Werke aus unterschiedlichen Epochen auf ein Album zu kombinieren ist ein häufig und gern gewähltes Albumkonzept. Und es ergibt Sinn den Hörer*innen damit eher einen Überblick über verschiedene klassische Musik und bestehende Parallelen zu geben. Das Amelio Trio geht auf seinem neuen Album „Time In Flux …“ aber noch einen Schritt weiter. Die eingespielten Werke sollen sich übergangslos aneinanderreihen und damit einen fließenden Programmablauf durch die musikalischen Zeiten bieten. Bei der unterschiedlichen Natur der einzelnen Werke wirkt das auf den ersten Blick recht schwierig. Klaviertrios von Charles Yves, Beethoven, Ursula Mamlock und Johannes Brahms gehen erstmal nicht so recht unter einen Hut. Aber dennoch funktioniert die Anordnung beim kompletten Durchhören ziemlich gut.
Besonderes Stück
Und dann gibt es da noch eine weitere Besonderheit. Das letzte Stück „vertrautes angezogensein“ der Komponistin Birke Bertelsmeier wurde extra für das Album komponiert. Und nicht nur das, von Anfang an bestand der Plan es als Abschlußstück zu setzen, das das vorherige Stück aufgreift und in seinem Verlauf das gesamt Programm rekapituliert.
All das ist nett, und noch netter wenn es so gut funktioniert. Über allem steht aber wie immer die musikalische Vortragsqualität, ohne die ein noch so ausgeklügeltes Konzept letztlich nicht funktioniert. Und ich meine damit nicht nur Qualität in der Spieltechnik, sondern vor allem in Interpretation und Musikalität.
Dem Amelio Trio eilt trotz der noch jungen Karriere ein Ruf voraus, wurden doch schon Preise und Nominierungen erspielt. Folgerichtig haben mehrere Kooperationspartner die Herstellung des vorliegenden Albums ermöglicht. Damit erzeugt man Aufmerksamkeit, unterstützt aber eben auch junge Karrieren und damit das Gedeihen von Kulturlandschaft. Und beim Anhören von „Time In Flux …“ ist das schnell nachvollziehbar. Johanna Schubert (Violine), Merle Geißler, (Violoncello) und Philipp Kirchner (Piano) spielen mit viel Energie, beschleunigen in manchmal atemberaubender Weise Lautstärke- und Tempointensitäten und zeigen ehrlich und ungefiltert ihre große Liebe für die ausgewählten Werke. Diese konnten sie nämlich bereits reichlich entwickeln, denn die drei spielen bereits seit 2012 als Trio zusammen. Und das hört man auch in der beeindruckend gut integrierten Einheit, die sie im Spiel bilden.
Amelio Trio mit perfektem Vortrag
Es ist nicht nur Synchronität oder Einigkeit in der Phrasierung, es ist auch das gemeinsame Rollenverständnis das zu jeder gespielten Sekunde zu bestehen scheint. Jede*r weiß zu jedem Zeitpunkt wo sie oder er sich im Gesamtverbund befinden möchte, und die anderen wissen es von ihr oder von ihm auch. Und so können dann einfach und schnell ad-hoc-Kooperationen eingegangen werden, wie im zweiten Satz „Andante Con Moto“ des Brahms-Trios, wenn Geige und Cello mit einmütiger Phrasierung die Unisonolinien spielen. Ein wunderbares Gegengewicht gewähren die Drei dann einige Zeit später wenn das Klavier allein in der Vordergrund tritt, und die Streicher sich dann langsam wieder dazugesellen. Genau diese Passagen sind es, die zeigen wie sehr dieses Werk dem Ensemble am Herzen liegt, denn die Mühe und Anstrengung legen sie nicht nur in den Moment, sondern auch in die Modellierung größerer Abschnitte und Erzählbilder.

Es ist aber nicht nur der für sie möglichst perfekte Vortrag bestehenden Repertoires, es ist auch die Lust darauf Grenzen zu sprengen. Die Einladung dazu im Piano Trio von Charles Yves nehmen Schubert, Geissler und Kirchner dankend und vollumfänglich an, und schwingen sich voller Lust und Spaß auf in die stilistische Ungebundenheit dieses Werkes. Sie schmettern ironisch-laute Melodien und Phrasen, sie stellen Fragen und hintergründige Phrasen sehr bildhaft in den Raum. Diese forschende Interpretationslust findet auch in Bertelsmeiers „vertrautes angezogensein“ Anwendung, wobei ich hier noch zusätzliche Dankbarkeit und Wertschätzung für das eigens für das Trio komponierte Stück zu hören glaube.
Mit „Time In Flux …“ vom Amelio Trio hören wir ein aufstrebendes, begeisterndes und faszinierendes Ensemble, das zielgenau und wohlüberlegt programmiert und technisch brilliant mit sehr viel Herz und Verve ausführt!
Titelfoto @ Irène Zandel


