Eine Konzertreihe, die Musik der Zeit heißt, trägt einen produktiven Widerspruch in sich: Zeitlos bleibt sie nur, solange sie die Gegenwart unablässig neu befragt. Seit 1951 tut der WDR in Köln genau das. Als am 8. Oktober jenes Jahres das erste Konzert der Reihe im neuen Großen Sendesaal des Funkhauses stattfand, stand Igor Strawinsky selbst am Pult. Aus diesem Aufbruch entwickelte sich eine Institution: Mehr als 750 Uraufführungen später ist der WDR zum größten Auftraggeber zeitgenössischer Musik in Deutschland geworden; Stockhausen, Kagel, Ligeti, Nono oder Cage haben hier Geschichte geschrieben. Das Konzept ist über die Jahrzehnte erstaunlich tragfähig geblieben: Im Zentrum steht ein exzellenter Klangkörper als ausführendes Organ, die Uraufführung Seite an Seite mit Werken der Neuen Musik oder der klassischen Moderne. Das Zeitlose dieser Reihe liegt in der Verpflichtung, das Jetzt dauerhaft frisch zu halten. Ein Abend in der Kölner Philharmonie führte dies exemplarisch vor.
Anda Kryeziu und die Stimme einer neuen Generation
Den Anfang machte die Uraufführung von Anda Kryezius Timestamps – everything leaves a Trace. Die 1993 im Kosovo geborene, in Berlin tätige Komponistin entwirft ein fragiles Klanggefüge aus gehaltenen, eng aneinander gerückten Linien, die sich leise gegeneinander reiben – eine Dissonanz, die nicht als Geste der Härte auftritt, sondern als Form von Unbehagen über den Zustand der Welt. Darin artikuliert sich zugleich das künstlerische Anliegen einer ganzen Komponistengeneration: Die Partitur ist ihr kein autonomes, in sich gekehrtes Rätsel mehr, sondern ein Seismograph der Gegenwart – ein Resonanzraum für Erinnerung, für Macht und Ohnmacht, für die fragile Verfasstheit der Welt. Das Material wächst schichtweise an, ballt sich zusammen und dünnt wieder aus. Kryeziu setzt außerdem eine sichtbare Dramaturgie ein: Einzelne Musikerinnen und Musiker erheben sich aus dem Klang und treten als Individuen aus der namenlosen Masse hervor. Wir sind keine Masse, wir sind nicht anonym, es gibt uns als Menschen: eine klare, allgemeingültige Aussage, deren optische Entsprechung jener polyphone Flächenklang ist, der zuletzt etwas Lyrisches, beinahe Süßliches annimmt. Es geht eben auch um Empfindsamkeit. Hörbar wird, wie weit sich diese junge, geradezu ausdruckshungrige Generation von den Dogmen der akademischen Neuen Musik emanzipiert hat: Die einstige Strenge der Dodekaphonie ist durchlässig geworden, in den Partituren darf wieder gefühlt werden.

Strawinskys späte Moderne neu entdeckt
Dass die Moderne selbst ein Feld von Richtungsstreitigkeiten war, daran erinnerten die beiden folgenden Werke. Die Rivalität zwischen der Schule um Schönberg und Webern und dem Eklektizismus eines Igor Strawinsky gehört zu den Gründungsmythen des 20. Jahrhunderts. Das WDR Sinfonieorchester zeigte jedoch, dass sich das Musikalische über solche Grenzziehungen hinweg emanzipiert: Strawinsky hat in seinem Spätwerk sehr wohl mit Zwölftonreihe und strenger Form gearbeitet. Die „Variations. Aldous Huxley in memoriam“ von 1963/64, sein letztes Orchesterwerk, demonstrieren das in äußerster Verknappung. Kaum mehr als fünf Minuten lang entfaltet sich das Stück aus einer einzigen Zwölftonreihe; dreimal kehrt ein Knäuel aus zwölf unabhängigen Stimmen wieder.
Noch erstaunlicher und selten zu hören: die Ballettmusik Agon (1953–57). Sie besteht aus lauter kleinformatigen Nummern, deren Klangvorstellung jedoch denkbar groß gedacht ist. Strawinsky nimmt höfische Tanzformen des französischen Barock zum Vorwand, um sie mit neuer Expressivität aufzuladen: Die Eröffnung wirft eine markante Fanfare zweier Trompeten in den Saal, eine Sarabande stellt Xylophon und Posaunen spröde gegeneinander, die gläserne Gailliarde schimmert in Mandoline, Harfe und tiefen Streichern, später tickt unbeirrt eine Kastagnette, während das Pas de deux die Solovioline ins lyrische Zentrum rückt. Auch hier schreibt Strawinsky voll zwölftönig. Für die lebendige Interaktion zwischen den Instrumentengruppen gab diese ständig wechselnde Besetzung genug Futter: Perkussion und vor allem die resolut aufspielenden Blechbläser entfesselten mit ihren Fanfarenstößen genug Energie für den großen Kölner Saal. Eine bemerkenswerte Schnittstelle besteht zwischen beiden Werken am jeweiligen Schluss: Die Variations enden mit einem einzigen Ton der Bassklarinette, die Tanzmusik mit einem isolierten Paukenschlag – beides wirkt wie ein symbolisches Punctum für die musikalische Rhetorik dieses Komponisten. Mit Strawinsky wurde Musik der Zeit einst eröffnet; diese Hommage an ihn wirkte an diesem Sommerabend wie eine stille Verneigung vor der eigenen Geschichte.

Alex Paxton sprengt die Genregrenzen
Das überraschendste Werk des Abends bildete das Finale. Alex Paxtons Tunes to Live With vereint, was der Kulturbetrieb partout nicht zusammendenken mag: die WDR Big Band, das Sinfonieorchester und eine Jazzsängerin. Der 1990 in Manchester geborene Komponist und improvisierende Posaunist ist als Maximalist berüchtigt, der Barockgesten, Folk und Jazzidiome in einem hyperaktiven Klangrausch aufgehen lässt. Heraus kam ein extrem verspielt verschachteltes, zugleich oft fast naiv zugängliches Geflecht aus Melodien und Texturen, in dem es bei aller Leichtigkeit hochkomplex zur Sache ging. Die eigentliche Bravourleistung lag im Koordinieren der zahllosen rhythmischen und klanglichen Verschmelzungen zwischen Orchester und Band. Wie sensibel und farbenfroh sich vor allem die Saxophone der WDR Big Band einbrachten, wie Schlagwerk und vielstimmige Streicher mit ihnen verschmolzen, das hatte mal etwas von Märchenwelt, mal von Gospel; man hätte auch eine Prise Sun Ra und einen Anflug afrikanischer Melodik verorten können.
Ein Finale voller Energie und Klangfarben
Sofia Jernberg versah das heitere Gewoge dieses Klangkörpers mit vokalem Glanz – als wärmende Leitlinie über einem ständig changierenden Grund. Man hatte das Gefühl, alle Beteiligten gruben sich erst richtig in diese Musik ein und wurden dadurch zunehmend satter, energetischer, auf den Punkt – bis es das Publikum fast vollständig von den Sitzen riss.
Titelfoto © Dana Schmidt


