Oper: Beethoven, Wagner, Verdi – Das zweite Solo-Album von Lise Davidsen

Von Isabella Steppan

Lise Davidsen Cover


Als Lise Davidsen 2015 bei drei Gesangswettbewerben – unter anderem Placido Domingos Nachwuchsschmiede Operalia – groß abräumte, katapultierte sich die Norwegerin quasi über Nacht von Skandinavien aus auf die internationalen Bühnen. Ein Plattenvertrag bei Decca ließ ebenfalls nicht lange auf sich warten, 2019 erschien ihre Debüt-CD mit Liedern und Arien von Wagner und Strauss. Nun folgt mit dem erfrischend unaufgeregt betitelten Album Beethoven – Wagner – Verdi (hier kauft man immerhin nicht die Katze im Sack in Form eines blumigen Titels, sondern weiß gleich, was einen erwartet!) ein Blick auf das etablierte und zukünftige Repertoire der Sopranistin. Aufgenommen wurde die CD im vergangenen Sommer, unter der umsichtigen Leitung von Sir Mark Elder bietet das London Philharmonic Orchestra einen idealen Klangboden aus dramatischem Aplomb, italienischem Schwelgen sowie deutscher Romantik, ohne sich dabei selbst in den Vordergrund zu spielen. 


Highlights des Repertoires

Das Album hat keinen offensichtlichen dramaturgischen Bogen, die Aneinanderreihung der gewählten Werke ist beim Hören manchmal doch etwas abrupt – zum Beispiel wenn auf Beethovens wendig und leichtfüßig vorgetragene Konzertarie „Ah perfido!“ sogleich Cherubinis hochemotionale Medea folgt. Allerdings bietet die CD genau dadurch auch einen ebenso spannenden wie vielseitigen Streifzug durch Davidsens Repertoire, bei dem man in den vollen Genuss ihrer vokalen Stärken kommt. Als Leonore aus Beethovens Fidelio besticht sie mit exzellenter deutscher Aussprache, eleganter Phrasierung und vielschichtigen Klangfarben. Ein Highlight dieser CD ist die Arie „Dei tuoi figli la madre“ aus Cherubinis Medea, denn hier lässt Davidsen mithilfe der  stimmlich gestalteten Emotionen die erzählte Geschichte lebendig werden und bietet dadurch wahrhaftiges sängerisches Storytelling anstatt nur auf Schönklang zu setzen. Und auch die Arie der Santuzza aus Mascagnis One-Hit-Wonder Cavalleria Rusticana gestaltet sie vokal differenziert, mit feinen Schattierungen der Dynamik und einer guten Dosis stimmlicher Attacke. Lediglich einige exponierte Tiefen lassen dabei etwas Wucht vermissen, hier stößt Davidsens jugendlich-dramatischer Sopran noch an seine Grenzen. Nicht ganz warm wurde ich persönlich mit der Interpretation der leidenden und betenden Frauenfiguren aus Verdis Feder: Im „Ave Maria“ aus Otello verleiht die Sopranistin der Desdemona zwar stille Schicksalsergebenheit und eine wunderschön ätherisch schwebende Piano-Höhe im finalen „Amen“, aber die Gefühle der Figur scheinen nicht so richtig mitschwingen zu wollen. Dieser Eindruck stellte sich auch bei „Pace, pace“, der Arie der Leonora aus La Forza del Destino ein – exzellent gesungen, aber gestalterisch noch etwas blass.

Der Abschluss mit Lise Davidsen

Den Abschluss des Albums bilden die Wesendonck-Lieder, bei denen sich einmal mehr zeigt, warum Davidsen spätestens seit ihrem Bayreuth Debüt im Sommer 2019 als Elisabeth im Tannhäuser als ganz große Hoffnung im Wagner-Fach gehandelt wird: Ihr Sopran schmiegt sich an jede Note, schimmert dabei in karamelligen Farben und schwingt sich mühelos zu üppigen Klangbögen auf; dabei verleiht Davidsen dem Text stimmlich und gestalterisch Bedeutung – herzzerreißend etwa das resignierte „Unsre Heimat ist nicht hier!“ bei „Im Treibhaus“ – und zieht die Zuhörer somit doppelt in ihren Bann. 

London Philharmonic Orchestra
London Philharmonic Orchestra, Foto von Benjamin Ealovega


Fazit

Das zweite Album von Lise Davidsen ist eine gelungene Bestandsaufnahme des aktuellen und zukünftigen Repertoires der norwegischen Sopranistin; es macht sowohl Lust darauf, sie als Medea, Santuzza oder Leonore (wieder) zu hören und lässt die Neugier auf kommende Rollendebüts – eventuell eine Leonora in Verdis Forza del Destino? – wachsen. Das größte Versprechen für die Zukunft bergen dabei wohl die Wesendonck-Lieder: Von Wagner wurden die beiden Lieder „Im Treibhaus“ und „Träume“ als „Studien zu Tristan und Isolde“ betitelt; gut möglich, dass diese auch für Lise Davidsen nun ein studierendes Herantasten symbolisieren, dem in einigen Jahren ein Debüt als Isolde folgen könnte. 

Die Tracks

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Hallo Lise,
    tolle Tracks und vielen lieben Dank für’s Teilen!
    Drücke dir die Daumen!

    Viele Grüsse

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