Von Schildkröten und Superpower – Karen Kamensek im Interview

Von Katja Zakotnik

Als ich Karen Kamensek zum Videotalk anrufe, erwische ich sie mitten während ihrer Renovierungsarbeiten in ihrem Haus in Frankreich. Fröhlich pfeifend bei der Arbeit ist sie trotzdem nicht – wie alle Musiker*innen derzeit, muss auch sie Disziplin aufwenden, um zuversichtlich zu bleiben.

Karen Kamensek Portrait 1
Karen Kamensek, Foto von Denise Biffar


Karen Kamensek wurde durch die Coronakrise aus einer vielversprechenden Phase ihrer Karriere gerissen. Die Dirigentin, die an Häuser wie der Wiener Volksoper, das Opernhaus in Hannover und die Hamburgischen Staatsoper berufen war, hatte gerade an der MET und bei den Londoner Proms debütiert. Und wurde wieder eingeladen.

Das allerdings muss jetzt durch die Pandemie warten. Stattdessen hat sie einige Konzerte mit kleinen Besetzungen in Schweden dirigiert, auch für Schulklassen. In anderen Ländern kamen Livestreams dazu. Letztes habe ihr viel gegeben, sagt sie, auch wenn sie sich dabei etwas „leer“ gefühlt habe, weil kein Publikum da war. Auch waren die Musiker*innen nicht ganz so fit wie sonst. „Trotzdem, wir waren dankbar um jeden Ton, den wir spielen durften.“

Es gab Engagements, die fielen aus, weil die Quarantäne-Regelungen zu kompliziert geworden wären, dann kamen wiederum Einspringer, weil Kolleg*innen wegen Reiseverboten nicht dirigieren konnten.

Hätte, hätte, Fahrradkette

Privat ist Karen Kamenseks Situation entspannt: In den letzten Jahren habe sie gespart „wie ein Eichhörnchen“, sagt sie, denn ein Hauskauf war geplant.

Doch trotzdem interessiert mich das „was – wäre – wenn – Szenario“: Was wäre gekommen ohne Corona?

„London Philharmonic Orchestra, Los Angeles Philharmonic Orchestra und eine große Produktion in Minnesota an der Oper. BBC Proms wäre auch wieder dabei. Ich mache immer die großen Projekte und darauf war ich auch immer sehr stolz, aber genau die sind es, die in der aktuellen Situation schwierig umzusetzen sind.“

Was ihr wehtue seien die Anfragen, die sie absagen würde, weil sie beispielsweise zwei Mal in Quarantäne müsste. „Ich bin nicht so drauf im Moment. Wenn ich mich trotz negativem Test zwei Mal 14 Tage absondern muss, das ist zuviel.“


Karen Kamensek – Die Neue Musik und ihr Rhythmus

Wir kommen auf ihr Debüt an der MET mit Philipp Glass‘ „Akhnaten“ zu sprechen. Die Produktion war elf Mal ausverkauft, Aufnahmen lassen sich auf dem YouTube-Kanal der MET ansehen (Empfehlung d. Red.). Was verbindet sie mit Glass‘ Musik?

Sie erzählt, dass Glass wegen Platzmangels im Opernhaus bei der Uraufführung in Stuttgart im Jahr 1984 die Geigen gestrichen hätte. Das wiederum sei gut für die Musik. „Die Stimme des Countertenors ist die höchste und wird von nichts überhöht“, weist sie hin und erinnert damit an den wundervollen Gesang von Anthony Roth Constanzo, der diese Aufführungen an der MET so einzigartig machte.

Doch diese Musik sei auch sehr schwer zu spielen für die Musiker*innen und nicht jedermanns Sache. „Ich habe da eine Superpower und das ist mein Rhythmus.“ Ihr Schlag sei so exakt, dass bei Aufnahmeschnitten einfach zusammengefügt werden konnte. Es wurden sogar Wetten abgeschlossen, ob sie exakt schlagen würde. „Ich hatte nie Angst vor John Adams oder Igor Strawinsky zum Beispiel. Der Rhythmus kam bei mir immer von selbst.“

Ich frage, ob ihre Lehrer auch diese Superpower hatten und an sie weitergegeben haben. Ja, auf jeden Fall, antwortet sie. Sie musste in der Musikklasse sehr bald das Metrum für die anderen schlagen – das verordnete der Lehrer um zu vermeiden, dass sie andere Kinder ständig korrigieren würde.

