Ein Beitrag von Teresa Pieschacón Raphael
„Umwege erweitern die Ortskenntnis.“ Mit dieser Weisheit von Kurt Tucholsky hat die Kölner Pianistin Carmen Stefanescu ihre Lebenseinstellung überschrieben. Tatsächlich: Umwege gab es reichlich in ihrem Leben. Einige freiwillig, andere unfreiwillig. Abkürzungen nur wenige.
Frühe Prägungen und musikalische Grundlagen der Pianistin Carmen Stefanescu
In Bukarest geboren, nahm Carmens künstlerischer Weg seinen Anfang auf der Musikspezialschule, jener besonderen musikalischen Frühfördereinrichtung nach sowjetischem Vorbild, die es so im Westen nie gab. Unter strenger pädagogischer Obhut wurden die hochbegabten Kinder dort nicht nur in allgemeinbildenden Fächern unterwiesen, sondern erhielten eine professionelle instrumentale Ausbildung auf Hochschulniveau. Am Ende einer jeden Klassenstufe mussten Etüden und Werke erfolgreich durchgearbeitet sein. Noch heute ist Carmen Stefanescu dankbar für diese rigide pianistische Erziehung, die zwar, anders als im Westen, nicht den Fokus auf die Ausbildung künstlerischer Persönlichkeiten legte, ihr aber ein unschätzbares Fundament gab.

Zuhause ging es fröhlich zu. Carmens Vater war Arzt, die Mutter Tontechnikerin beim Rundfunk in Bukarest. „Ich sehe heute noch meine Eltern den Teppich wegräumen und dann zu Ray Charles tanzen.“ Wäre da nicht die permanente Drohkulisse des totalitären Ceausescu-Regimes, die sich bis in die privaten Beziehungen auswirkte. Bereits als kleines Mädchen wusste Carmen, was sie über ihr Zuhause erzählen durfte und was nicht. „Denn meine Eltern waren sehr regierungskritisch, wir hörten Radio Europa Liberă (Radio Free Europe). Irgendwann war uns klar, dass wir fliehen mussten.“
Damit begann eine zweijährige Odyssee, die die kleine Familie von Bukarest über Wien nach Israel führte, zurück nach Europa und mitunter höchst dramatische Momente enthielt. Wie etwa der Entführungsversuch in Wien. „Als ich mit meiner Mutter in der Stadt unterwegs war, kam auf einmal ein Typ und versuchte mich wegzuzerren. Meine Mutter hielt mich fest. Passanten unterstützten uns, bis der Typ losließ. Bestimmt einer vom rumänischen Geheimdienst.“ Angst behielt sie von dieser Attacke nicht zurück. Das lag wohl an ihrem Elternhaus, in dem sie sich „wahnsinnig aufgehoben“ fühlte. Ruhe fand die Familie in Stolberg nahe Aachen, wo der Vater als Arzt Arbeit fand und Carmen in die Schule ging. Da war sie neun Jahre alt. Mit zehn Jahren wurde sie als Jungstudentin an der Aachener Musikhochschule aufgenommen. Alles ging seinen geregelten Weg. Doch geradlinige Wege waren noch nie Carmens Sache.
Brüche, Umwege und ein Leben außerhalb der Klassik
In der zwölften Klasse beschloss sie, kurz vor dem Abitur, die Schule ohne Abschluss zu verlassen. Anlass war wohl eine schwere akute Erkrankung, die nur langsam ausheilte und die Mahnung der Ärzte, sie dürfe „ab jetzt nur noch kleine Spaziergänge mit Eltern machen, nie wieder rauchen, nie wieder Alkohol trinken, nie wieder eine Fritte essen“. So hatte sich die Achtzehnjährige ihr Leben nicht vorgestellt, schon gar nicht als aufstrebende klassische Pianistin in einem Musikbetrieb, den sie damals nur bieder fand. „Ich dachte, wenn ich schon verende, dann schnell.“ Sie fuhr mit Freunden nach Italien. Sie kellnerte, um sich ihren Unterhalt zu verdienen, verliebte sich in den Schlagzeuger einer Reggae-Band. Als der Keyboarder aus der Band ausstieg, stieg Carmen Stefanescu ein. Genesis, Deep Purple, Doors, Funk und Heavy Metal. Für Rockmusik hatte sie sich schon immer ein Faible. „Meine erste LP, die ich mir von meinem Taschengeld gekauft habe, war Fireball von Deep Purple.“ Und trällert den Song ‚Smoke on the Water‘ nach.

