Einfach Klassik.

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Usedomer Musikfestival – Klavierkammermusik vom Feinsten

Ein Beitrag von Ekkehard Ochs

Mozart war es, der 1785 und 1786 mit seinen beiden Klavierquartetten KV 478 und 493  einer Besetzung Bedeutung verschaffte, die bis dahin als „begleitete“ Klaviermusik wenig eigenen Spielraum für die anderen Beteiligten, nämlich Violine, Viola und Violoncello, boten. Seine Ansprüche überstiegen allerdings gängige Vorstellungen. Der Verleger Hoffmeister saß mit einem Subskriptionsangebot völlig auf dem Trockenen, denn niemand bestellte. In zeitgenössischen Urteilen überwog völlige Hilflosigkeit gegenüber einem Komponieren, das hinsichtlich Stimmengewichtung, musikalischen Ansprüchen, künstlerischer Aussage und eher konzertanten Zügen (Klavier!) ungewohnt große Verständnisbarrieren aufbaute. Die weitere Entwicklung des Klavierquartetts bis in die Gegenwart zeigt denn auch, dass der kompositorische Zugriff, wenn überhaupt, jeweils relativ sparsam und wohlüberlegt erfolgte. Dann aber meist mit besonders gelungenen, bedeutenden Wewrken.  

Gleich im ersten Kammerkonzert des Usedomer Musikfestivals hatte man Gelegenheit, mit drei Beiträgen etwas mehr von der Bandbreite der Gattung zu erfahren. In Krummins gotischer Dorfkirche gastierte das Mozart Piano Quartet mit Werken von Jean Sibelius (Klavierquartett c-Moll), Antonín Dvořák (Klavierquartett Es-Dur op. 87) und Johannes Brahms (Klavierquartett g-Moll op. 25).Das Ensemble mit Paul Rivinius (Klavier), Mark Gothoni (Violine), Hartmut Rohde (Viola) und Peter Hörr (Violoncello) besteht seit einem Vierteljahrhundert und garantierte mit solch langjähriger internationaler Erfahrung auf Konzertbühnen, in Aufnahmestudios und als Hochschullehrer jede wünschenswerte Kompetenz. Ein anspruchsvolles Vergnügen also, das die Besucher des Krumminer Kammermusikabends erwartete. Niemand wurde enttäuscht!

Klavierkammermusik in Krummin, Foto © Geert Maciejewski
Klavierkammermusik in Krummin, Foto © Geert Maciejewski

Der Beginn mit Sibelius verwies auf den Anfang einer schöpferischen Biographie. Und: Kammermusik – bis heute recht wenig bekannt – gehörte nur in der Frühphase seines Schaffens zu den Arbeitsfeldern des großen Finnen. Umso aufschlussreicher, ihm gerade dort zu begegnen. In diesem Falle betraf es das Klavierquartett c-Moll, das eigentlich die instrumentierte und mit einem C-Dur-Präludium versehene Fassung von ursprünglich einem Thema mit 7 Klaviervariationen (1891) war. Nun also als zweisätziges Klavierquartett und damit in ganz anderem Spannungsfeld. Der aufmerksame Hörer registrierte: eine recht pathetische, vielfach vollgriffige, auch dynamische Schroffheiten und viel klavieristisches Figurenwerk bietende Introduktion sowie ein hübsches, freundliches Thema und hörenswerte, allerdings traditionelle Vorstellungen repräsentierende Variationen; mit sicherer Hand komponiert, aber noch nicht so richtig charakteristisch für den späteren Stil des Meisters. Warmer Applaus für das Werk und eine sehr einnehmende, tadellose Interpretation.

Usedomer Musikfestival mit mitreißender Musikalität

Dann Dvořák und das erste von (nur) zwei Klavierquartetten. Eine Perle unter vielen, denn der Meister aus Böhmen hatte eine von Anfang an sehr geschätzte, besondere Ader auch für die Kammermusik. Lohnende Aufgaben also für die Interpreten: Sie hatten denn auch keine Mühe, den unglaublich vielen herrlichen Einfällen, die zwischen melodisch hingebungsvollem, lyrischen Schmelz, folkloristischer Tanzhaftigkeit, scherzosem Witz und stürmischer Dramatik eine riesige Bandbreite aller Gefühlslagen boten, fulminanten Ausdruck zu verleihen. Da blieb keine Möglichkeit ungenutzt, um dem Ganzen die Spannkraft permanenten, lebendigen Pulsierens zu geben, überaus kontrastreiche Abläufe unter großen, faszinierenden Spannungsbögen zu bündeln und dennoch jedem Ton ein Höchstmaß an funkelnder, mitreißender Musikalität zuzubilligen; unabhängig davon, ob er Teil stimmungs- und gefühlvoller Serenadenhaftigkeit ist, sich zarter Zerbrechlichkeit bedient, spritzig flott daher kommt oder mit großer, pathetischer Geste nach dem Hörer greift. 

