Einfach Klassik.

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Weinberg: Kammersinfonien – bayerische kammerphilharmonie

Eindringlich. Das bleibt bei mir als Attribut stehen nach dem Hören der neuesten Aufnahme der bayerischen kammerphilharmonie. Das Augsburger Streichorchester hatte uns zuletzt mit Einspielungen von Werken Paul Ben-Haims erfreut, nun ist Mieczysław Weinberg dran. Die Werke des polnischen Komponisten wurden in den letzten zehn Jahren glücklicherweise wieder in der Breite ins Bewusstsein gerufen, und die bayerische kammerphilharmonie geht den Weg weiter. „Chamber Symphony No. 1, for String Orchestra, Op. 145“ und „Chamber Symphony No. 2, for String Orchestra & Timpani“ flankieren auf der CD das „Concertino for Violin and String Orchestra, Op. 42“. Hierbei übernimmt logischerweise der Konzertmeister Gabriel Adorjan den Solopart, und generell spielt das Orchester tatsächlich ohne Dirigat, begründet in der starken Einbindung der einzelnen Musiker*innen.

Weinberg Kammersinfonien bayerische kammerphilharmonie Cover

Klang als formbares Material

Wohin das führt, hört man auf diesem Album sehr eindrucksvoll. Wie eine Töpferin ihren Ton, so kann das Ensemble seinen Streicherklang formen, sie changieren Breite, Klangfarben und Intensitätsverteilungen in den Instrumentengruppen mit verblüffender Freiheit und können dabei schnell viel größer oder viel kleiner klingen, als es die Besetzung glauben machen will.
In der ersten Kammersinfonie zieht das Orchester den Vortrag über die gesamte Dauer des Werkes von den kleinen, gefälligen Melodien über die klanglichen Raumerweiterungen hin zum äußerst kraftvollen dritten Satz und bildet so die erstaunlichen Wandlungsfähigkeiten in Weinbergs Musik eindrucksvoll ab. Gerade die Mischung aus traditionellen und moderneren Gestaltungstechniken im Spiel gehen die Musiker*innen im letzten Satz mit viel Spielfreude an und führen dann das Werk zu einem energiegeladenen Abschluss.

Die erste Kammersinfonie: Wandel und Energie

Da kommt der klein und fragil wirkende Beginn des Concertino dann gerade recht. Mit den sehr weich ausgeführten, oktavierten Stimmen bettet das Orchester seinen Solisten an der Violine sehr komfortabel. Und Gabriel Adorjan fasziniert mich mit einer Fülle an Timbres und Strichtechniken, seine Variabilität in den Farben ermöglicht ihm einen höchst konzertanten Vortrag, und ich möchte am liebsten gleich noch mehr Solowerke von ihm hören. Dabei scheint er gar nicht so sehr auf Zwiesprache Wert zu legen, vielmehr lässt er sich von seinem Orchester tragen, was ich durchaus nachvollziehbar und dem Werk höchst angemessen finde. Den Solopart am Beginn des zweiten Satzes spielt Adorjan sehr raumgreifend und voluminös, womit er sich für mich als beachtenswerter Violinsolist positioniert.

bayerische kammerphilharmonie, Foto © Jost G. Thorau
bayerische kammerphilharmonie, Foto © Jost G. Thorau

Gabriel Adorjan im Concertino

Wie in der ersten hat Weinberg auch in der zweiten Kammersinfonie ein früheres Streichquartett weiterverarbeitet, allerdings hat er hier dem Orchester eine Pauke gegenübergestellt. Und die Streicher gehen diesen Kontrast sehr gerne ein, stehen dagegen mit flirrenden Sekundwechseln und schwirrend umherwandernden, rastlosen Melodien. So gehen alle zusammen drängend in die Intensitäten und steigern sich gegenseitig immer weiter. Im Wechsel dazu spielen die Violinen dann die reduzierteren, langgezogenen Themen mit überraschend plötzlicher Introversion und Ruhe. Und auch die Pauke stimmt dann ganz zurückgenommen den Weg weisend ein.

Die zweite Kammersinfonie: Kontraste und Zuspitzung

Gemäß den in die eigentlich gefälligen Melodien eingearbeiteten kleinen Dissonanzen arbeitet das Orchester im zweiten Satz eher verhalten, zögernd in der Intonationsentscheidung und zeigt uns da einmal mehr, wie viel musikalische Gestaltungskraft in einem Kammerensemble stecken kann. Nachdem die hohe Intensität des letzten Satzes dann wieder hin zur Stille und schließlich zum letzten Paukenschlag geführt wurde, ist die Gesamtheit der Einspielung vollendet und sehr wirkungsvoll dargestellt.

Feinzeichnung und Gesamtwirkung

Und deshalb: Sehr eindringlich und sehr eindrücklich bringt uns die bayerische kammerphilharmonie die Werke Weinbergs hier ins Wohnzimmer, und ich möchte gleich zurückspulen, um mit dem Hören wieder von vorn zu beginnen!

Titelfoto © Christina Bleier

Das Album

Icon Autor lg
Stefan Pillhofer ist gelernter Toningenieur und hat viel Zeit seines Lebens in Tonstudios verbracht. Er hat viel Hörerfahrung mit klassischer und Neuer Musik gesammelt und liebt es genau hinzuhören. In den letzten Jahren hat sich die Neue und zeitgenössische Musik zu einem seiner Schwerpunkte entwickelt und er ist stets auf der Suche nach neuen Komponist*innen und Werken. Stefan betreibt das Online-Magazin Orchestergraben, in dem er in gemischten Themen über klassische Musik schreibt. Darüberhinaus ist er auch als Konzertrezensent für Bachtrack tätig.
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