„Ich war frech und habe gesagt, ,Du spielst aber fahaaaalsch!‘, also musste der Lehrer die anderen Kinder vor mir retten“, lacht sie und weist auf die vielen Orchesterstunden während ihrer Studienzeit hin: zwei Mal die Woche, im Gymnasium dann jeden Tag, dazu Chor. An der Indiana University gab es sieben Orchester. „Außerdem habe ich auch immer gerne Rhythmusspiele gemacht, auch heute noch. Meine Eltern haben oft serbische und mazedonische Tänze gespielt, so sind solche Rhythmen zu einer Leidenschaft geworden.“

Vollkommen normal sei also der Einsatz für die Neue Musik für sie. Als Assistentin von Dennis Russell Davies wurde ihr das ebenfalls mitgegeben. „Trotzdem ist mir die Integration Neuer Musik an manchen Häusern nicht so gut gelungen, am ehesten dann bei den Angeboten für die Jugendlichen.“

Konkret in der jetzigen Situation sei ihr auch in diesem Punkt Corona dazwischen gekommen. Zum Beispiel hätte sie dieses Jahr beim Ultraschall-Festival für Neue Musik dirigiert.

Karen Kamensek Portrait 2
Karen Kamensek, Foto von Denise Biffar


Schritt für Schritt

Es gab drei Jahre in New York, in denen konnte sie nicht dirigieren, die Karriere ging nicht voran. Sie korrepetierte und gab Stunden. „Da dachte ich, ich gebe jetzt auf“, sagt sie, „doch dann kam ein Brief von Simone Young.“ Drei Jahre habe diese gebraucht um auf Kamenseks Anfrage nach einer Assistenz zu antworten. „Im Zuge dieser Assistenz sprach ich ihren Manager an, denn ich wollte nicht so weiterleben. Ich wollte eigentlich aufhören. Doch er nahm mich auf die Liste und so kam ich nach Wien. Da habe ich gewusst, das ist die Wendung. Und so geht es Schritt für Schritt weiter. Nicht so schnell wie bei anderen, aber ich versuche, nicht nach links und rechts zu schauen. Seit ich begonnen habe, hat sich ja die gesamte Medienlandschaft verändert. Und ich darin wie eine Schildkröte, ich klettere immer weiter. Aber das ist nicht schlimm, mittlerweile gefällt es mir so. Ich denke an Darwin: überleben ist alles.“

Sie habe sich das Dirigat an der MET schon Anfang Zwanzig vorgenommen und das Ziel dann in 10-Jahres-Schritten immer weiter nach hinten geschoben. Mit 49 Jahren habe es dann geklappt. „Die Mitarbeiter, die mich noch von ganz früher kannten, waren stolz wie Bolle auf mich.“

Als ich anmerke, dass sie eine hohe Frustrationstoleranz habe, zumal als Frau in diesem Beruf, sagt sie: „Gerade als Frau. Punkt.“

Wir beide wollen dieses Thema, Dirigentinnen, nicht langatmig vertiefen, verlieren nur ein paar Sätze. „Ich gehöre nicht zu den Leuten, die da immer den Schnabel aufmachen. Tendenziell bleibe ich lieber ruhig und unterstütze die Kolleginnen gleichzeitig, wo ich kann. Denn es gibt Menschen, die sind in der Position, etwas sagen zu können und zu müssen, die sind verpflichtet zu reden. Früher habe ich gedacht, ich möchte da oder da die ‚erste Frau‘ sein, aber das ist nicht mehr so. Ich denke, das Leben zeigt uns den Weg.“

Wichtiger ist ihr zu betonen, dass sie Grenzgängerin sei.

„Ich liebe es, die Kulturen und die Musik von Ländern zu erfassen und zu verstehen. Wir arbeiten da viel zu wenig hin. Wenn ein:e Komponist:in plötzlich Musik aus Afrika oder Indien in ihre Werke einflechtet, vergleichen wir es immer mit westlicher Musik und das ist tödlich! Wenn Kompositions-Studierende vorschlagen, Musik aus ihren Heimatländern mit hinein zu bringen, flehe ich sie an, tut das!, denn westliche klassische Musik ist ein so kleiner Teil der Musikgeschichte. Das vergessen wir oft. Und diese Grenzen zu suchen, das ist meine Leidenschaft.“


Die Pandemie, die Kultur und das „Weltgewicht“

Trotzdem fragt sie sich im Moment, „wenn ich nach vorne schaue, wohin soll ich schauen?“ Im Gespräch erfindet sie ein neues Wort, das „Weltgewicht“. Das sei es, was auf der Kultur momentan laste und natürlich frage auch sie sich, wie und wann ein Neuanfang möglich sein wird – und welche Künstler*innen bis dahin überlebt haben.

„Doch wir sind flexibel“, schließt sie ab. „Nicht, weil uns die Flexibilität von der Politik ermöglicht würde – das ganz und gar nicht -, sondern, weil wir eine musikalische Superpower haben.“

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