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Einfach Klassik.

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Lukas Hasler Cover

CD-Review: Lukas Hasler – A Portrait

Was hätte Johann Sebastian Bach alles auf einer modernen Orgel angestellt? Auch den weltweit gefragten jungen Orgelvirtuosen Lukas Hasler treibt diese Frage so sehr um, dass er sie zum zentralen Thema seiner aktuell erschienenen Debut-CD erhoben hat. Mit dem Werk Johann Sebastian Bachs als rotem Faden unternimmt Hasler einen faszinierenden Grenzgang durch die musikalischen Epochen, der schließlich mit Eigen-Improvisationen im Heute ankommt. 

Bevor es hier explizit um Bach geht, wird eindrucksvoll demonstriert, was aus der französischen Romantik daraus folgte. Marcel Duprés optimistisch strahlende „Prélude et Fugue en Si majeur op. 7/1“ taugt bestens, die ganze Klangsinnlichkeit und Vielschichtigkeit dieses größten aller Instrumente zu inszenieren. Einer brillanten, mitunter gleißenden Strahlkraft in hohen Lagen steht ein markantes und subtil sehr ausdifferenziertes Bassspiel gegenüber. Nicht selten hat man bei Haslers Spiel das Gefühl, eine Orgel in dieser Mehrdimensionalität noch nie zuvor oder zumindest sehr selten gehört zu haben. 

Haslers Interpretationen von Bachs Werken erweisen sich als Offenbarung, an der man sich nicht satt hören kann – seine Werkauswahl für diese Aufnahme trägt den verschiedenen Aspekten von Bachs Musik mit großer Überzeugungskraft Rechnung. Das „Trio super ‚Allein Gott in der Höh sei Ehr‘ BWV 664“ kleidet die ganze kontrapunktische Raffinesse in eine tänzerische Leichtigkeit – auch das taugt, um die Zuhörenden zuverlässig in himmlische Sphären zu entführen. Ebenso betört die „Fantasie und Fuge in g-Moll BWV 542“ durch ihre wellenartigen Emotionen, ebenso wie die gläsernen Töne der Es-Dur-Fuge in zerbrechlicher Zartheit erblühen. 

Mystisches Universum 

Als sich Franz Liszt dem Thema Bach angenommen hatte, zeigte er sich auch bei seiner Lesart des „Präludium und Fuge über das Thema B-A-C-H“ als visionärer Mystiker. Die orchestralen Klanggeflechte nähren sich aus jener Tonfolge, die den Namen des größten Musikschöpfers buchstabiert. Haslers Spiel, das immer einer forschenden, assoziativen Klangsuche gleichkommt, lässt uns in verborgene Sphären in diesem Labyrinth aus Dunkelheit und Licht vordringen.


Lukas Hasler

Lukas Hasler legt auf seiner Portrait-CD als Improvisierender eine überzeugende Visitenkarte vor – dabei reichen ihm kurze, skizzenhafte Interventionen oder in seiner eigenen Diktion „Evocations“, um an den eigenen Visionen einer Gegenwart und Zukunft des Orgelspiels teilhaben zu lassen. Pate stand wiederum Bach und zwar dessen Choral „Nun danket alle Gott“, der aber eher als Geisterwesen im Hintergrund die Geschicke lenkt und selten in direkter Form in Erscheinung tritt. 

Die erste Evocation mündet in monumentale Klangballungen voller gravitätischer Wucht. Die zweite Evocation beginnt mit einem dramatischen Ostinato und entwickelt sich zu einem expressiven Spiel aus Clusterklängen und verschleierten Anspielungen auf den Choral. Die dritte Evocation erkundet die Grenzbereiche des riesigen Tonspektrums der Orgel – mit glissandierenden Höhen, die sich wie eine flüssige Substanz in die Tiefen der Register ergießen.

Es ist kein Zufall, dass Haslers Wahl auf die 2017 neu konstruierte Eule/Walcker-Orgel in der Evangelischen Heilandskirche in  Graz fiel, die mit heutigem technischen Knowhow die Klangkonzepte der deutschen Romantik perfektioniert. Das erlaubt Lukas Halser vor allem, vielfältige Registerkombinationen und -wechsel dramaturgisch wirkungsvoll in Echtzeit einzusetzen, was dem orchestralen Hörkino eines Lukas Hasler bestens entgegenkommt. Dazu gehört auch das favorisierte Stilmittel des „gefühlten Crescendos“: Je länger eine Taste gedrückt wird, desto voller und prägnanter wird der Ton. Die Orgel als riesiges, sinfonisches Orchester. 

Spaß muss sein 

Rumms, rumms rumms – ja was is’n des? Plötzlich erklingt, fröhlich und schmissig, tatsächlich der „Radetzky-Marsch“. In aller Pracht vorwärts preschend, fröhlich drauflos scheppernd und in hohen Registern wie eine Kirmesorgel auf dem Wiener Prater klingend. Und wenn Hasler dann ein fettes Tutti fauchen lässt, könnte das ganze auch als eine schräge Remix-Version dieses beliebten Kult-Stückes durchgehen. Keine Frage: Zu Lukas Haslers Kernanliegen gehört, seinem Publikum bei aller künstlerischer Erhabenheit auch eine Menge Spaß mit auf den Weg zu geben und damit möglichst viele Menschen für die Wunderwelt der Orgelmusik zu gewinnen.

Icon Autor lg
Musik und Schreiben sind immer schon ein Teil von mir gewesen. Cellospiel und eine gewisse Erfahrung in Jugendorchestern prägten – unter vielem anderen – meine Sozialisation. Auf die Dauer hat sich das Musik-Erleben quer durch alle Genres verselbständigt. Neugier treibt mich an – und der weite Horizont ist mir viel lieber als die engmaschige Spezialisierung, deswegen bin ich dem freien Journalismus verfallen. Mein Interessenspektrum: Interessante Menschen und ihre Geschichten „hinter“ der Musik. Kulturschaffende, die sich etwas trauen. Künstlerische Projekte, die über Tellerränder blicken. Labels, die sich für Repertoire-Neuentdeckungen stark machen. Mein Arbeitsideal: Dies alles fürs Publikum entdeckbar zu machen.
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