Klassik-Alben sind oftmals Endpunkte. Sie werden von Künstler*innen erdacht, dann schlimmstenfalls selbst finanziert, produziert, veröffentlicht und beworben. Danach kommt aber eigentlich nicht mehr sehr viel, idealerweise landet das Werk noch in Bestenlisten, und in extrem seltenen Fällen kommt das Tonprodukt so gut an, dass es über längere Zeit referenziert wird. Aber dann war es das, und die Beteiligten planen schon das nächste Album.
Veränderte Rolle von Klassik-Alben
Die Cellistin Katja Zakotnik hat es anders gemacht. Sie hat nicht ein Album geplant, sondern erstmal eine gUG gegründet, eine gemeinnützige Unternehmergesellschaft. Die Zakotnik Konzertdirektion ist also eine Unternehmergesellschaft, die ausschließlich gemeinnützige Zwecke verfolgt, und die keine privaten Gewinne erwirtschaften darf. Sie hat das Ziel, Musik als Mittel kultureller Bildung, historischer Erinnerung und gesellschaftlicher Verantwortung einzusetzen. Sie verbindet professionelle Konzertarbeit mit Vermittlungs- und Erinnerungsprojekten, fördert Vielfalt im Repertoire und nutzt zeitgemäße Formate, um vor allem junge Menschen zu erreichen.

Bei der Arbeit für Erinnerungskultur und historisch-politische Bildung geht es um die musikalische Auseinandersetzung mit Diktaturen, Exil, Verfolgung und Widerstand. Im Bereich der Musikpädagogik sind ganz konkret Schulkonzerte und die bewusste Arbeit mit Streaming und Playlists geplant, um das Interesse an Musik und Geschichte bei jungen Menschen zu vergrößern. Die klare Positionierung gegen jede Form von Diskriminierung und für Vielfalt ist dabei zentraler Bestandteil.
trust & resistance: Musik als Erinnerungskultur
Innerhalb dieser gUG hat Katja Zakotnik nun das Album „trust & resistance“ produziert, aber eben nicht in einem Produktionsvorgang mit reinem Endprodukt. Auf mich wirkt es eher wie ein Durchgang, hinter dem es noch weitergeht, hinter dem das Album noch weiter wirkt. Viele Zutaten sind hineingeflossen, die musikalischen Fähigkeiten der Cellistin, ihre Expertise in der Programmierung für Solo-Cello, und nicht zuletzt die auch im Unternehmen festgelegten Ziele und ethischen Grundsätze. Auf der anderen Seite, also nach der Veröffentlichung von „trust & resistance“, wirkt das Album auf verschiedene Weise weiter. Zum einen fließen jegliche Einnahmen wieder in die Finanzierung neuer Projekte der gUG, zum anderen wird das zusammengestellte und aufgenommene Programm in zukünftigen Konzertformaten wie Schulkonzerten weiterleben.
Was ist denn nun drin im bereits erwähnten Programm der CD? Hier wird es wieder auf mehreren Ebenen interessant. Da ist zum einen der 75-%-Anteil an Werken von Komponistinnen, der nicht als Marketinginstrument dient, sondern das generelle und basale Ziel der immer weitergehenden Sichtbarmachung solcher Werke darstellt. Noch wichtiger für das Album im Speziellen ist aber das übergeordnete Konzept, nach dem die Auswahl der Stücke funktioniert: Widerstand – Exil – Erinnerung – Zuversicht.
Programm zwischen Widerstand, Exil und Zuversicht
Die „Sephardic Suite“ der Komponistin Elaine Fine nimmt Bezug auf die Vertreibung der sephardischen Juden aus Spanien im Jahr 1492 und bringt die kunstvolle Umsetzung der ursprünglichen Instrumentierung auf Solo-Cello. Katja Zakotnik lässt hier viel Raum, sie lässt Stille zu in ihrem Spiel und stellt manche Töne zögernd in den Raum. So entsteht auf der einen Seite natürlich eine sehr direkte und emotionale Verbindung zwischen Hörenden und dem Vortrag, ich finde aber auch, dass dadurch Raum besteht, in dem die Gedanken über die zugrundeliegenden geschichtlichen Ereignisse Platz haben.

Die Komponistin Lera Auerbach hat dagegen selbst die Erfahrung, ins Exil zu gehen und ohne alles neu anzufangen. Ihr Präludium Nr. 13 aus dem zugehörigen Zyklus spielt Zakotnik mit freundlichen Farben, sehr hoffnungsvoll und mit Perspektive.
Aber die Cellistin bleibt bei der reinen Ausführung nicht stehen. Mit „Wiegala“ hat sie ein Gedicht der Schriftstellerin Ilse Weber, die 1944 zusammen mit der Gruppe Kinder, die sie betreute, in Auschwitz ermordet wurde, für Cello Solo arrangiert. Das Gedicht war noch in Theresienstadt entstanden, gewidmet Webers ältesten Sohn Hanuš, der vor den Nationalsozialisten gerettet worden war. Diese Ambivalenz, in der der Text steht, kommt in Katja Zakotniks Ausführung und Umsetzung mit emotionaler Tiefe zum Ausdruck.
Wie trust & resistance über das Album hinaus wirkt
Diese Flexibilität im Spiel der Cellistin ist eine charaktergebende Eigenschaft für „trust & resistance“, sie setzt die verschiedenen Werke unterschiedlich um, je nach der referenzierten Geschichte und der Weise, wie diese und die Musik mit Zakotniks Ausführung und inhaltlichen Intentionen resonieren.
Es bleibt spannend abzuwarten, auf welche Arten das Album „trust & resistance“ weiter wirken wird und welche Projekte innerhalb der Zakotnik Konzertdirektion noch entstehen werden.
Hinweis: Katja Zakotnik ist Autorin bei Orchestergraben. Der vorliegende Beitrag versteht sich ausdrücklich nicht als Rezension, sondern als Vorstellung eines gemeinnützigen Projekts.


