Chorwerk Ruhr und der Bochumer Fotograf Heinrich Brinkmöller-Becker haben die italienischen Sacri Monti ins Wuppertaler Visiodrom geholt – und damit einen Maßstab gesetzt, an dem sich künftige immersive Formate messen lassen müssen. Was als Verbindung von Vokalmusik, 360-Grad-Projektion und Raumklang angekündigt war, erwies sich als künstlerischer Meilenstein.
Das Visiodrom als begehbarer Bildraum
Schon der Ort scheint an diesem Abend nicht mehr derselbe zu sein. Der ehemalige Gasometer wirkt weniger wie ein technischer Trägerraum als wie eine riesige, atmende Membran. Unten liegen Sitzreihen und Kissen, darüber spannt sich die Rundung der Projektion – und mit ihr ein Bildraum, der sofort jede Distanz aufhebt. Man schaut nicht in eine Ausstellung, man sitzt in ihr.
Und doch ist es kein bloßes „Eintauchen“. Vielmehr entsteht eine merkwürdige Spannung zwischen Nähe und Überwältigung. Die Bildwelt der piemontesisch-lombardischen Sacri Monti – jener zwischen Spätrenaissance und Frühbarock entstandenen Kapellenlandschaften zwischen Lago Maggiore und Lago d’Orta – wächst aus der Wand heraus wie eine Erinnerung, die sich nicht entscheiden kann, ob sie Vergangenheit oder Gegenwart ist. Brinkmöller-Becker nennt sie das „Kino des 16. Jahrhunderts“. Hier versteht man, was er meint.
Die Sacri Monti zwischen Geschichte und Gegenwart
Mehr als tausend lebensgroße Terrakottafiguren bevölkern diese sakralen Szenen. Ihre Gesichter sind keine historischen Relikte, sondern Zustände: Angst, Verzückung, Zweifel, Macht. Die Kamera des Fotografen rückt so nah heran, dass jede Pore, jede Geste eine eigene Dramaturgie entwickelt. Aus der Distanz wird Unmittelbarkeit – und genau darin beginnt die Irritation.

Denn im Visiodrom kippt diese fotografische Nähe in etwas Neues. Die Figuren wachsen auf der 360-Grad-Fläche über sich hinaus, werden überlebensgroß, verlieren ihre museale Fixierung. Die Industriekathedrale verwandelt sich in einen sakral aufgeladenen Theaterraum, in dem Geschichte nicht erklärt, sondern gegenwärtig wird – manchmal fast zu gegenwärtig.
Chorwerk Ruhr als klangliches Zentrum
Und dann die Musik dazu: Das Chorwerk Ruhr tritt unter der Leitung von Alexander Lüken in die Mitte des Raums, als würde es sich selbst in diese kreisende Bildarchitektur hineinschreiben. Gregorianische Gesänge öffnen den Abend wie eine langsame Verschiebung der Zeitachse. Von dort spannt sich ein weiter Bogen: Antonio Lottis Crucifixus, Sigismondo d’Indias Timor et Tremor, Gregorio Allegris Miserere – Musik, die hier nicht illustriert, sondern reagiert, als würde sie auf das antworten, was die Bilder längst erzählen.
Zwischen diesen historischen Tiefenschichten stehen plötzlich Alberto Ginasteras Lamentaciones de Jeremías und vor allem Giacinto Scelsis Tre Canti Sacri. Bei Scelsi scheint der Raum selbst zu vibrieren. Die Klänge lösen sich von jeder linearen Zeit, hängen im Gasometer wie schwebende Fragmente – und finden in den Pietà-Darstellungen der Sacri Monti eine fast beunruhigende Entsprechung.
Laura Marconi und die Auflösung historischer Grenzen
Der vielleicht überraschendste Moment ist „Vorrei“ von Laura Marconi. Kein Stilzitat, keine historische Rückbindung, sondern ein bewusst offenes, mikrotonal flirrendes Gewebe. Fragmente von Sprache, Atem, Reibung. Hier kippt das Projekt endgültig aus der Gegenüberstellung von „alt“ und „neu“ heraus. Plötzlich wirkt es, als hätte diese Musik schon immer in diesem Bildraum existiert – oder als würde sie ihn gerade erst hervorbringen.
Und ja: Selbst im mächtigen Nachhall des Raums bleiben die Stimmen transparent, fast körperlich greifbar. Es ist ein Singen, das den Raum nicht füllt, sondern formt.
Wenn Bild, Klang und Architektur eins werden
Und genau darin liegt der entscheidende Kunstgriff dieses Abends: Nichts dominiert. Keine Ebene ordnet die andere unter. Bild, Klang und Architektur verschränken sich nicht dekorativ, sondern strukturell. Wie in einer Polyphonie bleiben die Stimmen eigenständig – und bilden gerade dadurch ein gemeinsames Gewebe.

Man merkt irgendwann, dass hier kein „immersives Erlebnis“ produziert wurde, sondern ein Zustand entstanden ist, der sich nicht mehr sauber trennen lässt in Musik und Bild, in Raum und Zeit. Der Begriff Gesamtkunstwerk wirkt plötzlich nicht mehr großspurig, sondern eher zu klein.
Ein Maßstab für zukünftige immersive Formate
Am Ende bleibt der Eindruck eines Abends, der nicht nur eine Produktionsidee eingelöst hat, sondern eine Möglichkeit aufgezeigt: wie Musiktheater heute aussehen könnte, wenn es sich wirklich traut, die Hierarchien zwischen den Künsten aufzugeben. Die Sacri Monti wurden dabei nicht museal ausgestellt, sondern in eine fragile Gegenwart überführt – als wären sie nie weg gewesen.
Und vielleicht ist genau das die stärkste Pointe dieses Abends: dass Geschichte hier nicht betrachtet wurde, sondern zurückgesungen, zurückprojiziert, zurück in die Gegenwart geholt – ohne dass sie dabei ihren eigenen Widerstand verliert.
Titelfoto © Christian Palm


