Album-Review: Albrecht Mayer – Mozart

Von Stefan Pillhofer

Albrecht Mayer Cover


Als ich zum ersten mal auf diese Veröffentlichung hingewiesen wurde, da war das Thema eigentlich schon wieder durch. Albrecht Mayer, der bekannteste Oboist Deutschlands produziert für eines der großen Klassik-Labels ein neues Mozart-Album, noch dazu unterstützt von einem der beschlagensten und erfahrensten Kooperationspartner für solche Projekte, der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen. Schon beim ersten Lesen der Ankündigung war klar, das wird ein perfektes Produkt. Warum soll ich also noch darüber schreiben? Und nach dem ersten Anhören hatte ich recht, ein perfektes Produkt ist es, nur nicht in der Weise, in der ich es erwartet hätte. Als Endergebnis dieser Begegnung steht die Tatsache, dass ich dieses Album seit Wochen partout nicht mehr aus meinem Player bekomme, und immer wenn andere, notwendige Reviews erledigt sind springe ich wieder zurück – zurück zu Mayers Mozart. Mittlerweile kenne ich diese Aufnahme wie meine Westentasche, was ich nicht bei jedem Review behaupten kann.

Albrecht Mayer – Mozart, ganz persönlich

Was war passiert? Nun, nach dem ersten Hören gab es erstmal eine weitere Besonderheit, ich las das digitale Booklet zur CD. Und darin begrüßt mich der Oboist mit einer eigenen Ansprache zum Album, erklärt, dass dies eine seiner persönlichsten Aufnahmen sei, und dass er mit den Stücken Mozarts, die er für die Produktion ausgewählt hat teilweise schon seit seiner Kindheit verbunden ist. Auch das Konzept ist so perfekt wie der Rest, dachte ich. Aber dann hörte ich wieder hin, bei Mayers Spiel, bei der vielfältigen Persönlichkeit dieses Orchesters, und mit der Zeit hörte ich dann auch immer mehr zu. Genoss einfach diese Musik, und wurde regelrecht wachgerüttelt, als ich mich bewusste fragte, was ich da gerade erlebte. 

Was mich mit dieser Musik überschwemmt hat wie eine riesige Ozeanwelle ist diese unglaublich große Persönlichkeit, die Mayer in diese Aufnahme legt, und die er damit auch transportiert. Das beginnt schon mit der Werkauswahl. Fast alle Stücke wurden für die Produktion verändert, da arbeitete der Oboist mit dem Arrangeur Matthias Spindler zusammen, um Mozarts Doppelkonzert für Flöte und Harfe (KV299) umzuarbeiten für Oboe und Cembalo, oder er bat den Komponisten Gotthard Odermatt gleich das Fragment eines Oboenkonzerts, das nur 60 Takte umfasste, im Sinne Mozarts zu Ende zu komponieren. Mayer hat sich also nicht einfach einen Stapel Mozart-Noten gegriffen, und in technischer Perfektion runtergespielt. Hier ist jedes Werk ein persönliches Projekt, in das er viel Mühe und Organisation gesteckt hat, und das hört man deutlich und direkt. Mayer spielt hier seine Musik, in die er all seine Ideen und Kreativität setzt. Die eben erwähnte technische Perfektion ist ja selbst bei musikalisch so anspruchsvollen Werken immer vorausgesetzt, und Albrecht Mayer geht hier dennoch große Schritte weiter. Er führt nicht nur perfekt aus, er etabliert eigene Tongestaltung, errichtet seine persönlichen mal mehr, mal weniger groß spannenden Interpretationsbögen.

Aber auch das ist nur die halbe Miete. All diese mühevolle und kleinteilige Handwerkskunst ist nur der Anfang von Mayers so persönlichem Spiel. Er legt wirklich sein Herz in diese Aufnahme, spielt die vielen so Mozart-typischen Melodien ganz von Herzen. Man merkt förmlich, wie wichtig es diesem Musiker ist, von sich zu erzählen, nicht nur Bögen in der musikalischen Interpretation zu spannen, sondern auch in seiner eigenen Biografie. Man begegnet einem Ausnahmekünstler ganz persönlich. Die ruhigen und andächtigen Linien in „Ave verum corpus“, die in für Solo-Oboe ungewöhnlich tiefer Tonlage ablaufen stellt Mayer so danymikflexibel aber doch fest in den Raum, dass man seine Intention, diese Musik den Hörer*innen zu zeigen richtig spürt. Und das, nachdem er als Auftakt im besagten, von Odermatt komplettierten Fragment sich mit leichtfüßigem Tonansatz und minimal dosierten Vibrati einfach riesig über die Möglichkeit freut, dieses Musikstück spielen zu können. Und auch die eigens eingebaute Kadenz präsentiert der Solist mit Bedacht und angebrachter Konzentration.