Rückkehr zur klassischen Musik und künstlerische Reifung
Zwei Jahre war sie mit der einen Band unterwegs, schloss sich dann anderen Pop-, Rock- und Cover-Bands an. Sie schleppte Boxen, übernachtete in WG‘s, führte ein wildes Leben. Über zehn Jahre. Doch irgendetwas nagte an ihr. Immer wenn sie ihre Eltern besuchte, sah sie im Wohnzimmer ihren alten Flügel. Sie traute sich nicht an das Instrument. „Ich habe mich vor mir selbst so geschämt. Wenn ich ehrlich bin: Ich habe meine geliebte Klassik so vermisst.“ Doch da sie fast schon Ende zwanzig war, dachte sie sich, sie hätte keine Chance mehr, überhaupt ein Musikstudium zu absolvieren. Dann erfuhr sie, dass die Altersbeschränkung an den Musikhochschulen in NRW angehoben wurde, und beschloss, es noch einmal zu versuchen. „Ich bestand die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule in Köln mit 35 Jahren und machte das Diplom mit Auszeichnung in sieben Semestern!“
Danach zog es sie in die Musikstadt Leipzig. Sie musizierte mit Solisten aus dem Gewandhausorchester, nahm 2005 ein Duo-Album „Alma y Musica“ mit dem Leipziger Cellisten Lukas Dreyer auf. In jenen Jahren gewann sie auch den Sonderpreis für die beste Poulenc-Interpretation beim Internationalen Grieg-Wettbewerb in Oslo für das Klavierduo mit der Pianistin Juliane Tautz. Und entdeckte ihre Liebe für die Liedbegleitung durch Sängerinnen wie Laetitia Grimaldi Spitzer und Carolin Masur, die Tochter von Kurt Masur.
In Meisterkursen mit Irwin Gage perfektionierte sie ihre Klavierkunst. Sie „zeigt, dass man auch auf dem Flügel singen kann“ (Rondo) bescheinigte ihr 2024, also viele Jahre später, die Kritik, als sie ihr Album „The Voice Of Piano“ mit Lied-Transkriptionen des 19. und 20. Jahrhunderts veröffentlichte. Zwei Jahre zuvor schrieb die Kölner Rundschau über ihre Solo-CD „Kaleidoscope of Life“ mit (unter anderen) Klavierwerken der Belle Époque: Ihr Spiel sei „so inniglich, dass es ans Herz geht“. Beide Aufnahmen erschienen in Köln, wo sie seit 2011 mit ihrem Mann lebt und sich als Klavierpädagogin niedergelassen hat. Man könnte meinen, sie sei angekommen.

Künstlerische Gegenwart und neue musikalische Wege
Doch stets, wenn ihr ein Weg zu vorgezeichnet erscheint, ändert Carmen Stefanescu immer wieder leicht den Kurs. Seinerzeit noch in Leipzig war sie fasziniert von der „schwarzen“ Szene des Stadt mit ihrem Wave Gothic Festival (WGT), das jährlich zu Pfingsten stattfindet. „Da habe ich damals die Kammermusiksparte mitbegründet.“ Heute in Köln sind es vor allem die Projekte, die sie mit dem Ensemble GOLDKORN entwickelt. „Wir planen einen Gesangsklavierabend“, erzählt sie, „auf dem wir Heavy Metal-Stücke und klassische romantische Lieder von Wolf und Schumann gegenüberstellen.
Beide Genres verbindet ein sehr romantisches Thema: die Melancholie und die Einsamkeit. Unsere Sängerin ist eine absolute Heavy Metal-Lady. Es geht auch ums Abrocken, ich freue ich mich total auf diese neue Wave.“ Stichwort Wave: Auf ihrer jüngsten CD „Shapes of Water“ ergründet sie musikalisch die vielen Stimmungen, Bewegungen und Geheimnisse des Wassers. Von Debussys schimmernden Spiegelungen und versunkenen Kathedralen bis zur stillen Melancholie von Amy Beachs „By the Still Waters“ und kombiniert sie mit modernen Klangvisionen wie Nobuo Uematsus „The Boundless Ocean“.
„Der längste Umweg ist der kürzeste nach Hause“, schreibt James Joyce in seinem „Ulysses“. Dem wird auch Carmen Stefanescu zustimmen.


