Ein Beitrag von Ekkehard Ochs
Ein Zufall: 48 Stunden reichten, um einem nicht nur neugierigen, sondern auch reisefreudigen und wetterharten Musikfan in gleich zwei Konzerten und an zwei verschiedenen Orten Kammermusik in nicht ganz alltäglicher Gestalt und Darbietungsform erleben zu lassen. Es ging in beiden Fällen ausschließlich um Arrangements teils recht bekannter Originale. Und das für Besetzungen, die gleichfalls jenseits traditioneller Formate lagen. Solche Verfahren sind – keine Frage – legitim. Sie sind aber auch Herausforderung für den Rezipienten, der sich möglicherweise gleich vor mehrere Probleme gestellt sehen könnte: Kennt er die Originale nicht, ist ihm die Konzentration (nur) auf das, was er hört, möglich. Kennt er sie, dann hört er sozusagen im Doppelpack. Er registriert die Veränderungen und sieht sich – auch notwendigerweise – zu einer (Be)Wertung des Gehörten als Ergebnis eines ganz sicher auch noch komplexen Vergleichs genötigt.
Zwei Abende außergewöhnlicher Arrangements
Das kann schon anstrengen, ist aber auch dann nicht ohne Reiz, wenn man in Echtzeit Qualität und Eignung des Originals, Absicht, Eignung der gewählten Besetzung, ihre Wirkung, das Klangbild und die „kompositorische“ Eigenleistung des Arrangeurs in allen wichtigen Parametern zu erfassen hat. Von den gestalterischen Aspekten der Interpretation ganz zu schweigen. Spannung ist also in jedem Fall vorprogrammiert.
Schauen wir zunächst nach Stralsund. Dort hatte der Förderverein Klinikumskirche Stralsund zur Eröffnung seiner diesjährigen, bereits seit 1996 existierenden kammermusikalischen Konzertreihe eingeladen. Das Thema: „Ein Amerikaner in Paris“.Die Ausführenden: das Robert-Kahn-Trio, ein Ensemble, das sich als Namensgeber den jüdischen Komponisten Robert Kahn (1865-1951), der zwei Werke für die vorliegende Besetzung schrieb, gewählt hat. Hier die Besetzung mit Steffen Dillner (Klarinette, Dresden), Friederike Fechner (Violoncello, Stralsund) und Mari Namera (Klavier, Rostock). Und ein natürlich auf Gershwins titelgleiche Komposition Ein Amerikaner in Paris zielendes Programm mit (Pariser) Werken von Maurice Ravel ( Piece en forme de Habanera, arr. David Johnstone), Claude Debussy (La fille aux cheveux de lin, (arr. Chaipruk Mekara) und Adolphe Blanc (Trio in B flat Major op. 23) sowie – nach der Pause – den Three songs (It aint`necessarily so, Someone to watch over me, I got rhythm, arr. Ian Farrinhton) und besagtem Amerikaner…(arr. Stefan Schröter) von George Gershwin.
Stralsund: Ein Amerikaner in Paris
Ein Fazit fällt nicht schwer. Ravels Etüde für eine textlose Stimme (Vokalise) und Klavier sowie Debussys Klavieretüde Das Mädchen mit den flachsblonden Haaren (1. Sammlung der Etüden) eigneten sich durchaus für eine Transformation, ohne an klanglich impressionistischem Reiz zu verlieren; im Gegenteil. Der samtene Klarinettensound gewann den Werken Farbe, Rundung und Charakteristik und für das auch quantitativ großzügig bedachte Klavier blieb ebenfalls Raum genug zur teils opulenten Füllung mit vor allem harmonisch so ganz speziellen Ausdrucksbereichen. Das Violoncello musste sich allerdings etwas mehr anstrengen, um klangliche Parität zu sichern.
