat viel Hörerfahrung mit klassischer und Neuer Musik gesammelt und liebt es genau hinzuhören. In den letzten Jahren hat sich die Neue und zeitgenössische Musik zu einem seiner Schwerpunkte entwickelt und er ist stets auf der Suche nach neuen Komponist*innen und Werken. Stefan betreibt das Online-Magazin Orchestergraben, in dem er in gemischten Themen über klassische Musik schreibt. Darüberhinaus ist er auch als Konzertrezensent für Bachtrack tätig.
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