Einfach Klassik.

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Wagner-Lesarten – Das Rheingold in der Kölner Philharmonie

Richard Wagners Vision des Gesamtkunstwerks zieht sich durch sein ganzes Schaffen – die Sujets seiner Opern, seine Vorstellung des Musiktheaters und die Etablierung der Bayreuther Festspiele. Doch auch so grundsätzliche Aspekte wie die Instrumentierung und insbesondere die Aussprache des heutzutage so ungewöhnlichen klingenden „Wagner-Deutsch“, wie es besonders im Ring des Nibelungen hervortritt, war für ihn essentiell.

Das 2018 ins Leben gerufene Projekt Wagner-Lesarten – ein künstlerisch-wissenschaftliches Projekt von Kent Nagano, dem Concerto Köln und der Kulturstiftung des Landes Nordrhein-Westfalen – hat es sich zum Ziel gemacht, in Hinblick auf die historisch informierte Aufführungspraxis (HIA), Neues im Alten zu entdecken und Wagners Magnus Opum von seinen fast 150 Jahren Rezeptionsgeschichte zu befreien und einen Ring aufzuführen, der ganz im Sinne des Meisters gewesen wäre. Dies soll für das Publikum des 21. Jahrhunderts einen ganz neuen, ungeahnten Blick auf den Ring werfen und spannende Einblicke in die Aufführungspraxis der Romantik geben.

Wagner-Lesarten – Eine Auseinandersetzung

In den letzten Jahren haben sich Wissenschaftler*innen unterschiedlichster Disziplinen mit Orchesterklang, Mimik und Gestik, historischen Instrumenten und Gesangspraxis zur Entstehungszeit Wagners Tetralogie auseinandergesetzt. Neben der Veröffentlichung diverser Publikationen, Podcasts, etc. fand mit der Aufführung des Rheingolds die eigentliche Feuerprobe statt.

Die Annäherung an die Aufführungspraxis des 19. Jahrhunderts äußert sich zudem in der Wahl des Stimmtons (a = 435 Hertz) und in der Verwendung rekonstruierter Oboen und Wagner-Tuben. Unter Leitung Kent Naganos trumpft das mit der HIA so vertraute  Concerto Köln mit einem farbenreichen und auf Transparenz ausgelegten Orchesterklang auf. Stets darauf bedacht, die Leitmotivik besonders herauszuarbeiten und in den Vordergrund zu rücken, wurde in diesem Vorabend zum Bühnenfestspiel ein spannungsreiches und kurzweiliges Dirigat etabliert. Durch Generalpausen und kontrastierende Sprünge zwischen intimen Momenten im Piano und eruptiven Ausbrüchen mit Orchestertutti schuf Nagano ein überaus packendes und expressives Dirigat. Die von Nagano vorgegebenen straffen Tempi und häufigen Tempiwechsel konnte das Orchester meist virtuos folgen. Nur in langsameren Szenen, bei denen die Blechbläser brillieren mussten, fiel das Orchester mitunter auseinander und konnte auch nur mühsam von Nagano wieder zusammengeführt werden. 

„Garstig glatter glitschriger Glimmer“ ist wohl eines der besten Beispiele im Rheingold für Wagners so einzigartige wie ungewöhnliche Sprache mit seinen Stabreimen und den zu rollenden R-Lauten, die vielen Sänger*innen Mühe machen, erfordern sie doch eine extrem genaue Aussprache mit korrekter Betonung. Die HIA gibt vor, sich dem Libretto zunächst durch Verstehen des Gesagten, anschließend dem bloßen Sprechen, gefolgt von einem Sprechgesang, und erst ganz zuletzt durch Singen zu meistern. Diese intensive Auseinandersetzung, leider Ausnahme statt Regel im heutigen Spielbetrieb, merkte man vielen der Sänger*innen an diesem Abend an. Besonders die Rheintöchter gaben einen, selbst für Ring-erprobte Hörer*innen, spannenden Einblick in die Aufführungspraxis Wagners. Unter Einsatz eines die moderne Oper vorwegnehmenden Sprechgesangs, bereicherten sie ihre Rollen mit zahlreichen Portamenti, dem Schleifen und Herunter- oder Hochziehen gewisser Noten, oder gar komplette gesprochener Passagen.

