Wittener Tage für neue Kammermusik 2021 – Festival virtuell

Von Stefan Pillhofer

Wittener Tage für neue Kammermusik Banner


Mit engagiertem und coronaerprobtem Pragmatismus trotzte der WDR der aktuellen Situation, und führte die Wittener Tage für neue Kammermusik als Radiofestival durch, begleitet von viel Zusatzinformation, und verschiedenen Kunstaktionen. Diese „neue Routine“, wie der Redakteur Harry Vogt das nennt, lässt diese Veranstaltung seiner Einschätzung nach leichter von der Hand gehen, ich glaube aber, da steckt noch mehr drin. Diese überraschende Leichtigkeit in der Ausrichtung des Festivals unter extremen, eigentlich unmöglichen Bedingungen, vergrößerte die Breite des Angebotes, die Agilität bei der Nutzung verschiedener Medien in der Umsetzung, und bot dadurch viel Raum, in dem Neue Musik stattfinden kann. Diese Musiksparte, die sowieso schon vom Mainstream aus betrachtet ein Schattendasein verlebt, in der aber dennoch junge Musiker*innen und Komponist*innen ihr Glück zu finden versuchen. Sie benötigen solche Infrastrukturen wie sie der WDR hier mit dem dreitägigen Festival geschaffen hatte existenziell dringend. 

Wittener Tage für neue Kammermusik – eine Unternehmung

Nun sind die Wittener Tage für neue Kammermusik ja keine klein organisierte Veranstaltung, sondern eines der bedeutenden Festivals in der Neuen Musik. Nicht zuletzt das Engagement des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ermöglichte die Programmierung vieler äusserst etablierter Namen wie dem Klangforum Wien, Quatuor Diotima oder dem WDR Sinfonieorchester. Aber auf diesem festen Fundament bekamen dann jüngere Künstler*innen die Möglichkeit sich und ihre Arbeit zu präsentieren, und das in verschiedenen Formaten.

Neben Multimediaarbeiten wie der Kooperation zwischen dem Komponisten Brice Pauset und den Videokünstlern Arotin & Serghei, der audiovisuellen Installation von Sabine Maier und Klaus Lang bis hin zu „Schwesternparkmusik“, einer größer angelegten Klang-Freiluftinstallation im Wittener Schwesternpark war das Angebot vielseitig. Um das alles in der aktuellen Situation anbieten und zeitlich auf den Punkt produzieren zu können war ein extrem hohes Maß an spontaner Kooperation, externer Produktion und Reaktion auf kurzfristige Änderungen notwendig. Noch nicht einmal „Schwesternparkmusik“ konnte draußen stattfinden, und so mussten alle Installationen virtualisiert und in den Äther verlegt werden. Viele der Klangbeiträge wurden an verschiedensten Orten vorproduziert. Praktisch, wenn da ein Netz aus öffentlichen Rundfunkanstalten mitmacht.

Brice Pauset
Brice Pauset, Foto von Gilles Abegg


So waren die Wittener Tage für neue Kammermusik 2021 ein beeindruckender Kraftakt, dessen künstlerische Früchte umso wertvollere Beiträge zur sich wie Treibsand verändernden Kulturlandschaft sind. 

Bestandteile

„Schwesternparkmusik“ liegt nun als virtuelle Audio-Führung durch den Parcours vor, wobei die zwölf Klangkünstler*innen vorgestellt und ihre Installationen erklärt und mit Hörbeispielen versehen werden. So hat man die Möglichkeit die Installation im Geiste abzuschreiten.

Maier und Langs „nirgends.“ gibt es als Filmversion, für die zum projizierten Licht die vorproduzierte Aufnahme des Ensemble Ascolta zugespielt wurde. 

Brice Pausets „Vertigo“ wiederum zeichnete das Klangforum Wien in Wien auf, indem es zu Arotin & Sergheis vorproduziertem Video spielte. So führte das Festival über die Konzentration auf Brice Pauset als Porträtkünstler dann letztlich doch hin zur starken Sprache der Konzerte, die dann im sechsten und Abschlusskonzert am Sonntagabend gipfelte.

Birke Bertelsmeier
Birke Bertelsmeier, Foto von Manu Theobald EVS

 

Abschlusskonzert

Darin spielte traditionell das WDR Sinfonieorchester, und gleich zu Beginn das Werk „Frischzellenkur“, in dem die Komponistin Birke Bertelsmeier die Frage stellt, ob eine Verjüngungskur in der Musik möglich ist. Dieser Tage sieht man Musiker*innen umso mehr die Freude am gemeinsamen Musizieren an, und vor allem bei Bertelsmeiers Musik passte die offenkundige Agilität und Konzentration der Instrumentalist*innen des Orchesters perfekt. Damit drückten sie sehr plastisch die Vielschichtigkeit in „Frischzellenkur“ aus, die Wechsel aus traditionellen und neueren Kompositionselementen, mit denen die Komponistin diesen Widerspruch zwischen Hoffnung auf Erneuerung und dem Weg in eine Sackgasse thematisiert.

In „Entropia“ der spanischen Komponistin Inés Badalo geht es um den natürlichen Hang zu Chaos und Unordnung, jedoch als Gegenpol zur Ordnung. Die beiden Pole sind im gesamten Stück präsent, und im Orchester gestaltete oftmals vor allem das Schlagwerk eindrucksvoll. Die Flöten sowie die Streicher setzten die vielen arbiträren Bewegungsmuster und Zustände mit subtiler Finesse, gerade bei den glissandobasierten Elementen um, was den Naturbezug in Badalos kompositorischer Betrachtung schön herausarbeitete. 

WDR Sinfonieorchester
WDR Sinfonieorchester, Foto: WDR


Mit dem besonderen Klavierkonzert „Konzertkammer“ des Porträtkomponisten Brice Pauset stand ein großer Abschlüsse für die Wittener Tage für neue Kammermusik 2021. Der Komponist bezog sich in seinem Werk auf den Dialog zwischen Klavier und Orchester, wobei Letzteres das System darstellt, welches das Soloinstrument erst ermöglicht. Diese strukturelle Arbeit leisteten die Musiker*innen des WDR Sinfonieorchesters eindrucksvoll, indem sie ernst und konzentriert die Akzente platzierten, und den Austausch sowie Motivübernahmen mit dem Klavier eindringlich ausgestalteten, bevor sie zum Schluss das Werk in den überraschend leise ausblendenden Schluss führten.

Die Wittener Tage für neue Kammermusik kann man noch bis zum 23.4. im WDR 3 Konzertplayer nachhören und -sehen.

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