Für das Trio Adolphe Blancs (1828-1885) galten ohnehin andere Parameter. Das Trio dieses wenig bekannten, aber solide und durchaus einfallsreichen Komponisten kann nicht zu den eigentlichen Bearbeitungen zählen, da hier wohl lediglich die originale Flöte durch Klarinette ersetzt wurde. Aber auch ohne Kenntnis des Originals: hier hatte man mit der Umbesetzung nichts falsch gemacht, eher gewonnen! Insgesamt erwies sich das dreisätzige Werk als im besten Sinne recht unterhaltsam, sehr abwechslungsreich im klangintensiv expressiven Ausdruck und zusätzlich gewinnend mit einer durchaus Energie und Verve vermittelnden, klassisch geprägten und spielerisch gefälligen Musizierhaltung. Eine gelungene Aufführung, die zudem rechtens als Bereicherung des eigenen Erfahrungsschatzes empfunden werden konnte.
Gershwin im Kammermusik-Gewand
In einem sehr anders transformierenden Sinne galt das dann für den gesamten zweiten, den Gershwin-Teil des Programms. Ohrwurm-Songs und eine Paris-Erlebnisse auf eigenwillige und sehr amerikanische Art musikalisch fassende Orchesterfantasie boten sich hier duchaus für Transskriptionen an. Sie erwiesen sich mit stilsicher genutzten Motiven, Themen, Rhythmen, Tanzformen und teils wie improvisatorisch wirkender prägnanter Gestik doch recht eindeutig als „amerikanisch“ identifizierbare Klangräume. Und dafür reichten die Tonvolumina dreier Instrumente und deren jeweils charakteristische Tonfärbungen, nicht zuletzt die der Klarinette, bei weitem. Selbst mit den Originalen im Ohr, waren Defizite am vergnüglichen Hören kaum zu befürchten. Und so gab es denn für einen so unorthodoxen wie professionell und musikantisch den vollen Saal inspiriert mitnehmenden Abend sehr zu recht viel Beifall.
Einigermaßen anders die Ausgangslage bei dem zweiten Konzert. Dort war zu einer weiteren Veranstaltung der ebenfalls schon langjährigen Kammermusikreihe „Herrenhaus-Konzerte“ nach Libnow eingeladen, einem wahrlich repräsentativen Herrenhaus im Tudor-Stil, sehr verkehrsgünstig gelegen an der B 109 nur wenige Kilometer hinter Anklam und vor der Südzufahrt auf die Insel Usedom. Hier bietet man unter dem Motto „Kunst und Kultur im ländlichen Raum“ neben bildkünstlerischen workshops und Ausstellungen auch Kammermusiken, die nicht selten hinsichtlich Programmen und Besetzungen gern traditionelle Pfade meiden.
Libnow: Quatuor Blanc und neue Klangbilder
So auch kürzlich mit dem QUATUOR BLANC. Es versteht sich als Tango-Quartett-Besetzung, ist in Hamburg beheimatet und mit „Chef“ Hans-Christian Jaenicke (Violine), dem Serben Goran Lazarevic (Akkordeon), der Georgierin Salome Jijeishvili (Klavier) und dem Österreicher Julian Eingang (Kontrabaß) wahrlich neugierig machend besetzt. Zumal das Ensemble mit einem Programm gastierte, das sehr ambitioniert genannt werden darf; nämlich Antonin Dvořáks Serenade E-Dur für Streichorchester op 22 und Hans-Christian Jaenickes Tango Violin Concerto, im Original für Solo-Violine, Streicher, Flöte, Oboe und Klavier von 2018. Beide Werke also in nunmehr denkbar kleiner und zudem ungewöhnlicher Besetzung.
