CD-Review: Vijay Gupta – When the Violin

Von Stefan Pillhofer


When the Violin cover


Vijay Gupta ist ein in Los Angeles lebender Geiger, der nach Ausbildung an der Yale School of Music als Solist unter Zubin Mehta debütiert, zwölf Jahre lang in der ersten Geige des Los Angeles Symphony Orchestra verbracht und unter anderem mit dem Kronos Quartett und Yo-Yo Ma zusammengearbeitet hat. Mittlerweile veröffentlicht er Alben auf seinem eigenen Label, so auch dieses für Solo-Violine.

Das Titelstück des Albums “When the Violin”, komponiert von Reena Esmail, basiert auf einem Text von Hafiz, einem Persischen Mystiker und Poet aus dem 14. Jahrhundert. Das Stück steht im Hindustanischen Rag “Charukeshi”, einer melodischen Grundstruktur der klassischen Indischen Musik, welches für unsere Ohren oft wie ein Wechsel zwischen Dur und moll klingt.

Vijay Gupta gestaltet persönlich

Im zugrunde liegenden Text geht es um Trauer und Vergebung, um das Öffnen unserer Herzen für die in uns wohnenden Melodien. Gupta ist das Thema aus seiner persönlichen Geschichte heraus wichtig. Entsprechend persönlich gestaltet er die Interpretation des Stücks, und setzt die sehr intime Atmosphäre durch den begrenzten, physikalischen Raumkosmos der Geige. Gleichzeitig fokussiert er sich auf die Größe und Weite dieser Musik, die der Geiger in den Zweiklängen und in als Glissandi gespielten Oktavmelodien schön entstehen und sich ausbreiten lässt. In den technischen Details immer entspannt, konzentriert er sich
darauf, die Stimmungen und Botschaften, die Text und Komposition transportieren darzustellen.


“Lachen Verlernt” von Esa-Pekka Salonen behandelt die Beziehung zwischen Künstler*in und Publikum, in der die Künstlerin die Gemeinsamkeit von Gedanken und Gefühlen verdeutlicht, und so den Hörenden hilft wieder lachen, fühlen und sein zu können. Vijay Gupta streicht den leichten Varietécharakter des Stückes schön heraus, indem er die vielen kleinen Melodieminiaturen und Mikroszenen wie ein Jongleur durch seine Hände tanzen lässt. Ganz bewusst scheint er da am Ende mancher Themen die Akkuratesse aufzugeben, um der Situation die Flüchtigkeit eines Taschentricks zu verleihen. Auch prominente Melodien gestaltet der Solist nie cineastisch, sondern in fast überzeichneter Bühnen-Performance.

Einladung

Das dritte Element auf dem Album, Johann Sebastian Bachs Sonat No. 1 in G moll, BWV 1001 deutet auch auf Verlust und Trauer hin. Im Jahr der Entstehung – 1720 – verlor Bach seine Ehefrau Maria Barbara, die überraschend verstarb während er auf Reisen war. Gupta spielt auch dieses Werk, das sein erstes Solo-Werk war, sehr intim. Er bildet hier kaum Größen aus, in Strichintensität und Dynamikspitzen, sondern hält die Noten bei sich. Es ist seine Musik, und er lädt uns ein in dieses, sein eigenes Klangzimmer. Gerade in der Siciliana erzeugt der Geiger die Noten wie aus dem Nichts, und lässt sie dorthin wieder zurückfallen, nachdem sie ihre kurze Existenz in zerbrechlichem Vibrato verbrachten. So betont er eine der großen Eigenschaften der Musik Bachs, die fast etwas meditative Konzentration auf die Form und auf Bewegungen. 

Vijay Gupta portrait
Vijay Gupta, Foto by Kat Bawden

 

Wegmarke

Im Presto gibt Gupta dann noch ordentlich Agilität zu Gehör, und lässt die Noten gekonnt und branchenüblich tanzen, nicht ohne jedoch auch hier mit den so charmant ersterbenden Notenenden diese entspannte Leichtigkeit und auch Unverbindlichkeit zu erhalten, so als hörte man an einem heißen Hochsommertag im kühlen Schutz eines alten Stadthauses in der Nachbarwohnung leises Geigeüben. Diesen “Himalaya der Geiger” setzt Gupta auf das Album als Wegmarke seiner eigenen Möglichkeiten, sowohl technisch als auch interpretatorisch.

An diesem Album ist sehr vieles wunderschön. Das Konzept, die Werkauswahl, die Ausführung, die Darstellung von Persönlichkeit, die Aufnahme, und nicht zuletzt, das CD-Booklet. Gupta vertreibt die Veröffentlichung über Bandcamp, und auch die CD ist dort bestellbar.

Die Tracks

1. Reena Esmail – When the Violin (2020) 4:51

2. Esa-Pekka Salonen – Lachen Verlernt (2002) 10:19

Johann Sebastian Bach – Sonata No. 1 in G minor, BWV 1001 (1720)

3. Adagio 4:31

4. Fuga (Allegro) 4:44 

5. Siciliana 2:55 

6. Presto 3:28

7. in the words of Hafiz 1:18

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