Album-Review: Igor Levit – On DSCH

Von Stefan Pillhofer

On DSCH Cover


Igor Levit hat eine Vorliebe für Mammutprojekte. Und er kann es einfach nicht lassen. Alle Beethoven-Sonaten aufzunehmen haben schon andere geschafft. Wenn man sich solch eine Veröffentlichung dann aber mal in Gänze anhört, dann erkannt man was für eine gigantische Unternehmung das ist. Letztes Jahr begab sich der Pianist dann in einen 20 Stunden dauernden Klaviermarathon, indem er Eric Saties “Vexations” spielte, um auf die Nöte von Musiker*innen und Kulturschaffenden durch die Corona-Krise aufmerksam zu machen. Und weiterhin stehen unter anderem auch die Goldberg- und die Diabelli-Variationen in seiner Diskographie. Da überrascht die Entscheidung kaum, für seine neueste Veröffentlichung die 24 Präludien und Fugen op. 87 von Dmitri Schostakowitsch, und dazu die “Passacaglia on DSCH” von Ronald Stevenson aufzunehmen.  

Weites Spektrum

Schostakowitsch fertigte seinen Klavierzyklus als neues Gegenstück zu Bachs Wohltemperiertem Klavier an, nachdem er als Besucher des Festes zum 200. Todestages Bachs in Leipzig mit dem Werk genauer in Kontakt gekommen war. Er wünschte sich eine Fortführung des Werkes, erhielt aber unter anderem wegen des Umfangs seines Werkes zunächst Kritik.

Levit deckt in seinem Spiel in dieser Aufnahme das weite Gefühlsspektrum der Komposition voll ab. Er beherrscht ihn nicht nur, er geniesst ihn wirklich, diesen gedeckten. stillen Piano Anschlag, wenn er die Hämmer in hohen Frequenzen gedämpft auf die Saiten bringt. Gerade die Präludien nutzt der Pianist für Ausbrüche, spielt mal riesengroß und mit Gewalt, mal rasend schnell, fast gehetzt, ein anderes mal abgeschlagen und müde, dann aber in fröhliche Hoffnungsschimmer überkippend.

Das aus einer Vielzahl von Miniaturen zusammengesetzte Werk durchwandert der Pianist nicht nur als Instrumentalist, er präsentiert jede dieser Miniaturen mit detailverliebter Interpretationsgenauigkeit, fasst die Abschnitte mit in der Größe passenden Bögen ein, montiert einzelnen Motive in ihren Spannungsverläufen zusammen.

In den Fugen wird deutlich, dass der Pianist sowohl der Form, als auch dem Erzählen von Geschichten huldigt. Er formuliert zugleich Statik und Spannungsbögen vieler oft liebevoll wirkender Geschichten. Kurze schnelle Passagen wie in Fuge Nr. 3, bietet Levit wie gewohnt den technischen Herausforderungen gegenüber gleichgültig, sehr ornamenthaft, und dadurch als flippige Mini-Anekdoten dar. Die darauf folgende Fuge Nr. 4 spielt Igor Levit im Kontrast zur Vorigen in weiten, doch auch mit Kontrapunkt angehauchten, narrativen Bögen. Energie und Durchschlagskraft kann der Solist dann in der wilden Fuge Nr. 15 ausleben, indem er den kompositorisch angebotenen Kontrastpunkt zum umliegenden Material gerne annimmt, und in seine Interpretationssprache übersetzt. 

Je abstrakter manche musikalischen Themen im Verlauf des Zyklus werden, desto herausgeforderter scheint Levit zu sein, technische Ansprüche und Ausdrucksspiel miteinander in Sinn zu vereinen, und schafft es durch diesen Gesamtverlauf auch, Aufmerksamkeit auf den Zyklus als Komplettwerk der Kompositionstechniken zu lenken.

Igor Levit Portrait
Igor Levit, Foto von Felix Broede


Dazu passt dann folgerichtig die Gegenüberstellung mit den “Passacaglia on DSCH” des Schottischen Komponisten Ronald Stevenson. Ungefähr zehn Jahre nach der Veröffentlichung von Schostakowitschs Zyklus wollte Stevenson dem geschätzten Kollegen eine musikalische Würdigung schaffen, indem er das vom russischen Komponisten selbst gewählte, musikalische Monogramm aus den Tönen D-S-C-H zum zentralen Motiv seines Werkes machte. So zentral, dass es im Bass omnipräsent wie ein festes Fundament liegt, und sich so durch das ganze Werk zieht. Darüber wirbelt, malt, jongliert und tanzt der Schotte circa 300 Variationen zum Thema, die mit großer Freiheit und Ungebundenheit agieren können, jedoch immer vom thematischen Unterbau gehalten werden.

On DSCH

Mir fällt an Igor Levits Ausführung besonders positiv auf, dass er nicht vor dieser Grundkonstruktion des Werkes stehenbleibt. In seinen Entscheidungen über Prioritäten und Betonungen scheint er der Variationsfreude in der Komposition einen höheren Stellenwert zu geben, und konzentriert sich darauf, das Grundmotiv eher in die musikalischen Abwandlungen einzubetten, es manchmal regelrecht zu verstecken, wodurch er möglichen Dogmen in der Werkkonstruktion eine Absage erteilt. Und damit betont Levit auch die immensen Kontraste, die in dieser Komposition stecken, von leise geperlten Kaskaden gebrochener Akkorde, bis hin zu furios entfesselter Energie und Kraft.

Im Vergleich zu früheren Aufnahmen liegt Levits Fokus jetzt noch mehr auf übergeordneten Entscheidungen, und etwas weniger auf der Konzentration auf Technik. Ob es gefällt oder nicht, dies ist ein Album mit Bedeutung, dem jeder Klassikinteressierte persönlich begegnet sein sollte.

Die Tracks

Schreibe einen Kommentar