In den letzten Jahren bestimmten manche Themen unsere globale Gesellschaft, die vorher nicht existent oder nicht so präsent waren, wie die Pandemie oder die Klimakrise, auch wenn Letztere immer noch nicht so präsent ist, wie sie sein sollte. Das äußert sich auch in der Kultur auf breiter Ebene und charakterisiert das Schaffen von Musikeri*nnen und Komponist*innen.
Beim Hören des neuen Albums „Undreamed Shores“ des Jupiter String Quartet wurde mir das wieder bewusst. Die drei eingespielten Werke waren allesamt für das Ensemble komponiert worden, vor, kurz vor und während der Pandemie. Viele Premieren der Werke fanden online statt, eine sogar im privaten Garten des Komponisten. Nun hat das Jupiter String Quartet diese Werke, die mittlerweile auch oft vor Publikum gespielt wurden, auf einem Album versammelt, und im Ganzen gehört ergibt sich daraus wirklich eine Art Retrospektive der letzten acht Jahre.
Klangliche Retrospektive gesellschaftlicher Krisen
Das seit 2001 bestehende amerikanische Jupiter String Quartet setzt diesen Höreindruck mit warmem, glockig wirkendem Klang um, der sehr weich und hochwertig wirkt. Über den Instrumenten scheint eine noble, seidige Schicht zu liegen, die in meinem Ohr sehr angenehm wirkt.

Michi Wianckos Naturbilder zwischen Hoffnung und Klimakrise
Das wird gleich im Streichquartett „To Unpathed Waters, Undreamed Shores“ der Komponistin Michi Wiancko bewusst. Das Werk entstand kurz vor der Pandemie und thematisiert sowohl die Wunder der Natur und die daraus resultierenden Hoffnungen als auch die Klimakrise und wie wir als Gesellschaft damit umgehen könnten. Zum einen betrauert der zweite Satz „Dream of the Xerces Blue“ das Aussterben des blauen Xerces-Blue-Schmetterlings in Kalifornien im Jahr 1943, zum anderen feiert der dritte Satz „Central Park Microbial“ die Terra Incognita, die weitgehend unerforschte Welt von Mikroorganismen im Boden des Central Park in New York City. Diese klanglich dargestellten Themen setzt das Ensemble mit variabel und organisch ausgeführten Spieltechniken um, da wird gezupft und gekratzt, aber nicht als besonderer Effekt, sondern mit großer Musikalität und Selbstverständlichkeit. In den dann wieder harmonischen Akkordkaskaden gilt wieder dieser warme, weiche Ton, mit dem mich das Jupiter String Quartet so verzaubert. Außerdem fällt hier auch diese Doppelsinnigkeit auf, mit der die Musiker*innen zeitweise vorgehen, wenn Ostinati und Melodiestimmen nebeneinander herlaufen, dann geschieht das sowohl in rollenbedingter Abgrenzung als auch in Ensembleeinheit. Was eigentlich ein Widerspruch ist, wird hier Realität. Noch unwirklicher wird das, wenn die Melodien in dieser Situation in diesem fantastischen Halbflageolett gespielt werden. Und dann kommen die Unisono-Achtelschläge so beeindruckend synchron, dass man kurz an der Mehrstimmigkeit zweifelt.
Stephen Andrew Taylors musikalisches Pandemie-Labyrinth
„Chaconne/Labyrinth“ ist ein einsätziges Quartett des Komponisten Stephen Andrew Taylor. Es stellt seine Gefühlswelt während der Pandemie dar, das Sich-im-Kreis-Drehen, die Suche nach Auswegen. Den elegischen, schwermütigen Beginn spielen die Musiker*innen mit sehr gefälligem Klang, werden dann aber entsprechend eindringlich und auch fordernd, spielen Steigerungen konsequenter aus, kleben Legati kompakter zusammen.

Kati Agócs und die räumliche Wirkung von Klang
Die starken, eindrücklichen Akkordcluster am Beginn von „Imprimatur (String Quartet No. 2)“, einem einsätzigen Quartett von Kati Agócs (fünf Sätze gehen ineinander über), erscheinen so breit und groß, dass ich wieder uninformiert hören möchte, einfach hören und genießen, obwohl hinter diesem Werk natürlich auch eine Geschichte steht. Hier geht es eher um eine Abfolge von Akkorden und rhapsodiehaften Strecken, die dann in wiederkehrende Motive übergehen und am Ende zusammengeführt werden. Das Jupiter String Quartet öffnet dabei viele Räume, in denen es Agócs’ vierdimensionales Kompositionsspiel richtig handwerklich, fast gegenständlich umsetzt.
Auf den ersten Blick erschien mir „Undreamed Shores“ ähnlich zu vielen anderen derzeit erscheinenden Alben, jedoch hat es mich beim Hören positiv überrascht, denn es bietet sehr abwechslungsreiche, hochinteressant konzipierte Neue Musik, die auf Spitzenniveau sehr klangvoll musiziert wird.
Titelfoto © Todd Rosenberg