Wagner-Lesarten Probe, © Heike Fischer
Wagner-Lesarten Probe, © Heike Fischer

Die Sänger*innen waren artikulatorisch sehr ausdrucksstark und auch kleine Rollen vermochten es, sich Präsenz zu verschaffen, beispielsweise der Tenor Thomas Ebenstein, der seinen Mime hochexpressiv, bis hin zur Überspitzung, gestaltete. Thomas Mohr, der für den erkrankten Julian Prégardien einsprang, gilt mit seiner vielseitigen Stimme sowohl als Helden- wie auch Charaktertenor und beeindruckte trotz kürzerer Vorbereitungszeit mit agiler Stimme und charismatischer Rollengestaltung. Derek Welton, ein erfahrener Wotan, vermochte seiner Rolle kaum eine neue Lesart oder gar historisch informierten Ausdruck einhauchen. Dennoch sang er stimmschön und mit kultivierter Baritonstimme. Stefanie Irányis Fricka bestach durch glanzvolle Phrasierung mit exakter Aussprache und dezenter, sprechgesanglicher Ausgestaltung – subtiler und angenehmer, als es bei den Rheintöchtern zu hören war. Daniel Schmutzhard war als Alberich eine ungewöhnliche Wahl, vermochte er doch mit seiner sehr lyrischen, vibrato-armen Stimme seiner Rolle nicht ganz das Groteske und Hässliche einhauchen, die es verlangt. Seine Darstellung war  dank seiner kraftvollen, abgerundeten Baritonstimme und differenzierter Phrasierung sehr hörenswert. Gerhild Rombergers kurzer Auftritt als Erda hinterließ dank ihrer irisierenden, hellen Mezzostimme mit zart fließenden Pianissimi einen bleibenden Eindruck.

Wer bei der historisch informierten Aufführungspraxis nur an Barock- und alte Musik denkt, hat weit gefehlt, denn auch die Musik der Romantik, insbesondere aus der Feder Richard Wagners bietet Erkenntnisse, deren eingehende Betrachtung durchaus lohnenswert und sinnstiftend ist.

Spannender Einblick

Trotz kleiner Abstriche und teils willkürlich wirkender Ausgestaltungen gaben Nagano und sein Team einen spannenden Einblick in die Visionen Richard Wagners. Nach diesem Abend stellt sich unweigerlich die Frage: Wird die HIA für kommende Wagner-Interpretationen relevant werden oder sollte nicht gar die intensive Auseinandersetzung mit dem Text und seiner Bedeutung, sowie ein differenziertes und spannungsreiches Dirigat, Voraussetzung für ohnehin jede nachhaltig beeindruckende Vorführung einer Oper – sei es Wagner oder nicht – oberstes Gebot sein? Der Mittelmäßigkeit entfliehen und etwas besonderes wagen – das zumindest ist dem Concerto Köln und Kent Nagano an diesem Abend gelungen!

Im Zuge des Projekts Wagner-Lesarten soll der ganze Ring des Nibelungen zur Aufführung kommen. Mit der Walküre soll 2022 der nächste Teil präsentiert werden.

Besetzung

Derek Welton – Bassbariton
Johannes Kammler – Bassbariton
Thomas Mohr – Tenor
Tansel Akzeybek – Tenor
Stefanie Irányi – Mezzosopran
Sarah Wegener – Sopran
Gerhild Romberger – Mezzosopran
Daniel Schmutzhard – Bariton
Thomas Ebenstein – Tenor
Tijl Faveyts – Bass
Christoph Seidl – Bass
Ania Vegry – Sopran
Ida Aldrian – Mezzosopran
Eva Vogel – Mezzosopran
Concerto Köln
Kent Nagano – Dirigent

Programm

Richard Wagner
Das Rheingold WWV 86A
Oper in vier Szenen. Vorabend zu dem Bühnenfestspiel »Der Ring des Nibelungen« WWV 86 (1848–74)

Icon Autor lg
Alexandra Richter ist Journalistin und Filmemacherin aus Frankfurt. Ihre Leidenschaft zu Oper und klassischer Musik entwickelte sich im Studium. Ihre erste Opernvorstellung war Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“, die sie sehr beeindruckte und auch ihren Musikgeschmack nachhaltig beeinflusste. Momentan interessiert sie sich vorrangig für die Opern der Moderne, aber auch romantische Opern (v.a. von Richard Wagner) gehören zu ihren Schwerpunkten, wobei zeitgenössische Musik und Opernraritäten ebenfalls Beachtung finden.
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