Solcherart „Verdichtung“ verträgt nicht jedes Werk, nicht jede Instrumentation. Jaenicke hat es mit oben erwähnter Serenade Dvořáks dennoch gewagt und das Publikum im ausverkauften Konzertsaal zunächst verbal mit seiner offensichtlichen Begeisterung für den großen Böhmen beeindruckt. Der Rezensent würde der Charakterisierung des sehr bekannten Werkes als einem „beglückenden Stück“ sofort zustimmen, auch der unabweisbaren Feststellung, dass es nunmehr „in einem neuen Gewand“ erschiene. Dass sich dies auf „aufregend neue“ Weise präsentiere, reizt aber schon zu Widerspruch. Dabei hat sich Jaenecke mit dem Arrangement gewaltige Mühe gegeben und auch noch eigene Interludien zwischen den fünf Sätzen hinzukomponiert, von einer fast schon obsessiv leidenschaftlich präsentierten Interpretation seines Violinparts ganz zu schweigen. Vielleicht ist das einer der kritischen Punkte: die absolute Dominanz der Violine. Ihr steht eine zwar nicht durchgängige, aber auch nicht überhörbare „Unterbeschäftigung“ der drei Partner gegenüber, was unter anderem den Eindruck einer bisweilen als fehlend empfundenen, füllenden „Klangmitte“ hervorzurufen vermag. Das liegt natürlich auch an der Besetzung, deren Klangcharakter auch nur geringe Annäherungen an des großen Böhmen Stil auch dann kaum ermöglicht; wenn alle Themen und Motive vorhanden sind, sich aber in einem anderen Kontext auch sehr anders zeigen.

Aber: Diese Version – mit 36 Minuten Länge umfasste sie die komplette Serenade – ist ein Angebot, dass Aufmerksamkeit verdient, das es individuell zu betrachten und zu werten gilt; Richtung offen! Sicher hat die bewegungshaft agile, mit raumgreifender Bühnenpräsenz des Geigers einhergehende Interpretation dazu beigetragen, dem Werk und seinen Interpreten beifallsfreudig zu danken.
Das galt gleichfalls für Jaeneckes Violinkonzert, hier allerdings mit deutlich größerer Berechtigung. 2018 geschrieben – Besetzung siehe oben – wurde die „extrem verdichtete“ Adaption 2024 in der Hamburger Laeiszhalle vom Quatuor Blanc erfolgreich uraufgeführt. Die das Werk lobenden Worte von Daniel Hope und Anderen dürften sich auf die Originalfassung beziehen und konnten deshalb für die Libnower Aufführung zunächst nur sachlich zur Kenntnis genommen werden. Eine Bestätigung des dortigen Eindrucks aber war das schon! Denn was der hier wieder ungehemmt rasant agierender, geradezu „teuflisch“ geigende Jaenecke und seine ebenfalls nicht minder aktiv musizierenden Partner boten, war schlichtweg mitreißend. Vor allem galt das natürlich der gut halbstündigen Kompoisition selbst, für deren musikalische Sprache und Stilistik so schnell kein eindeutiger Begriff zu finden ist. Jaenecke mischt Traditionelles mit Modernem, berührt schon mal Extreme, bemüht Klassisches, Banales, ja „Kitsch“ – so er selbst – und frönt fleißg tanzhaften Zügen (Tango). Er „singt“, vergräbt sich in ausschweifende Kantilenen, präsentiert halsbrecherische Tonfolgen und Doppelgriffe. Er scheut kein Kratzen hinter dem Steg, parliert mit Glissandi, um plötzlich bei barocker Polyphonie zu landen, gibt sich verspielt, aggressiv, brutal oder süffisant, nicht selten pathetisch, wohl auch ironisch und oft skurril. Bemerkenswert: der Gesamteindruck überzeugt!
Bevor die vier Musiker losstürmten, verlas Jaenecke übrigens so etwas wie ein Programm, zumindest dessen (schon umfänglichen) Anfang. Der ließ darauf schließen, dass so ziemlich alles, was da erklang, nämlich Töne, Motive, Themen, die verschiedenen Instrumente etc. „personalisiert“ gedacht waren, also Charaktere und quasi „Handlungen“ darstellten. Was – wenn diese Sichtweise so stimmt – eine zutreffende Begründung für die beeindruckende Vielgestaltigkeit und Plastizität des Stückes wäre; auch für die Energie und Stringenz eines Musizierstils, der den Begriff „konzertant“ nicht nur formal – es sind übrigens vier Sätze – in hohem Maße verdient. Da brannte schon mal die Luft, denn nach so viel Dvořákscher Lyrik geriet Jaeneckes Opus zum unerwartet mitreißenden Sturm. Schönes Zeichen für ein Werk, das als so radikale wie passende Adaption nun auch den Wunsch nach dem Original lebendig werden lässt!


