Das 1996 gegründete Quatuor Diotima hat sich mit den Jahren einen eigenen Schwerpunkt in der neuen Musik gesetzt. Die Zusammenarbeit mit Komponisten wie Pierre Boulez oder Helmut Lachenmann hat das Quartett langfristig geprägt. Nun ist für die neueste Einspielung der Gruppe Beethoven dran, die späten Streichquartette auf dem Album „Beethoven: The Late String Quartets“. Die Musiker erwähnen dabei ausdrücklich die kritische Bärenreiter-Ausgabe von Jonathan Del Mar als ihre Grundlage für die Aufnahme. Sie gebe ihnen dafür neue Präzision und Energie.
Präzision als künstlerisches Programm
Und das kann ich beim Hören tatsächlich nachvollziehen. Die spieltechnischen Möglichkeiten der vier Streicher sind immens, und die nutzen sie für das neue Album reichlich aus. Hochpräzise im Zusammenspiel, höchst synchron in Tempo- und Lautstärkevariationen. Das wirkt sehr sauber und rein, und die Energie kommt dann auch deutlich ins Spiel, nämlich bei den Lautstärkeverläufen. Die sind zwar synchron ausgeführt, aber so stark in der Intensität, dass ich beim Hören mehrfach erschrecke wegen der höchst agilen Wechsel und Angänge.
Im Quartett Op. 135 – II. Satz (Vivace) geraten die Auslenkungen in der Lautstärke so extrem, dass bei meinem Hören andere Gestaltungsmöglichkeiten wie die Tonformung oder etwas Witz in der Agogik sehr in den Hintergrund treten, ja gar verloren gehen. Das führt letztlich dazu, dass der Vortrag weniger organisch oder emotional gesteuert, sondern eher vom Konzept getrieben wirkt.
Die Tongestaltung ist auch ein Thema in Op. 132 – III. Satz (Molto Adagio – Andante). Dieser fast festlich langsame Satz könnte vom Ensemble musikalischer gestaltet werden. Ich höre richtiggehend die bewusste Entscheidung für dieses klare, ja nüchterne Spiel, aber mir fehlt hier gemeinschaftliche Phrasierung und Tonformung, die die Musik mehr atmen lassen und mehr Raum für Atmosphäre schaffen würden.
Wenn Detailarbeit den großen Bogen verdrängt
Diese präzise und akkurate Herangehensweise an Beethovens Quartette ist ganz klar ein neuer Ansatz und wirkt modern. Aber dabei passieren auch Dinge, die mich erstaunen, vielleicht manchmal auch enttäuschen. In Op. 127 – III. Satz (Scherzando vivace) wünsche ich mir deutlich mehr tänzerisches Spiel, aber nicht mittels noch mehr Energie, sondern über Loslassen, weniger Definition und mehr Schwung in der Tempovariation. Zwar sind die Vorschlagsnoten sehr agil gespielt, aber auch ihnen fehlt die feine Tanzagogik. Die repetierenden Figuren wirken eher programmatisch-dramatisch als organisch tänzerisch.
Spätestens hier wird klar, dass Quatuor Diotima wirklich in Details arbeitet. Sie betrachten die kleinen Zeiteinheiten und versuchen, sie zu optimieren. Das ist handwerkliche Spitzenklasse, aber dabei bleiben die größeren Zusammenhänge etwas auf der Strecke, die größeren melodischen Bögen und länger gedachten Phrasen in der Musik, die auch gestaltet, herausgearbeitet und letztlich zum Erzählen gebracht werden wollen.

An einer Stelle passiert dann aber doch noch das herzliche Musizieren. Wo die Bezeichnung in Op. 127 – II. Satz (Adagio ma non troppo e molto cantabile) schon Andeutungen macht, gibt sich Quatuor Diotima viel Mühe, die langen Töne mittels entsprechender Formung und Vibratoverlauf richtig sanglich zu spielen. Ein sehr andächtiger Moment.
Eine eigenständige Beethoven-Lesart
„Beethoven: The Late String Quartets“ vom Quatuor Diotima ist ein ganz neuer Ansatz, diese Musik zu spielen. Es ist nicht einfach eine weitere Aufnahme dieser Werke, sondern eine mit viel Einsatz akribisch erarbeitete Neuausrichtung. Nur bin ich mir nicht sicher, ob diese Herangehensweise für mich eine passende ist, um diese Musik zu hören, die doch so viele Möglichkeiten hat, organisch und emotional zu wirken.