Unnötig zu betonen, dass das Mozart Piano Quartet hier mit seiner Erfahrung, mit der ganzen  Strahlkraft interpretatorischer Kompetenz gewaltig punkten konnte. Es ließ deutlich werden, dass es sich hier um vieldimensionale Musik handelt, um musikalische Prozesse, die im Wechsel von Spannung und Entspannung, im Korrespondieren von Ebenmäßigkeit und Kontrasten, im variablen Ansprechen von unterschiedlichsten Gefühlslagen Innerstes berühren, bewegen und damit individuell ungemein bereichern können.

Das gilt in vollem Maße auch für den mit gleicher intensiven Leidenschaftlichkeit musizierten Brahms, sodass wir uns hier im Detail nicht wiederholen müssen. Als Ganzes toppt er allerdings sein Vorhaben und verleiht schon diesem Klavierquartett-Erstling (von dreien) fast ausufernde innere wie äußere (sinfonische) Dimensionen. Angefangen vom 1. Satz, den man schon mal als gewichtigstes kammermusikalisches Stück bezeichnete, das Brahms je geschrieben habe, bis zum fetzigen ungarischen Finale – für die sichtlich beeindruckte Hörerschaft in Krummins Kirche war der Brahms das glanzvolle Finale eines beeindruckenden Kammermusikabends. 

Grand Trio Vilnius, Foto © Geert Maciejewski
Grand Trio Vilnius, Foto © Geert Maciejewski

Einen Tag später gab es erneut Kammermusik. Diesmal in Schloss Stolpe und als Eröffnungskonzert des sogenannten OSTSEE MUSIKFORUMS, jenes internationalen Violoncello-Meisterkurses, den Altmeister David Geringas seit vielen Jahren leitet. Zu Gast: das Grand Trio Vilnius mit  Daila Kuznecovaitė (Violine), David Geringas (Violoncello) und Petras Geniušas (Klavier). Direkt am Thema FINNLAND war man im ersten Konzertteil mit Werken von Jean Sibelius, im zweiten dann gab es das Brahmssche Streichsextett op. 36 in einer vom Komponisten autorisierten Klaviertrio-Bearbeitung von Theodor Kirchner (1823-1903).

Hoher gestalterischer Anspruch

Zunächst Sibelius – in dreifacher Erscheinungsform! Als Klaviertrio C-Dur  (Loviisa“, 1888)), als Adagio pesante für Violoncello und Klavier (Malinconia op. 20) und mit den Opuszahlen 87 Nr. 1 & 2, sowie op. 89 Nr. 3 & 4 als Humoresken für Violine und Klavier. Somit nach dem Klavierquartett vom Vortag einige weitere Blicke auf das Frühwerk von Sibelius. Das Trio gibt sich unbeschwert, kraftvoll, besitzt melodischen Schmelz, der schon mal etwas elegisch ausfällt, besitzt aber auch drängende Verve und spielerische  Bewegtheit. Der Komponist weiß, wie er mit drei Instrumenten wirkungsvoll und instrumentengerecht umzugehen hat, meidet allerdings Konflikthaftes und Reflektives – Loviisa war der Ort, an dem Sibelius unbeschwerte Sommermonate verbrachte. Malinconia (1900) fällt ganz anders aus. Ernst, ja tragisch erscheint der wahrscheinliche Hintergrund (Tod der eineinhalbjährigen Tochter) und entsprechend ein kontrastreiches, (an)klagendes, auch aufrührerisch wütend ausfallendes, uneinheitliches und schon mal etwas irritierendes Klangbild von „eigenartiger Ziellosigkeit“ (Programmheft). Den gegenteiligen Eindruck hinterließen die Humorsken; Sibelius spielte selbst Violine und fand wohl auch deshalb hier jene hochkonzentriert wirkende Souveränität, die diese Stücke als originell und individuell ausweisen; als übrigens blendend musizierte Charakterstücke mit hohem spieltechnischen und gestalterischen  Anspruch.

David Geringas, Foto © Geert Maciejewski
David Geringas, Foto © Geert Maciejewski

Dann Aufmerksamkeit für ein interessantes Finale. Kühn der Gedanke, sechs Streicher auf ein Klavier und zwei Streicher zu reduzieren, sie sozusagen umzudenken, wie es Theodor Kirchner mit dem Brahmsschen Sextett op. 36 getan hat. Keine Frage: das Original ist vorzuziehen, der seinerzeit wichtige aufführungspraktische, einer gängigen Bearbeitungspraxis geschuldete Hintergrund (praktikablere, mehr Aufführungen ermöglichende Besetzung) sollte aber nicht vergessen sein. Interessant ist das Ganze unbedingt, auch wenn, Kenntnisse des Sextetts vorausgesetzt, gewisse „Leerstellen“ unüberhörbar sind und die Instrumentierung – über klangliche Ausgeglichenheit hinsichtlich Arrangement, aber auch praktischer Ausführung (in Krummin) könnte man diskutieren – natürlich ein anderes Werk präsentiert. Kunst- und Kenntnisgewinne also der etwas anderen Art! Die waren durchaus hoch, zumal man sich über die künstlerischen Qualifikationen und die Sachkompetenz der Ausführenden nur freuen konnte. Bewegendes, leidenschaftliches Musizieren und – wenn man so will – hohe „Mitteilsamkeit“ waren letztlich jeden Beifalls wert.     

Titelfoto © Geer Meciejewski

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