Das Trio ist eine der beliebten Formationen in der Kammermusik. Das Trio Tempestoso schert in der Besetzung jedoch aus, denn zu den eher erwartbaren Klarinette und Cello gesellt sich ein Akkordeon. Das Tasteninstrument ist geläufig zum Beispiel in der Neuen Musik, in dieser Kombination aber eine Überraschung. Und ich frage mich tatsächlich, warum das so ist!
Das Trio Tempestoso, bestehend aus Sanja Mlinaric (Akkordeon), Andraz Golob (Klarinette) und Urban Megusar (Cello), bringt mit „First Impression“ seinen Erstling, der zudem eine Live-Aufnahme ist.
Trio Tempestoso und sein ungewöhnliches Trio-Konzept
Über die äußerst klug gewählte Mischung aus klassischen Werken und Neuer Musik führt das Ensemble seine Klangcharakteristik sehr breitbandig ein. Während die moderneren Stücke Originalkompositionen sind, was in der großen Besetzungsvielfalt in der Arbeit heutiger Komponist*innen begründet ist, kommt zusätzlich natürlich die Frage auf, wie das Akkordeon in die Werke von Strawinsky, Haydn und Piazolla kommt. Die dafür notwendigen Arrangements stammen in diesem Fall vom Trio Tempestoso selbst.
Und Strawinskys „Pulcinella Suite“ ist der ideale Einstieg in das Album. Mit dem fröhlichen, sehr klassisch wirkenden Beginn kann das Trio gleich mit seinem Gesamtklang verblüffen. Das Werk war schon in Strawinskys Version eine Bearbeitung für Ballett eines barocken Stücks. Gleich in der „Sinfonia“ zeigen die Musiker*innen, wie wunderbar ihre drei Instrumente zu einem Klangkonstrukt verschmelzen. Es scheint, als würde das Akkordeon in seiner Formantstruktur nach oben und nach unten perfekt in den Klang der Klarinette und des Cellos übergehen. Durch seinen dabei oft changierenden Ton wirkt es damit wie das perfekte Zentrum für ein Kammermusikensemble. So kann das Akkordeon Klarinette und Cello innerhalb von Detailthemen jeweils wunderbar komplementieren, ein überraschender Effekt! Und richtig spannend wird es dann, wenn im „Minuetto – Finale“ das Blas- und das Streichinstrument ihrerseits in Unisonolinien perfekt abgestimmte Kooperationen eingehen. Das wirkt dann wie ein Ringschluss, und das Spiel des Ensembles wird dadurch richtig räumlich. Das zeigt, wie passend das Akkordeon im klassischen Kontext ist.
Trio Tempestoso First Impressions im klassischen Repertoire
Ähnliches gilt auch für das „Klaviertrio Nr. 39 in G-Dur, HOB. XV: 25“ von Joseph Haydn. Auch in einer eigenen Bearbeitung erweist sich das Akkordeon als perfektes Ensemblemitglied für diese Musik. Durch seine Besetzung des Mittelraums kann Andraz Golob, der Klarinettist der Berliner Philharmoniker, wunderbar weich mit den nicht allzu hoch gesetzten Melodielinien glänzen. Urban Megusar knüpft mit dem Cello wieder perfekt von unten ans Akkordeon an und gibt mit Bedacht das wohldosierte Bassfundament. Und alle drei Musiker*innen wechseln die Intensitäten so variabel, dass mal das Akkordeon sogar in schnellen Läufen nach vorne tritt, mal das Cello mit einer warmen Bassmelodie aufsteigt. Alle drei ruhen in dieser Besetzung und genießen die durch die vielen Passungen entstehenden Gestaltungsmöglichkeiten.

Eine ganz andere Dynamik entwickelt dieser kombinierte Klangkörper dann in den zeitgenössischen Werken. Eine Originalkomposition für diese Besetzung bringt von vornherein andere kompositorische Möglichkeiten mit sich, dadurch wirken die einzelnen Stimmen oft differenzierter und zielen nicht so sehr auf einen homogenen Klangkörper ab. Alle können hier nochmal variabler spielen, ihr Instrument in größeren dynamischen Bandbreiten bewegen und auch in der Tongestaltung viele neue oder unerwartete Techniken verwenden. In Angela Elizabeth Slaters „Der Same sucht das Licht“, in dem ein musikalisches Fragment von Igor Strawinsky als „Samen“ dient, der weiterentwickelt wird, erlebe ich das sehr eindrucksvoll. In fröhlichem Durcheinanderspiel und regem Wechsel der Stimmen erzählt das Trio Tempestoso kurzweilig, agil und mit viel Witz.
Der heimliche Star des Albums ist für mich aber Sebastian Fagerlunds „Breathe“, in dem das Trio diese große emotionale Tiefe des Stücks mit den vielen nordisch und sehnsüchtig wirkenden Harmonien und Themen mit viel Introversion und Investitionsbereitschaft abbildet. Es lädt uns ein in eine traumhafte Klangwelt, und all meine vorigen Ausführungen zur Besonderheit dieser Besetzung sind plötzlich nicht mehr so wichtig. Es zählen nur noch Musik und Klang, Emotion und Reaktion.
Klangbild und Fazit zu „First Impressions“
„First Impressions“ ist als Live-Aufnahme gekennzeichnet, und das ist eine atmosphärische Besonderheit beim Hören. Allerdings fehlt mir bei der Aufnahme manchmal die genaue räumliche Abbildung der Instrumente, wodurch die Ortbarkeit etwas leidet. Ich freue mich schon darauf, vielleicht mal eine Studioaufnahme des Ensembles zu hören, auf der die drei Musiker*innen die Besonderheiten ihres Gesamtklangs noch beeindruckender darstellen können. Nichtsdestotrotz ist der Erstling des Trio Tempestoso ein höchst beachtenswertes Album, das frischen Wind und großen Hörgenuss in jede CD-Sammlung bringen wird!
Das Album


