Trevinos Beethoven-Zyklus – Ein CD Review von Kai Germann

Beethoven

Die Beethoven-Sinfonien gehören zu den meist aufgeführten und eingespielten Werken der Musikgeschichte.  Insofern ist die Auswahl an CD-Veröffentlichungen absolut unüberschaubar. Selbst Fachleuten gelingt es in der Regel kaum, den Überblick zu behalten. Dieser Eindruck hat sich im Beethoven-Jahr 2020 noch einmal verstärkt. Da wird sich so mancher Klassik-Fan nicht ganz unberechtigterweise die Frage stellen, welche Veröffentlichung denn nun lohnenswert ist, gehört und archiviert zu werden. Diese Frage kann nur beantworten, wer möglichst viele Einspielungen miteinander vergleicht. Wohl jeder wird irgendwann seinen Favoriten finden. Der Weg bis dahin ist jedoch nicht ganz einfach. Aber das war Beethoven ja auch nicht.

Die Herausforderung

Robert Trevino hat sich im vergangen Jahr in Zusammenarbeit mit dem Malmö Symphony Orchestra der Herausforderung gestellt, sämtliche Beethoven-Sinfonien live aufzunehmen. Damit gibt er auch gleichzeitig sein Debut beim Label Ondine. Das Ergebnis ist jedoch eher enttäuschend.

So kommt beispielsweise bei der „Eroica“ zu Beginn des allegro con brio die notwendige Dramatik deutlich zu kurz. Auch fehlt der Aufnahme die Wärme, welche beispielsweise Saraste mit dem WDR-Sinfonieorchester auf beeindruckende Weise erzeugt. Der Trauermarsch des 2. Satzes lässt  eine wohlklingende Formulierung eher vermissen. Die tiefgründige musikalische Eloquenz eines Paavo Järvi und der deutschen Kammerphilharmonie Bremen sei hier neben Saraste als deutlich empfehlenswertere Alternative genannt.

Beethovens Fünfte ist ohne Zweifel die berühmteste Sinfonie aller Zeiten. Das Zusammenspiel von Schwung, Rhythmik, Dramaturgie und Tragödie ist unerreicht.  Selbst Klassik-Muffel kennen dieses epochale Werk und ahmen den Beginn des allegro con brio gerne scherzhaft nach.

Interpretationen

Trevinos Interpretation lässt allerdings auch hier die entsprechende Klangfarbe gänzlich vermissen und erscheint eher leidenschaftslos. Es fehlt die monumentale Kraft eines Karajan aus den 60ern oder die vielfältige Eleganz eines Carlos Kleiber aus dem Jahre 1974. Beethoven-Kenner haben die genannten Aufnahmen sicherlich schon einmal gehört.

Die „Pastorale“ gehört mit zu den absoluten Höhepunkten der Sinfonie-Kultur. Beethoven hat dieses musikalische Meisterstück in etwa zeitgleich mit der Fünften komponiert und einen weiteren Satz hinzugefügt. Die harmonischen Frühlingsempfindungen des allegro ma non toppo münden im 4. Satz in einen furchteinflößenden Sturm mit der ganzen Härte eines tosenden Gewitters.

Bei Trevino erklingt diese Passage aber eher wie eine leichte Regenschauer zu nächtlicher Stunde, mit gebremster Dynamik und mangelnder Plastizität.  Die Interpretation erscheint zu nivelliert und gänzlich ohne Nuancen.

Der Chor

Bei der neunten Sinfonie ist die Leistung des MSO Festival Chorus hervorzuheben. Tuomas Katajala und Derek Welton meistern ihren Part auf beeindruckende Weise. Die Stimmen sind glasklar und kraftvoll. Aber ihnen fehlt die klangstarke Untermauerung durch das Orchester (auch hier sei Saraste genannt). Etwas weniger Zurückhaltung hätte der Aufnahme besser zu Gesicht gestanden.

Trevinos Beethoven-Interpretation hinterlässt leider keinen bleibenden Eindruck. Insgesamt fehlt der kompletten Aufnahme das notwendige Bassfundament. Der Funke will bei keiner Sinfonie so richtig überspringen. Beethovens Wucht und Energie kommt nicht tragend zur Geltung. Und gerade darin liegt die ganze Tragik dieser Einspielung. Wo zum Beispiel Riccardo Chailly mit seinem Gewandhausorchester zu einer abenteuerlichen und rasanten Beethoven-Odyssee einlädt, lässt Trevino den Hörer eher ratlos und schulterzuckend zurück. Schlussendlich bleibt die Frage, in welcher Form die Klangqualität der Aufnahme eine Rolle spielt. Live-Einspielungen sind grundsätzlich für jeden Toningenieur immer eine Herausforderung.  Es ist möglich, dass das Live-Erlebnis 2019 einen ganz anderen, weitaus positiveren Eindruck beim Publikum hinterlassen und Trevino den Saal zum Klingen gebracht hat. Wäre das so, ist atmosphärisch betrachtet auf diesen CDs jedenfalls nichts davon wahrnehmbar.

 

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