Was ist dran am „Mozart-Effekt“?

Von Isabella Steppan

Mozart

Kühe geben dank Mozart mehr Milch, Babys werden durch frühes Hören seiner Musik intelligenter und sogar vor Wein macht der Hype nicht Halt – einige Winzer*innen beschallen ihre Weingärten, um Schädlinge abzuwehren und wieder andere setzen die Fässer den Klassikklängen aus, um den Geschmack durch die Schallwellen positiv zu beeinflussen. Glaubt man also den zahlreichen populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen, hat Wolfgang Amadeus Mozart ein Wundermittel für jede Lebenslage komponiert. Aber stimmt das überhaupt?

Das Entstehen eines Mythos

Für großes Aufsehen sorgte 1993 die Studie einer Forschungsgruppe rund um Frances Rauscher vom Center for Neurobiology of Learning and Memory an der University of California. 36 Student*innen hatten im Rahmen der Studie verschiedene Intelligenztests absolviert, nachdem sie zuvor 10 Minuten entweder totale Stille, eine Entspannungsanleitung oder Mozarts Sonate in D-Dur für zwei Klaviere (KV 448) gehört hatten. Die Mozart-Gruppe schnitt dabei signifikant besser ab, als die beiden anderen Gruppen; die Ergebnisse wurden als sogenannter „Mozart-Effekt“ rasch weltweit bekannt und ein regelrechter Hype wurde begründet.

Allerdings wies die ursprüngliche Studie einige methodische Mängel auf, sodass die Forschungsgruppe zwei Jahre später mit komplexerem Versuchsdesign und eine größeren Stichprobe erneut untersuchte, inwiefern sich Mozarts Sonate auf das Abschneiden bei verschiedenen Intelligenztests auswirkt. Das Ergebnis war das gleiche – jene, die Mozart gehört hatten, schnitten besser ab; allerdings hielt der Effekt für maximal 15 Minuten an. In den folgenden Jahren wurden von vielen Forscher*innen Replikationsstudien durchgeführt, wobei die Ergebnisse stark variierten: In einigen Untersuchungen wurde überhaupt kein Effekt gefunden, in anderen stellte sich der Effekt auch bei anderen klassischen Musikstücken ein und wieder andere schienen die Existenz des „Mozart-Effekts“ zu beweisen. Ein paar Jahre später kam der vermeintliche „Mozart-Effekt“ schließlich auch im Tierreich an. Auf Farmen wurde damit begonnen, Kühen während des Melkens Musik vorzuspielen – der Erfolg sprach für sich, denn die Milchleistung pro Kuh und Tag stieg durchschnittlich um etwa 0,7 Liter. Allerdings scheint sich der Musikgeschmack der Tiere nicht ausschließlich auf Mozart zu beschränken. Britische Forscher*innen führten eine Studie mit 1.000 Kühen durch und kamen zu dem Ergebnis, dass das gespielte Stück nicht von Mozart sein muss, um Wirkung zu zeigen. So stieg die Menge an Milch etwa auch bei Beethovens sechster Symphonie und bei Simon & Garfunkels „Bridge over troubled Water“. Entscheidend ist lediglich das Tempo, das bei weniger als 100 Schlägen pro Minute liegen muss, um zu einem Zustand der Entspannung zu führen. In anderen Studien, die sich mit dem Effekt von Mozart auf Hühner, Wein oder Schädlinge befassten, konnte hingegen überhaupt keine Wirkung bewiesen werden. 2010 kam schließlich auch eine Metastudie, in der 39 Studien zur Auswirkung von Mozart auf die menschliche Intelligenz analysiert wurden, zu dem Ergebnis, dass dieser „Mozart-Effekt“ empirisch nicht belegbar sei.

Die positive Wirkung von Musik

Der „Mozart-Effekt“ scheint also doch nur ein Mythos zu sein, was allerdings nicht bedeutet, dass Musik keine positive Wirkung entfaltet. Denn bewiesen wurde in klinischen Studien, dass Musik – insbesondere offenbar klassische Musik, wobei die Gründe hierfür noch nicht abschließend geklärt sind – Einfluss auf den Herzschlag, die Frequenz der Atmung, den Blutdruck und die Muskelspannung hat. Durch die Wirkung auf Hypophyse und Nebenniere beeinflusst sie sogar den menschlichen Hormonhaushalt. So hemmt langsame, entspannende Musik (im Gegensatz zu Kühen sollte diese bei Menschen deutlich weniger als 100 Schläge pro Minute aufweisen, nämlich nur rund 72) die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol und erhöht die Konzentration von schmerzlindernden Betaendorphinen im Körper. Als natürliches Aufputschmittel kann hingegen schnelle Musik mit härteren Beats die Ausschüttung von Adrenalin in Gang setzen. Eine praktische Universalempfehlung für bestimmte Stücke gibt es allerdings nicht, denn der persönliche Geschmack beeinflusst die Wirkung der Musik auf den Körper. Komplex ist auch die Wirkung von Musik auf Emotionen – je nach persönlicher Vorliebe und der Verknüpfung mit positiven oder negativen Erinnerungen kann das gleiche Stück bei zwei Menschen völlig unterschiedliche Emotionen auslösen.

Mozart

Noch positiver als passiver Musikkonsum wirkt sich übrigens aktives Musizieren aus, denn dadurch können sogar neue Verknüpfungen im Hirn entstehen, was insbesondere bei der Behandlung von neurologischen Erkrankungen hilfreich ist. Bei Erkrankungen, die mit sprachlichen Einschränkungen einhergehen, ermöglicht Musik die Aufnahme von Kontakt und in einer Studie mit Grundschulkindern konnten durch regelmäßiges gemeinsames Musizieren im Musikunterricht sogar eine Senkung des Aggressionslevels und eine Steigerung der sozialen Kompetenz innerhalb der Klassengemeinschaft nachgewiesen werden.

Zwischen Fake und Fakt

Nicht alle Kinder, die vor und nach der Geburt Mozarts Musik lauschen werden zu Genies und die musikalischen Präferenzen von Milchvieh scheinen nicht auf Klassik beschränkt zu sein – dennoch liegt dem „Mozart-Effekt“ ein bisschen Wahrheit zugrunde. Musik wirkt sich in vielerlei Hinsicht positiv auf uns aus: Sie kann dabei helfen, Emotionen zu wecken und Dinge auszudrücken, die  schwer in Worte zu fassen sind; sie kann entspannen oder aufputschen und wird sogar in der Medizin unterstützend eingesetzt. Dabei ist es allerdings nicht nur die Musik von Mozart, die positiv auf Körper und Geist wirken kann – und so ist es letztlich völlig egal, ob man nun glühender Unterstützer von #TeamMozart ist oder andere Komponist*innen bevorzugt. Hauptsache Musik!

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