Vier Tage, vier Konzerte – und ein gedanklicher Spannungsbogen, der kaum weiter reichen könnte: Vom 14. bis 17. Mai kehren die Badenweiler Musiktage ins Markgräflerland zurück und stellen zwei Komponisten ins Zentrum, die auf den ersten Blick wenig verbindet: Georg Friedrich Händel und György Kurtág. Der eine barocker Weltbürger, der andere ein Meister der musikalischen Verdichtung im 20. und 21. Jahrhundert. Und doch entsteht ein Dialog über die Jahrhunderte hinweg – Händel als roter Faden, Kurtág als gegenwärtige Resonanz, dessen 100. Geburtstag dem Festival zusätzlichen Nachdruck verleiht.
Händel und Kurtág als programmatischer Spannungsbogen
Da ist in mitten in Badenweiler ein Architekturdenkmal, das mit Musik zunächst wenig zu tun hat: freigelegte Mauern bilden steinerne Grundrisse, es sind Reste eines römischen Badekomplexes. Und doch hat genau diese zwei Jahrtausende alte Badruine viel zu sagen bei den Musiktagen. Eine aufwendige Überdachung mit moderner Glaskonstruktion hat aus der Ruine einen bespielbaren Raum gemacht. Der Blick bleibt frei, das Mauerwerk sichtbar, die Geschichte präsent – und der Klang bündelt sich unter dem Glasdach zu einer überraschend tragfähigen Akustik. Musik trifft hier auf Stein und Zeit, gerät in Dialog mit einer Architektur, die nie für sie gedacht war. Die Badruine ist kein neutraler Aufführungsort, sondern ein Resonanzkörper eigener Art.
Dass dieses Festival überhaupt wieder existiert, ist alles andere als selbstverständlich. Nach 2019 blieb es fünf Jahre still um eine der einst profiliertesten Kammermusikreihen Deutschlands. Was der Hotelier Klaus Lauer in den 1970er-Jahren aufgebaut hatte, schien erledigt. Bis Moritz Ernst beschloss, es nicht dabei zu belassen. Der Pianist lebt im Ort und hat 2024 in Eigenregie wiederbelebt, was längst abgeschrieben war. Das Entscheidende liegt in einer beinahe altmodisch anmutenden Form persönlicher Verantwortung: Der Großteil der Mittel ist privat eingeworben und nahezu jede Entscheidung läuft über Ernst selbst. Dieses Festival existiert, weil jemand es unbedingt will.
Die Badruine und die Wiederbelebung des Festivals
Neben der Badruine treten weitere Spielstätten als bewusst gesetzte Kontraste hinzu: der Kurhaussaal der 1970er-Jahre mit seiner verlässlichen Akustik, ein lichtdurchfluteter Salon am Kurpark und die schlichte evangelische Kirche im Ortskern. Jeder dieser atmosphärischen Räume verlangt eine eigene Art des Hörens. Den Auftakt am 14. Mai gestaltet Moritz Ernst selbst im René-Schickele-Saal des Kurhauses – auf einem Steinway D von 1891. Sein Programm ist klug gebaut, aber ohne akademische Attitüde: Samuel Scheidts Variationen über „Wehe, Windgen, wehe“, Händels Suite F-Dur HWV 427, Beethovens 32 Variationen über ein eigenes Thema in c-Moll WoO 80 sowie Edison Denissows „Variationen über ein Thema von Händel“ treten in Beziehung, als hätten sie einander etwas zu sagen. Aus Variationen, Suiten und Rückgriffen entsteht ein Bogen, der sich in einer einfachen, aber produktiven Frage bündelt: Wie antwortet Musik auf Musik? Händels Chaconne G-Dur HWV 435 beschließt den Abend.

Am Freitagabend stellt das Athena Ensemble Bachs dreistimmige Inventionen den Miniaturen aus Kurtágs Sammlung „Signs, Games and Messages“ gegenüber. Diese oft kaum eine Minute dauernden Stücke wirken wie musikalische Reflexe auf Bach – nicht Zitat, sondern Spiegelung. Kurtág erscheint als Komponist, der dem Vergangenen beim Weiterklingen zuhört. Den Abschluss bildet Beethovens Streichtrio c-Moll op. 9 Nr. 3.
Das Zentrum des Festivals liegt am Samstag in der evangelischen Kirche – und auch hier geht es um das Beantworten von Musik aus dem Heute. Detlef Heusinger, Leiter des SWR-Experimentalstudios, greift in seiner Komposition auf Material aus Händels Oratorium „The Triumph of Time and Truth“ HWV 71 zurück – nicht, um es zu bearbeiten, sondern um es durch die eigene Musik hindurch neu hörbar zu machen. Händel fungiert dabei weniger als Vorlage denn als Resonanzraum. Das Werk, 2024 bei den Internationalen Händel-Festspielen Karlsruhe uraufgeführt und für Badenweiler wesentlich erweitert, bewegt sich an der Grenze zwischen Erinnerung und Gegenwart.
Konzerte zwischen Tradition und Gegenwart
Den Abschluss übernimmt am Sonntag das ungarische Bläserensemble „In medias Brass“ im antiken Badekomplex. Neben Werken von Scheidt und Händel stehen Kompositionen von Benjamin Britten sowie erneut von Heusinger auf dem Programm. In der offenen, steinernen Architektur der Ruine gewinnen diese Stücke eine zusätzliche Dimension – als würden sie nicht nur erklingen, sondern im Raum selbst weitergeschrieben.
Vielleicht liegt genau darin die Stärke dieser Musiktage: dass sie Musik nicht einfach präsentieren, sondern in Beziehung setzen – zu Räumen, zu Geschichte, zu anderen Klängen. Badenweiler ist kein Ort für große Gesten. Aber einer, an dem Musik sehr konkret Raum gewinnt. Man darf gespannt sein.
Titelfoto © Moritz Ernst


