Die “Jeux d’eau” von Maurice Ravel sind eines meiner absoluten Lieblingsstücke der Klavierliteratur, und auch eines der anspruchsvollsten. Viele Pianist*innen haben sie aufgenommen, zur Freude des Publikums, aber auch zu Demonstrationszwecken. Und keine der existierenden Aufnahmen konnte mich jemals zu 100 Prozent überzeugen. Die für mich bis dahin beste Version gab es nicht auf CD, sondern in einem YouTube-Video, in dem ein 13-jähriges Mädchen die Bühne betrat und Ravels Stück mit einer Reife und emotionalen Tiefe spielte, die mich auf Jahre hinaus sprachlos machte. Dieses Mädchen hieß und heißt: Tiffany Poon. Und nun, 15 Jahre später, hat die New Yorker Pianistin die Wasserspiele für ihr neues Album “Nature” aufgenommen. Da freute ich mich gleich, eine im Studio aufgenommene Version des YouTube-Videos zu bekommen. Aber Pustekuchen. Poon spielt das Stück heute komplett anders! Wieder war ich verblüfft. Denn das, was viele andere mit Stolz präsentieren, gerät bei der Version auf “Nature” zur Nebensache. Die vielen, endlosen, sehr halsbrecherisch schnellen Läufe über die gesamte Klaviatur schiebt Poon beiseite, spielt sie locker unter der Hand und konzentriert sich stattdessen auf Melodien. Auf die vielen unterschiedlichen Szenen, die das spielende, plätschernde Wasser im Brunnenbecken durchlebt. Die Pianistin erzählt weich, feinfühlig, energisch, aufbrausend, zögernd. Sie hebt die “Jeux d’eau” auf eine neue Stufe, gibt dem Stück neue, viel musikalischere Möglichkeiten zu wirken, was in mir den Wunsch weckt, diese Einspielung für mich als neuen Standard zu sehen.
Französische Klangwelten zwischen Barock und Moderne
Aber “Nature” ist weit mehr als dieses eine Stück. Es ist ein Großprojekt, in dem Tiffany Poon sich der französischen Klaviermusik zuwendet. Und dabei eröffnet sie noch ganz andere Bereiche als die Romantik. Denn mit Stücken von Jean-Philippe Rameau, Louis-Claude Daquin und François Couperin präsentiert sie gleich einen ganzen Block an Barockmusik. Das habe ich bisher von Tiffany Poon noch nicht wirklich gehört, aber was hier passiert ist, ist höchst beeindruckend. Sie spielt diese kleinen Klavierstücke deutlich agiler als andere es tun. Die vielen kleinen Verzierungen, Triller und Praller arbeitet sie mit atemberaubender Energie und Präzision. Aber ähnlich wie bei ihrem Vorgehen in den Wasserspielen tut sie das nicht zum Zweck der Demonstration, sondern um die Tiermotive frisch und deskriptiv darstellen zu können. Damit bekommen die Stücke ein menuetthaft gespanntes Gerüst, das mich beim Hören unweigerlich mitwippen lässt. Das treibt die Pianistin so weit, dass manche beidhändigen Unisonomelodien schon fast in Flamenco übergehen. Das sind weitgreifende Interpretationsentscheidungen, die Mut und Risikofreude erfordern, und die deshalb stilgebend und einfach richtig stark sind!
Es wäre angemessen, jetzt einfach jeden einzelnen Track der CD genau zu besprechen, aber das sprengt diesen Rahmen. Trotzdem muss ich einiges erwähnen, zum Beispiel „Le Festin d’Ésope“ aus 12 Etudes in the Minor Keys, Op. 39 von Charles-Valentin Alkan. Eine Etüde, die das einfache Grundthema über achteinhalb Minuten in fast schon enervierender Beharrlichkeit immer wieder in verschiedene Stile und Herangehensweisen umformt. Da fragt man sich, was sich die Pianistin dabei gedacht hat, dieses Stück auf das Album zu nehmen. Die vielen, manchmal richtig ironisch wirkenden, technisch atemberaubenden Passagen spielt Tiffany Poon rigoros mit Durchhaltevermögen aus, grinst sich dabei eins und beschert mir schmunzelndes, aber respektvolles Kopfschütteln.

Virtuosität, Ironie und interpretatorisches Risiko
Ganz anders wird es dann wieder an dem Punkt, an dem „Le Cygne“ aus Le Carnaval des animaux von Camille Saint-Saëns (in einer Klavierbearbeitung von Lucien Garba) auf dem Programm steht. Diesen hochbekannten und vielgehörten Gassenhauer kann jeder im Schlaf mitsingen. Und die Pianistin macht genau das. Sie reduziert, spielt einfach und zeigt uns so ganz simpel, aber deutlich die Gründe auf, warum dieses Stück so beliebt ist, wegen seiner puren musikalischen Schönheit.

Als letztes muss ich aber noch zu sprechen kommen auf einen Programmpunkt von „Nature“, der vielleicht wieder nicht ganz so offensichtlich ist, nämlich Maurice Ravels „Une Barque sur l’Océan“ aus Miroirs. Wenn Pianist*innen an Agogik arbeiten, diesen minimalen, von der Interpretin selbst gewählten Temposchwankungen, dann geht es da oftmals eher um kleine Zeitabschnitte, die Arbeit im Moment. Tiffany Poon spielt hier jedoch eine etwas langwelligere Agogik, wodurch das Stück einen auf mystische Weise taumelnden Verlauf bekommt. Das wäre per se für mich erstmal eine eher strittige Vorgehensweise, aber die Pianistin erzeugt damit das Bild eines Holzbootes, das auf den Ozeanwellen taumelt, während in den hohen Kurzostinati in der rechten Hand die ganz kleinen Wellen perlen. Das ist nicht mehr nur Klavierspiel, das ist auch Malerei und Filmproduktion.
Mehr als Klavier: Poons künstlerische Vision
Ich höre seit einiger Zeit überdurchschnittlich viel klassische Klaviermusik, und ich erlebe dabei regelmäßig Außergewöhnliches. Aber verglichen mit Tiffany Poon spielen alle einfach Klavier. Die New Yorkerin macht dagegen irgendetwas anderes. Ich weiß noch nicht genau was, und wie sie das macht, aber sie scheint wirklich eins zu werden mit der Klaviatur, sie bedient sie nicht. Sie spielt das Klavier nicht als Instrument, sondern es entsteht ein Mini-Kosmos, so wie ich es auch erlebe, wenn Anne Haasch Gitarre spielt.
Ich beobachte den Weg von Tiffany Poon seit vielen Jahren und bin mittlerweile fast schon entsetzt von dem, was da passiert. Sie wird Klavierspiel im Allgemeinen nicht nur beeinflussen, sondern verändern. Und, jetzt kann ich es ja sagen, „Nature“ ist mein Album des Jahres 2025!
Titelfoto © Remy Holwick


