Einfach Klassik.

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Beethovens 9. Sinfonie im Theater Vorpommern Stralsund

Ein Beitrag von Ekkehard Ochs

Es ist schon nicht ganz alltäglich: Beethovens 9. Sinfonie, einfach mal so, als eine unter anderen im Konzertplan. Naja, nicht ganz einfach mal so,  immerhin als „Sonderkonzert“, aber ohne jene mittlerweile schon unabdingbar scheinenden rituellen Hintergründe, die sonst eine Aufführung begleiten, sie erst möglich, ja als gesellschaftlich oder politisch begründet sinnvoll erscheinen lassen. Diese Frage mag sich mancher gestellt haben, der kürzlich diese als immanent mehr oder weniger spektakulär empfundene „Neunte“ – schon ohne die Namensnennung des Komponisten sofort identifizierbar – im Großen Haus des Theaters Vorpommern in Stralsund besuchte. Aber vielleicht hat man sich das auch gar nicht erst gefragt und sich nur darüber gefreut, dass nach vielen, vielen Jahren dieses Werk mal wieder innerhalb der heimischen Mauern erklang; und das gleich an zwei Tagen und vor jeweils ausverkauftem Haus. Die Stimmung: festlich“! 

Es sei hier der Versuchung widerstanden, Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Werkes auch nur anzudeuten. Berichte darüber gibt es zuhauf und in aller nicht selten konträr ausfallender Akribie; Kraftfutter für Analytiker jeder coleur, denen zwischen „Geniestreich“ und denkbar „größter Verirrung“ teils Unglaubliches eingefallen ist. Was ja alles nicht heißt, den besonderen Charakter dieser „Neunten“ vor allem bezüglich seines Finalsatzes zu leugnen. Bis hin zu der spannenden, aber Spekulation bleibenden Frage, ob mit einer bereits skizzierten 10. Sinfonie die „Neunte“ ein Ausnahmeprojekt oder der Beginn einer neuen Gattungstradition gewesen wäre. 

Beethovens 9. Sinfonie als Konzertwerk jenseits des Rituals

Das lassen wir mal so stehen und begeben uns an einem Sonntag nachmittag (15. März) zur zweiten Aufführung der „Neunten“ in das erwartungsvoll gefüllte Stralsunder Theater. 

Theater Vorpommern Philharmonisches Orchester, Foto © Peter van Heesen
Theater Vorpommern Philharmonisches Orchester, Foto © Peter van Heesen

Vor der Bühnenwand, also recht weit hinten und deshalb mit Mikrofonen verstärkt, der Opernchor (Jörg Pitschmann) und der Domchor Greifswald (Frank Dittmer), davor das Philharmonische Orchester Vorpommern, am Pult GMD Florian Csizmadia und an der Bühnenrampe das Solistenensemble mit Ania Vegry (Sopran), Kadi Jürgens (Mezzosopran), Sotiris Charalampous (Tenor) und Maciej Kozłowski (Bariton); bis auf die Sopranistin Mitglieder des Hauses. Knapp 70 Minuten dauerte dann die den heftigen Beifall des Auditoriums verdienende Aufführung. GMD Csizmadia ließ da nichts anbrennen. Für den 1. Satz hatte er sich ein gut machbares („gängiges“) Tempo gewählt und es mit absoluter Konstanz durchgehalten. Kein Mangel also an notwendiger Präzision; Dynamik, Artikulation – alles vorhanden, keine knalligen Effekte, gesicherte Transparenz und Streicher wie Bläser schon hier bestens in Form. Sozusagen ein blitzsauberer Einstieg, gut anzuhören und für Weiteres vielversprechend. Mit einer Einschränkung oder dem nicht ganz in Erfüllung gegangenen Wunsch, unser sonst vor allem am Opernpult mitreißend agierender GMD hätte das Ganze etwas aufregender angehen können, seinem bekanntermaßen geschätzten akkuraten Dirigat ein bisschen mehr  „Zügellosigkeit“ und Stringenz, auch Spannung angedeihen lassen…Für das Scherzo war dann die weiterhin präzise gehandhabte Exaktheit wieder von Vorteil; nicht übereilt, nicht hastig, ein Satz mit Charakter. Den konnte dann auch das Adagio für sich in Anspruch nehmen; im Übrigen bildschön, klanglich nobel musiziert, bewegt und beweglich, innig, fein ausgearbeitet; ein Ruhepol, wie er an dieser Stelle wohl hingehört, ehe dann ein Finale der besonderen Art losbricht.

Finale und Gesamtwirkung der Aufführung

Auch hier 23 Minuten bemerkenswert souveränen Musizierens, kein Wackler, keine klangliche Schwachstelle und  jener Drang nach vorn, ohne den alles Bemühen blass bliebe. Csizmadia ging herzhaft zur Sache, lotete alle Möglichkeiten kontrastgeschärfter, auch agitatorischer Provenienz voll aus und hatte dabei – wir bleiben hier bei einer pauschalen Einschätzung – im bestens einstudierten Chor und im durchweg stimmkompetenten Solistenensemble so aufmerksam wie perfekt mitziehende und mitgestaltende Partner. Problemstellen konnten sicher umschifft werden. Und so gelang ein sich durch Vehemenz, Kraft, Energie und schon mal leicht tumultuarischem Lärm , aber auch klangintensiver Eindringlichkeit auszeichnendes Finale, das bei aller ungewöhnlichen, sicher auch hier und da gewaltsam scheinenden Großartigkeit zu den eindrucksvollsten Momenten dieser nur mit allergrößtem Respekt zu begegnenden Aufführung zählte.   

Titelfoto © Peter van Heesen

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