CD-Review: Aaron Pilsan spielt Bachs wohltemperiertes Klavier

Von Kai Germann

Albumcover


Als um 1717 die ersten Takte des „wohltemperierten Klavier“ entstanden, saß deren Komponist in Weimar im Gefängnis. Aufgrund seines anscheinend uneinsichtigen Wesens wurde Johann Sebastian Bach wegen „Halsstarrigkeit“ zu vier Wochen Dauerarrest verurteilt. Er war bei seinem Arbeitgeber Herzog Ernst wegen Vertragsbruch in Ungnade gefallen. Aber statt sich auf die faule Haut zu legen, begann Bach mit der Arbeit an seinem „wohltemperierten Klavier“. Ob die ungewohnte Umgebung auf den Komponisten in irgend einer Form inspirierenden Einfluss ausgeübt hat, sei der Phantasie des Lesers überlassen. Aber alleine die Vorstellung, dass der Schöpfer eines solchen Werkes als Häftling in irgend einem dunklen Gemäuer vor sich hin kauerte, mutet schon etwas befremdlich an. Erst 1722 wurden die Klavier-Miniaturen fertiggestellt und veröffentlicht. Da war Bach 37 Jahre alt.

Aaron Pilsan, ein erst knapp 27 Jahre alter österreichischer Pianist, hat das „wohltemperierte Klavier“ für sein aktuelles Album neu eingespielt und damit ein Glanzstück abgeliefert. Schon bei den ersten Tönen des c-dur Preludes versprüht Pilsan eine spielerische Brillanz, die aufhorchen lässt. Rasant und spannungsgeladen auch das 2. Präludium in c-moll. Meisterlich und farbenfroh führt er den Hörer beschwingt durch das gesamte 1. Buch des „wohltemperierten Klavier“. Pilsan gelingt es vortrefflich, die Gefühlswelt Bachs auszuarbeiten und sie lebendig werden zu lassen. Seine Interpretation der 48 Fugen und Präludien macht beim Zuhören einfach nur Spaß. Der Fluss des Spiels fesselt durchgehend bis zum Ende.

Aaron Pilsan mit breiter Klangfülle

Denk ich an Bach, denk ich an Gould mit seinen merkwürdigen Phrasierungen des Stücks. Wo Gould provoziert, lädt Pilsan eher auf eine musikalische Reise ein. Hier sitzt jeder Kontrapunkt, jede Note verführt mit ihrer speziellen Charakteristika zur näheren Auseinandersetzung mit der Gedankenwelt Bachs. Pilsan hat sich seit seiner Kindheit intensiv mit Bach beschäftigt und die unterschiedlichen Interpretationsformen durchgearbeitet. Er studierte am Mozarteum Salzburg und nach dem Tode von Karl-Heinz Kämmerling wurde Lars Vogt sein Mentor. Für die Aufnahme des „wohltemperierten Klavier“ hat er sich einen 1982er Steinway D ausgesucht und diesen entsprechend „wohltemperiert“ stimmen lassen. Das Ergebnis ist eine großartige und breite Klangfülle.

Aaron Pilsan Portrait
Aaron Pilsan, Foto von Marie Staggat


Die Aufnahmequalität des vorliegenden Doppel-Silberlings schmeichelt den Ohren im wahrsten Sinne des Wortes. Ebenso wohltemperiert wie die Interpretation ist auch der Klang des gesamten Albums. Mein besonderer Tipp: die Musik mal ganz entspannt unter dem (für klassische Musik geeigneten!!) Kopfhörer wirken lassen. Ein wunderbares Farbenspektrum, nuanciert und detailliert, wird definitiv Begeisterung auslösen.

Enormer Elan

Aaron Pilsan hat mit seiner Einstudierung des „wohltemperierten Klavier“ ein vielschichtiges Stimmungsbild erzeugt. Das „alte Testament“ der Klaviermusik, wie Hans von Bülow das Werk einmal bezeichnete, wurde von dem österreichischen Tasten-Talent mit enormen Elan und absoluter Spielfreude aufgenommen. Ein Kammermusiker, von dem wir in Zukunft noch hören werden und der den 2. Band hoffentlich irgendwann nachlegen wird. Das Album ist schon jetzt ein Anwärter für den Orchestergraben-Award der Klassik- Besten des Jahres 2021.

Die Tracks

Schreibe einen Kommentar