Einfach Klassik.

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Lukas Hasler GOLD Cover

Lukas Hasler – „GOLD“: Klavierklassiker neu gedacht

Was passiert, wenn ein 29-jähriger Organist Klaviermusik von Bach bis Rachmaninoff auf eine der größten Konzertorgeln Europas überträgt? Lukas Hasler gibt mit seinem Album „GOLD“ eine Antwort, die so einfach wie bestechend ist: Verwandlung. Aufgenommen auf der Rieger-Orgel im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins, führt die Platte vor, was geschieht, wenn Musik, die man zu kennen glaubt, durch ein Instrument gefiltert wird, das nach völlig anderen Gesetzen funktioniert als jenes, für das sie erdacht wurde.

Lukas Hasler GOLD: Klavierklassiker im neuen Licht

Schon der erste Ton macht das hörbar – gedämpft und satt steht er im Saal, und man begreift sofort: Hier hat jemand etwas vor. Was am Klavier verklingt, hält die Orgel fest. Wo der Hammeranschlag loslässt, atmet die Pfeife weiter. Ein Ton, der auf dem Flügel sekundenkurz aufblitzt, kann hier stehen bleiben, wachsen, sich mit Obertönen füllen und eine ganze Halle durchtränken. Hasler weiß das – und lotet es in jedem Takt neu aus.

Der Bogen ist kühn: Bach und Beethoven, Schumann und Bruckner, Bizet und Rachmaninoff – alles für Orgel neu gedacht, in historischen wie in eigenen Bearbeitungen. Schumanns Romanze in Fis-Dur erklingt als Weltersteinspielung auf der Orgel, und was daraus wird, ist kaum mehr als ein Hauch auf leisesten Registern – perlend, fragil, als traue sich die Musik selbst nicht recht in den gewaltigen Raum. Beethovens langsamer Satz aus der „Mondscheinsonate“ dagegen gewinnt eine meditative Weite, die das Klavier schlicht nicht hergibt: Klangwellen, die sich vom Taktmaß lösen und frei im Raum schweben. Man könnte stundenlang zuhören, ohne dass sich etwas wiederholt.

Dramatischer Bogen: Von Schumann bis zur Carmen-Fantasie

Das dramatische Zentrum bildet Edwin Lemares Carmen-Fantasie nach Bizet. Hasler macht daraus veritables Kopfkino: sinnlicher Tango, gedämpfte Elegie, dann aufbrechender Furor. Was beeindruckt, ist die Kunst des Dosierens – er spielt paradoxerweise langsamer, wo andere beschleunigen würden, gibt den Registerwechseln Luft zum Atmen und erzeugt so eine Spannung, die sich am Ende in überwältigenden Gesamtklängen entlädt. Das Flüstern, bevor die 6.000 Pfeifen gleichzeitig loslegen: Das sitzt. Und wie. Ähnlich packend gelingt Rachmaninoffs Prélude in g-Moll – majestätischer Puls, dann plötzlich eine Mittelsektion voll stiller Melancholie, als öffne sich mitten im Marsch eine Tür in eine ganz andere Welt. Solche Momente muss man erst einmal hinbekommen, ohne dass es nach Effekt riecht.

Lukas Hasler, Kirill Lialin, stylearts
Lukas Hasler, Kirill Lialin, stylearts

Dass Hasler dabei keinen Spaß scheut, beweisen die leichteren Nummern. Mozarts G-Dur-Sonate klingt durch Griegs Bearbeitungsfilter nach Wiener Jahrmarkt und augenzwinkernder Eleganz – als hätte jemand den Staub von der Partitur gepustet und darunter ein Grinsen entdeckt. Und in „Vienna Calling“, gemeinsam mit Marc-André Hamelin und Alex Johansson erdacht, umarmen sich Strauss-Walzer und Jazz-Anklänge so selbstverständlich, dass sogar ein eingeschmuggelter Nokia-Klingelton nicht deplatziert wirkt, sondern wie eine liebevolle Pointe. Man merkt: Dieser Organist hat null Angst vor Fallhöhe.

Die Rieger-Orgel im Musikverein als klingende Hauptfigur

Was man bei alledem nicht vergessen darf: die Orgel selbst. Die mächtige Rieger im Goldenen Saal, 2011 fertiggestellt, ist ein Instrument, das Hasler wie ein Maler seine Palette nutzt – nur dass diese Palette 86 Register hat und einen Raum bespielen muss, in dem jeder Fehler gnadenlos hörbar wäre. Gedackte Flöten werden unter seinen Händen zu seidigen Schleiern, Mixturen funkeln metallisch, Zungenregister schneiden sich ins Geschehen wie ferne Trompeten – und wenn er das volle Tutti zieht, füllt sich der legendäre Saal bis in die letzte Ritze, ohne dass der Klang je grob würde. Es ist dieses Gespür für die Übergänge, das Haslers Spiel so fesselnd macht. Man hält unwillkürlich den Atem an, weil man den nächsten Farbwechsel nicht verpassen will.

Diese Lust am Was-wäre-wenn durchzieht jede Sekunde von „GOLD“. Die Lust eines Neunundzwanzigjährigen, der vor vier Manualen sitzt und seiner Hörerschaft zeigt, dass die Orgel das vielleicht unterschätzteste Instrument der Gegenwart ist. Wer nach diesem Album immer noch glaubt, Orgelmusik sei eine staubige Angelegenheit, dem ist nicht mehr zu helfen.

Das Album

Icon Autor lg
Musik und Schreiben sind immer schon ein Teil von mir gewesen. Cellospiel und eine gewisse Erfahrung in Jugendorchestern prägten – unter vielem anderen – meine Sozialisation. Auf die Dauer hat sich das Musik-Erleben quer durch alle Genres verselbständigt. Neugier treibt mich an – und der weite Horizont ist mir viel lieber als die engmaschige Spezialisierung, deswegen bin ich dem freien Journalismus verfallen. Mein Interessenspektrum: Interessante Menschen und ihre Geschichten „hinter“ der Musik. Kulturschaffende, die sich etwas trauen. Künstlerische Projekte, die über Tellerränder blicken. Labels, die sich für Repertoire-Neuentdeckungen stark machen. Mein Arbeitsideal: Dies alles fürs Publikum entdeckbar zu machen.
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