JCOM-TV – Der Youtube-Kanal des Jewish Chamber Orchestra Munich

Von Stefan Pillhofer

Jewish Chamber Orchestra Munich Profilbild
Jewish Chamber Orchestra Munich, Foto: Stefan Randlkofer


Für eine Organisation einen attraktiven YouTube-Kanal zu erstellen ist nicht die neuste Idee. In der Flut der neu entstehenden sozialen Netzwerke wirkt YouTube immer archaischer. Netzwerk-Kenner sagen allerdings immer wieder, dass es am klügsten ist, die Vorteile der unterschiedlichen sozialen Medien konsequent für sich zu nutzen, unabhängig davon welchen “Anstrich” die Plattform hat. 
Weiterhin zwingt die aktuelle Coronaphase aus mehreren Gründen Künstler*innen und Organisationen dazu, kreativ tätig zu werden. Daher hat mich die Ankündigung des JCOM, des Jewish Chamber Orchestra Munich, seinen YouTube-Kanal zu werben zunächst mal nicht vom Hocker gerissen.

Aber wie lautet eine der abgedroschensten Social Media-Phrasen: Alles hängt am Content! Und in diesem Punkt bietet das JCOM äusserst ansprechende Qualität! Mit viel Aufwand wurden für die Videoproduktion professionelle Firmen beauftragt, so dass durch attraktiv geschnittene Mehr-Kamera-Produktionen die Videos das Niveau der Orchesterspiels erreichen. Auch die ausgewählten Drehorte überzeugen, zum Beispiel das Utopia in München, eine ehemalige Reithalle, oder die Münchner Freiheitshalle, die beide beeindruckend in Szene gesetzt werden.

Wie alle Musiker*innen und Klangkörper hat auch das Kammerorchester aus München während der Pandemie einen Totalausfall seiner Konzerttätigkeit zu verkraften. Der Dirigent Daniel Grossmann hatte das Ensemble 2005 gegründet, und es als künstlerischer Leiter seitdem in eine Vielzahl interessanter Kooperationen, und auf viele Konzertbühnen geführt. Dabei gibt es auch Überraschendes, das jährlich veranstaltete Jüdische Neujahrskonzert ist eine feste Größe im Münchner Prinzregententheater, oder eine Videokonzert-Aufführung von Operettenraritäten Jacques Offenbachs, und nicht zuletzt spielte das JCOM eine tragende Rolle im Tatort.

Jewish Chamber Orchestra Munich in Vermittlung

Das Ensemble versteht sich als Stimme und Botschafterin jüdischer Gegenwartskultur, und spielt daher gern teilweise vergessene Werke jüdischer Komponist*innen. Und natürlich rücken die Verantwortlichen das auch in den Mittelpunkt ihres Youtube-Kanals, der gut strukturiert und leicht zugänglich wirkt. Beschriftete Still-Images machen das Streunen durch die Video-Auswahl angenehm, und innerhalb der Videos geben die Standard-Beschreibungstexte auf einen Blick kurze Informationen zu Komponist*innen und Werken. Hier wurden wohl überlegte Detailentscheidungen getroffen.

Natürlich findet man auch bekanntere Namen wie Gustav Mahler und Erwin Schulhoff in der Auswahl, wirklich verloren im Wandern von Film zu Film habe ich mich aber bei Komponisten wie Mordecai Seter, Mátyás Seiber oder Arthur Lourié. Die kannte ich alle bisher nicht, und ich war von ihrer Musik sofort fasziniert. Da merkt man natürlich auch, dass sich das JCOM schon seit langem darauf spezialisiert hat, diese Musik darzustellen und zu vermitteln. Zusammen mit der wirklich überzeugenden, musikalischen Spiel- und Interpretationsqualität, und der fein geplanten Videoproduktion entstehen dann fast unwirkliche Momente. Wenn zum Beispiel Arthur Louriés “A Little Chamber Music” plötzlich im durch die Fensterscheiben des Utopia strömende Nachmittagslicht eintaucht.

In “Sinfonietta” von Mátyás Seiber, einer Bearbeitung für Streichorchester seines ersten Streichquartetts, präsentieren die Musiker*innen die unter häufigem Wandel stehende Harmonik mit Geschlossenheit und viel Einfühlungsvermögen. Gerade die Schönheit des langsamen, zweiten Satzes arbeitet des Ensemble fein heraus, indem sie ganz bewusst die sibeliusgleichen Klangräume weit aufziehen.

Raum geben und Angebote machen

Mordecai Seters “Requiem for Oboe, Piano and Strings” präsentieren die Musiker*innen mit Spannungsbögen, die mich auf der Stuhlkante halten. Daniel Grossmann leitet diese Einspielung so umsichtig, dass er das Ensemble immer befähigt, die Solisten, vor allem den Oboisten Hideki Machida, prominent zu präsentieren, und ihnen viel Raum zu geben.

Insgesamt tritt der Dirigent als Initiator des Orchesters an sich, aber auch von JCOM-TV entschlossen und sympathisch auf. Er steuert sowohl die musikalische Direktion, als auch die Auswahl und Leitung der vielen Wortbeiträge zu jüdischer Kultur, die es auf dem Kanal auch gibt, mit Bedacht aber klaren Ideen. Dass ihm der Gesamtkosmos des Jewish Chamber Orchestra Munich eine Herzensangelegenheit ist schlägt einem aus allen Auftritten, Videos, Texten und Gesprächen entgegen. Und das gilt genauso auch für die Musiker*innen des Ensembles.

Der Besuch von JCOM-TV bei Youtube lohnt sich also sehr, vor allem wegen der vielen Erlebnisse, die man dort bekommen kann. Durch die vielen attraktiven Aufführungen wenig gespielter Werke, durch viel Information über jüdische Kultur, und letztlich durch das Beobachten von Menschen, die mit großer Begeisterung an einer Sache arbeiten.  

Schreibe einen Kommentar