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Einfach Klassik.

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Sophie-Justine Herr Cover

CD-Review: Sophie-Justine Herr – :INNEN

Neue Kammermusik aus der Feder von Komponistinnen zu spielen ist immer eine gute Idee! Die berechtigten politischen Fragen zu u.a. Gender Paygap in der Musik oder geschlechterausgewogenen Programmen in der Klassik bilden die Basis des Albumkonzepts von „:INNEN“ der Cellistin Sophie-Justine Herr, und sie sollen und müssen diskutiert werden und Beachtung finden.

Darüber hinaus gilt aber mindestens genauso wichtig die Werkauswahl der Cellistin für „:INNEN“ mit einer vielseitigen und dadurch sehr interessanten Zusammenstellung. Sophie-Justine Herr agiert selbst sehr flexibel im Verlauf des Albums und kreiert immer die richtige Atmosphäre für das gespielte Werk. Zwar ist der Einstieg mit „AA-GAI“ der Komponistin Younghi Pagh-Paan für Cello Solo ein sehr freies Hörerlebnis, die Cellistin präsentiert das Werk aber sehr offen und richtig fesselnd. Viele sich abwechselnde Spieltechniken erzeugen ein vielstimmiges Erzählbild, und so gelingt die Darstellung der sich prozesshaft zu finaler Klarheit hin entwickelnden Komposition vortrefflich.

Ein Hauptwerk auf „:INNEN“ ist Kaija Saariahos „7 Papilllons“ in dem in kurzen Abschnitten zerbrechliche Strukturen geschaffen werden. Sophie-Justine Herr spielt einige der Sätze im Fluss ohne dabei Abschnitte zu bilden. Insgesamt achtet sie sehr auf minimale Details, unterscheidet kleinste Lautstärkestufen und konzentriert sich sehr auf die Feinheiten der verwendeten Spieltechniken. Durchgänge von Einzelstimmen über Mehrklänge während eines Strichs gestaltet Herr verblüffend selbstverständlich und verwendet dabei auch noch mühelos unterschiedlichste Strichstärken. Und niemals verliert sie dabei das eigentliche Ziel aus den Augen, den Aufbau von musikalischen Gesamtbildern über die sorgfältige Planung einzelner Harmonieszenen. 

Sophie-Justine Herr, Foto © Sophia Hegewald
Sophie-Justine Herr, Foto © Sophia Hegewald

„For the Birds“ von Judith Shatin ist dann ein richtiges Highlight für mich, vielleicht wegen meiner alten Liebe zu Rautavaara und Sibelius, die auch gerne Naturbilder verwendet haben. Shatin geht in ihrer Auftragskomposition aber noch weiter als die alten Komponisten. Sie fokussiert sich auf die Vogelwelt des Yellowstone Nationalparks in den USA wo die Populationszahlen seit Jahren rückläufig sind. Durch die dreiteilige Mischung aus originalen Feldaufnahmen, Bearbeitungen davon und der Cellostimme weist sie zum einen auf die ökologische Situation hin, und positioniert zum anderen den Menschen als eines unter anderen Tieren. Jeder der vier Sätze ist einer Vogelgattung gewidmet, und die jeweils verwendeten Instrumentaltechniken korrespondieren mit den Eigenschaften der Tiere. Sophie-Justine Herr ist hier voll im Spielfluss, geht leidenschaftlich aber auch bedacht in Zwiesprache mit den Vogelstimmen. Für die vielen synchron ausgeführten Klangereignisse ist viel Planung und Fokussierung auf Einzelheiten notwendig. Und dennoch ist auch hier das alles für die Cellistin nur ein Mittel zum Zweck der übergeordneten Musiziertätigkeit, der Freude am musikalischen Ereignis. 

Ein wesentlicher Anziehungspunkt dieses Albums ist der schon erwähnte Abwechslungsreichtum, der dann mit den „Danses de la Terra“ von Elisenda Fabregas weiter offenbar wird. Die Komponistin hat fiktive Volkstänze ihrer Heimat Katalonien erschaffen, wobei sie die Melodien an die Hörgewohnheiten der existenten Volksmusik aus dieser Region anlehnt, in den Rhythmen aber ganz frei und erdacht bleibt. Mit dem Solocello tanzbare Atmosphäre zu erzeugen ist nicht unmöglich, aber auch nicht ganz einfach. Ist die Gestaltungspalette wie bei jedem Soloinstrument zunächst doch eher monothematisch. Sophie-Justine Herr erreicht das aber sehr geschickt durch die Verwendung von eher traditionellen Gestaltungstechniken wie Vibrato oder Strichgeschwindigkeiten. Mit kraftvollen Abschlägen und leichtstrichigen Melodieführungen setzt sie die Intentionen der Komponistin sehr passend um. Ein Vortrag aus einem Guss.

Sophie-Justine Herrs Album „:INNEN“ verwendet seinen politischen Auftrag bei weitem nicht als Selbstzweck. Es erreicht noch viel mehr, von musikalischer Unterhaltung bis zur schlagkräftigen Hinführung zu Neuer Musik und zu den Werkkatalogen aktueller Komponistinnen. 

Das Album

Icon Autor lg
Stefan Pillhofer ist gelernter Toningenieur und hat viel Zeit seines Lebens in Tonstudios verbracht. Er hat viel Hörerfahrung mit klassischer und Neuer Musik gesammelt und liebt es genau hinzuhören. In den letzten Jahren hat sich die Neue und zeitgenössische Musik zu einem seiner Schwerpunkte entwickelt und er ist stets auf der Suche nach neuen Komponist*innen und Werken. Stefan betreibt das Online-Magazin Orchestergraben, in dem er in gemischten Themen über klassische Musik schreibt. Darüberhinaus ist er auch als Konzertrezensent für Bachtrack tätig.
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