Der ideale Partner

Bei all dieser Begeisterung bleibt anzumerken, dass mir das begleitende Ensemble im Spiel zunächst gar nicht wirklich auffiel. Alle Klassikliebhaber*innen kennen die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen aus ihren zahlreichen Produktionen mit sehr namhaften Künstler*innen. Hier spielt die Erfahrung, und doch ist ja die Bandbreite im Klassik-Repertoire riesig. Der grundlegende Anspruch an jedes große Orchester, jeden Sound zu können ist verständlicherweise doch immer wieder eine große Herausforderung. Und wenn Sie sagen „Mozart“, dann denke ich vielleicht nicht zuerst an die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen. Natürlich sind das Basics die alle liefern können müssen, aber dieses Orchester tut das auf diesem Album mit so viel Kunstverstand, mit so viel Freude an der Gestaltung einer perfekten Mozart-Atmosphäre. Und deshalb passt die Zusammenstellung der Gesamtbesetzung hier so gut, denn auch die Musiker*innen des Orchesters spielen mit viel Herz, so wie der Solist eben auch.

Die hohe Kunst der Solokonzert-Begleitung ist ja, immer im Hintergrund bleiben zu können, aber dann durch geschickte und wohldosierte Akzente und Glanzlichter dem Vortrag dennoch seinen eigenen Charakter, seine eigene Interpretation geben zu können. Dies gelingt der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen vortrefflich, wenn sie im Doppelkonzert fast unmerklich die musikalische Bühne bauen, dann aber in den vielen tieffrequenten Abschlagslinien leicht mit dem Fuß aufstampfen. Mayer gibt dem Orchester für diesen Kunstgriff aber auch gerne Raum, in seinen Pausen sieht man ihn förmlich da stehen, und sich über die Zusammenarbeit mit diesem so kompetenten Orchester-Partner freuen. Während er dann im Doppelkonzert auch wieder eine andere Stärke seines Spiels auf dem Album in den Vordergrund rücken kann, indem er so sehr und eindrucksvoll erzählend agiert, und mit dem Cembalo mal in Zwiesprache, mal in unisonohaften Konsens geht. Um sich dann aber im Andantino-Satz ganz Mozartscher Versonnenheit hinzugeben. 

Albrecht Mayer Mozart
Albrecht Mayer, Foto von Christoph Köstlin


Herzerwärmend feiert Mayer in der Arie „Ah se in ciel, benigne stelle“ (K 538) die Festlichkeit dieser Musik, und projiziert an manchen Stellen zusammen mit dem Orchester gekonnt breitwandige Bilder.

Den krönenden Abschluss und einen weiteren Höhepunkt bildet dann „Exsultate, jubilate“ (K 165). So frisch und begeistert agiert hier das gesamte Ensemble, und gleich zu Beginn bohren mir die Flöten diese so einprägsamen Terzmelodien in die Gehörgänge, dass ich schon meine jüngst erworbene Ohrwurm-Löschtechnik zum Einsatz bringen muss. Und über allem schwebt wieder mit diebischem Grinsen ob der Freude über dieses Musizieren der Solist und Oboist Albrecht Mayer, der sich hier nicht einfach nur ein weitere Veröffentlichung, sondern eine persönliche Erinnerung geschaffen hat

Alle, die Mozart nicht mehr hören wollen sind herzlich eingeladen, mit dieser Aufnahme mal wieder ihre Playlisten durchzulüften, und alle, die vielleicht mal wieder Lust auf etwas Mozart haben, halten mit Albrecht Mayer – Mozart ein ganz starkes Stück in der Hand!

Die Tracks

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