Wenn es nicht scheppert und kracht, dann ist es keine Neue Musik! Alben wie das vorliegende „The 21st-Century Orchestra – Music from Brown University“ mit dem Boston Modern Orchestra Project (BMOP) unter seinem Dirigenten Gil Rose können uns von Glaubenssätzen wie diesem und auch von seiner noch schlimmeren Umkehrung heilen. Denn hier gibt es ergreifende, neue Orchestermusik zu hören.
Das Boston Modern Orchestra Project als Motor Neuer Orchestermusik
Das BMOP ist weit mehr als ein Orchester, das sich auf Neue Musik spezialisiert hat. Über dieses Grundhandwerk hinaus laufen in dessen Umfeld immer wieder Projekte, die Neue Musik erarbeiten, dokumentieren und verbreiten. Im hauseigenen Label BMOP/sound wird ein stetig wachsendes Archiv an Aufnahmen auf Tonträgern aufgebaut. Diese Arbeit dient letztlich auch dazu, Repertoire langfristig in den Werkkanon Neuer Musik einzuschreiben.
Das Projekt „The 21st Century Orchestra“ an der Brown University
Dieses Orchester ist damit der ideale Partner für das „The 21st Century Orchestra“-Projekt, das von Kompositionsprofessor*innen der Brown University als Festival betrieben wird, um neue Werke für Orchester zu entwickeln und zu präsentieren. Dabei geht es auch um das Phänomen, dass die Entwicklung und Verbreitung von Neuer Musik im Bereich der Kammermusik einfacher zu bewerkstelligen ist, im orchestralen Feld aber oft stockt aufgrund höherer Kosten und Risiken. Wang Lu, Anthony Cheung, Joseph Butch Rovan und Eric Nathan von der Kompositionsfakultät der Brown University verfolgen mit dem „The 21st Century Orchestra“-Projekt daher auch das Ziel, hierüber mehr zu erfahren und zu erforschen.
Klangliche Vielfalt und technologische Erweiterungen der Werke
Die fünf auf dem Album befindlichen Werke der vier Komponist*innen sind sehr unterschiedlichen Stils, haben dann aber doch einiges gemeinsam. Alle arbeiten mit der Verbindung von zeitgenössischen Instrumentaltechniken und interdisziplinär erweiterten Klangmedien.
Elektronik als Orchesterinstrument
Zu letzteren gehört zum Beispiel das TOSHI-System, das Joseph Butch selbst entwickelt hat und in seinem Werk „Scattering“ zum Einsatz bringt. Letztlich ist es ein neues Instrument, mit dem der Dirigent mittels eines am Handgelenk befestigten Controllers die Erzeugung elektronischer Klänge steuert, die am Vortrag mitwirken. Dadurch wird er auch zum Instrumentalisten und lenkt den Vortrag zusätzlich auf ganz andere Weise. Das liest sich erst mal beeindruckend, und es wirkt wie eine Sache, die man macht, weil man es kann. Aber Butch und der Dirigent Gil Rose betten die elektronischen Klänge so „organisch“ in die Gesamtkomposition ein, dass sie wie eine Instrumentengruppe des Orchesters wirken. Neben der allgemein cineastisch, fast martialisch angelegten Grundstimmung überstreicht „Scattering“ zum Beispiel mit seinen vielen ruhigen Passagen doch eine sehr weite emotionale Palette, und wie auf dem gesamten Album wirkt das BMOP auch hier nicht nur wie ein idealer Partner für den Komponisten, sondern schon eher als Widmungsträger, dem auf den Leib geschneidert wurde. Man hört den Instrumentengruppen des Orchesters überall die hohe Expertise in dieser Musik an, da wird perfekt intoniert, perfekt interpretiert und darüber hinaus mit extrem viel Spielfreude agiert.
Am Anfang der Platte gibt es zunächst zwei Stücke von Wang Lu. Die mittlerweile sehr populäre Komponistin zeigt hier zwei unterschiedliche Werke. „Surge“ zeichnet sich durch seinen fanfarenhaften Charakter aus, und das Ensemble arbeitet die starken Wechsel zwischen Solopassagen und Tutti eindrucksvoll heraus. In diesem Werk zeigt sich aber auch schon die charaktervolle, beeindruckende Harmonik Wang Lus, die dann im zweiten Stück „Voices of the Orchard“ richtig in Erscheinung tritt. Bei der Ausführung kann ich gar keine bestimmten Instrumente hervorheben. Alle Beteiligten gestalten so kraftvoll und akkurat, mit so viel Gefühl für Maß und musikalischen Raum, dass ich einfach insgesamt begeistert bin. Gerade dieses Werk wird für mich durch das BMOP zum großen Hörgenuss, und aufgrund der manchmal witzigen Instrumentierung wähne ich mich ab und an in einem Traum über Richard Strauss.
Etwas komplexer wird es in Anthony Cheungs „Volta“, das durch häufige Themen- und Richtungswechsel bestimmt ist. Da setzt das Schlagwerk harsche Akzente, und die Bläser schalten sich prägnant ein, um dann aber auch in beeindruckenden Kleincrescendi zu wirken. Fast wie ein Murmeln bewegt sich das Stück voran, was vom gesamten Orchester abwechslungsreich ausgeführt wird.
Neue und sehr bewegende Orchestermusik aus einem Hotspot der zeitgenössischen Musik, die von absoluten Expert*innen konzipiert, komponiert und ausgeführt wird! Das ist wirklich ein Schatz!


