Album-Review: Martin Tchiba – Johannes Kreidler: Piano Music

Diese Zeit ist Review-Zeit. Nicht, dass man bei diesen düsteren Aussichten für den Kulturbetrieb nicht genug über Menschen schreiben könnte, aber alle haben gerade nur eine zentrale Sorge. Und die ist bestimmend wichtig. Dennoch kann man auch versuchen anzuschreiben gegen all das und sich auf das Kernprodukt zu konzentrieren. Scheinbar wollen andere das auch, ich erhalte so viele Reviewanfragen wie nie zuvor. 

Und eine die sich festgesetzt hat ist die neue Veröffentlichung von Martin Tchiba namens: “Johannes Kreidler: Piano Music”, die das Gesamtwerk für Klavier des Komponisten Johannes Kreidler präsentiert.

Der Pianist

Martin Tchiba hat sich mittlerweile einen beachteten Namen in der Neuen Musik erspielt. Der in Ungarn geborene Pianist kam früh nach Deutschland, und ging dort einen interessanten Weg, erhielt er seine Ausbildung unter anderem beim sagenumwobenen Karl-Heinz Kämmerling in Hannover. Es folgte unter anderem eine Master Class bei György Kurtág, und mittlerweile hat Tchiba vor Staatspräsidenten gespielt und viele Uraufführungen von neuen Werken vorgetragen.

Mit der Vorliegenden Veröffentlichung startet Tchiba sein eigenes Lager “emt EDITION MARTIN TCHIBA”, eine Idee, die ich gut nachvollziehen kann, und von der ich in einem anderen Leben vielleicht auch träumen würde. 

Martin Tchiba

 

Der Komponist

Der Komponist Johannes Kreidler studierte bis 2006 Komposition, elektronischer Musik und Musiktheorie, und arbeitet seitdem selbst als Dozent. Er wurde nicht nur durch seine musikalischen Kompositionen, sondern auch durch seine Performancekunst bekannt. Die Serie an Klavierstücken, die Tchiba an den Anfang des Albums gesetzt hat, stellt unterschiedliche Varianten des Klavierklangs und -spiels dar, wobei am Anfang eher traditionelle Techniken und Sichtweisen auf das Klavier bestehen, im weiteren Verlauf aber dann elektronische Verfremdung des Klavierklangs mit einbezogen wird. 

In “Klavierstück 1”, welches zweistimmiges Spiel verwendet legt Tchiba interessante Betonungen auf die unterschiedlichen Existenzen der beiden Stimmen, den Gegensatz von Verschmelzung und Unabhängigkeit. Der Pianist kultiviert dabei die beharrlich im forte durchgeführte Anschlagsstärke und unterstreicht so Koexistenz und Konflikthaftigkeit beider Spielhände.

Diese Beharrlichkeit in der Interpretation nimmt der Pianist mit in “Klavierstück 2”, wandelt sie jedoch um. Dieses Stück geht durch einen Verlauf von stark rhythmisch geprägten Mustern hin zu melodischen Tonfolgen. Gerade im ersten Teil geht Tchiba konsequent in diese rhythmischen Strukturen, und macht durch konzentriertes, eng gefasstes Spiel immer wieder interessante Miniaturräume auf. Die Neupositionierung des Klavierspiels als musikalische Technik durch diese vielen Überlagerungen und Verschränkungen von Rhythmus und Melodie stellt Tchiba durch seinen ganz eigenen Fokus auf Details wunderbar dar.

Die Elektronik

In “Klavierstück 3” kommt dann elektronisch erzeugter Klang zum Klavierklang hinzu. Und das sehr einfach erfahrbar. Der elektronische Klang folgt der Klavierstimme nach, jedoch mit dem Unterschied, dass die diskreten Tonabstände des Klaviers in der Elektronik zu kontinuierlichen Glissandi gewandelt werden, und für Tchiba ist diese tempo- und rhythmusbezogene Verschränkung beider Stimmen durchaus eine Herausforderung, die er gerne eingeht.

Diese Zusammenspiel mit einer elektronisch erzeugten Zusatzstimme wird dann in “Klavierstück 5” deutlich komplexer. Hier kommt zu Tchibas Klavierspiel eine vierkanalige Zuspielung, mit der der Pianist kooperieren muss. Die Zuspielung besteht aus dem Klavierstück selbst, welches gesampelt, in extreme Tonhöhen transponiert und sortiert, und dann im Raum verteilt wurde. Bei einem Konzert wird das durch im Raum positionierte Lautsprecher bewirkt, auf der hier vorliegenden Aufnahme muss das Stereobild dafür herhalten. 

Gegen Ende des Albums folgen dann noch drei kleine Klavierstücke – allesamt Konzeptstücke – mit “Das Ungewöhnliche” und “Zum Geburtstag”. “Neutralisation Study” ist hier interessant, da Kreidler dabei jeweils den ersten Takt von Beethoven-Sonaten zitiert, diesen dann aber Wiederholungen und Variationen folgen lässt. Ein eher humorvoller Beitrag zum Beethoven-Jahr und kleiner Gegenpol zu unserem Review der Beethoven-Sonateneinspielung. Tchiba spielt dabei mit ähnliche leichtem Witz, wie wohl der Komponist auch selbst.

Das Klavier als Intrument und Klangwelt immer wieder neu zu hören und zu verarbeiten liegt vielen am Herzen. Das Album “Johannes Kreidler: Piano Music” von Martin Tchiba ist ein in seiner inneren Komplexität flexibler, aber immer auch entspannt hörbarer Beitrag zu diesem Ansinnen!

Trackliste

Nächster BeitragRead more articles

Schreibe einen Kommentar