Manchmal sind es die ganz besonderen Projekte, die nicht immer ganz vorne im Ladenregal stehen, wenn nicht Haydn oder Mozart auf dem Cover steht. Auf der vorliegenden CD steht Gregor Joseph Werner geschrieben. Das mag unbekannt erscheinen, aber der 1693 geborene Komponist war ab 1728 Kapellmeister am Esterházy-Hof in Eisenstadt und damit Vorgänger von Joseph Haydn in dieser Funktion. Zu Lebzeiten war er hoch angesehen, aber später nahezu vollständig in Vergessenheit geraten. Das möchte Lajos Rovatkay wieder ändern. Der Cembalist, Organist, Ensembleleiter und Musikwissenschaftler gilt als eine Schlüsselfigur der historisch informierten Aufführungspraxis in Deutschland und hat sich die Rehabilitierung Werners in über 40 Jahren Forschung zum zentralen Lebensprojekt gemacht. Folgerichtig ist das vorliegende Album nicht das einzige, das Rovatkay über den Komponisten produziert hat, sondern der Abschluss einer fünfteiligen Reihe, diesmal mit dem Thema der festlichen Messen Werners, von denen vier auf der Einspielung vertreten sind. Aber natürlich ist das nicht nur das Anliegen von Lajos Rovatkay.

Gregor Joseph Werner – ein vergessener Meister des Esterházy-Hofs
Mit „la festa musicale“ hat er eine Spezialformation für hochkomplexe geistliche Spätbarockmusik zur Zusammenarbeit gefunden, die unter der Leitung und künstlerischen Handschrift von Anne Marie Harer steht. Mit Magdalene Harer (Sopran), Alex Potter (Countertenor), Hans Jörg Mammel (Tenor) und Anton Haupt (Bass) wirken dann noch Gesangssolist*innen mit, die allesamt hochspezialisiert auf den Vortrag Alter Musik und die historische Aufführungspraxis sind.
Spätbarocke Messentradition zwischen Kontrapunkt und Liturgie
Gregor Joseph Werner stand im Gegensatz zu seinen späteren Kollegen Haydn und Mozart ganz in der alten Messtradition, die ursprünglich von Giovanni Pierluigi da Palestrina gefestigt wurde. Kontrapunkt war darin nicht ein Ornament, sondern strukturelle Grundlage, die gesamte Dramaturgie sollte nicht fließend und gefällig, sondern von Gegensätzen und Brüchen geprägt sein, und die Vokalsoli waren nicht opernhafte Einzelcharaktere, sondern hatten liturgische Funktion.
Interpretation und Klangbild – la festa musicale und die Kunst der Balance
All das gilt es zu beachten beim Hören dieses Albums, denn die Ausführung zielt konsequent auf die Umsetzung dieser kompositorischen Charakteristika ab. Und das gelingt meisterhaft. Die kontrapunktische Basis macht Werners Messen zu hochkomplexer Spätbarockmusik, die vom Ensemble erst mal umgesetzt werden will, und von „la festa musicale“ im Speziellen auch umgesetzt wird. Manchmal wundert man sich, warum hier das zur Zeit bei anderen Aufnahmen von Barockmusik so beliebte Spielen mit großen Intensitätsunterschieden und dynamischen Höhepunkten oft fehlt. Das Ensemble agiert eher besonnen, kontrolliert. Selten finden beherzte Ausbrüche oder hochenergische Crescendi statt. Die Musiker*innen balancieren die gesamte Struktur der vielen Beteiligten, besetzen eher filigran und kunstvoll die verschiedenen Räume, spielen feingliedrig, manchmal gar mit spitzen Fingern.
Und selbst dynamische Höhepunkte bleiben eher fein pointiert denn intensiviert. Auch wenn das inhaltlich korrekt und notwendig ist, um der geschichtlichen Bedeutung der Werke gerecht zu werden, so macht es den Vortrag auch sehr weich, rund und zugänglich für die Hörenden. Am deutlichsten wird das für mich an Stellen, an denen Orgel, Ensemble und Vokalsolisten gemeinsam spielen. So dosiert und gegenseitig respektvoll handeln die Musiker*innen, scheinen konzentriert darauf zu sein, erst mal ihren eigenen Part gut zu machen. In der MISSA „IAM HYEMS TRANSIIT” III/26, zum Beispiel in „IVd. Osanna in excelsis“, ist diese kunstvolle Balance im Tutti zu hören, hier sind die Räume wirklich dicht besetzt, und die vielschichtig laufenden Stimmen bringen Herausforderungen mit sich. Aber anstatt mit größeren Intensitätsunterschieden Ordnungen, Einordnungen und damit auch Zerklüftungen zu schaffen, arbeiten alle stattdessen auf gleichberechtigte Weise, wodurch ein komplexes, aber eben auch sehr gut integriertes und damit sehr homogenes Klangbild entsteht.
Andacht statt Dramatik – vokale Gestaltung und geistliche Ruhe
Abgesehen von den Intensitäten führt die generelle Herangehensweise in dieser Produktion dann aber auch dazu, dass die langsameren Sätze der Messen mit sehr viel Andacht, Ruhe und Introversion wirken. Diese Weichheit in der Ausführung, der Bedacht und die Rollendurchlässigkeit geben diesen Momenten viel Wärme und Freundlichkeit. „IIIa. Et incarnatus est“ und „IIIb. Crucifixus“ aus der MISSA „TRINITAS IN UNITATE VENERANDA” III/14 sind solche Momente, in denen alle Einzelbetrachtungen der Musik und der Ausführung dann wieder zu einem hochemotionalen Ganzen verschmelzen.
Die Gesang-Solostimmen folgen in der Ausführung ihrer liturgischen Anlage, verwenden wenig ornamentierende Techniken und bleiben nüchtern und klar. Das gibt dem Vortrag ein weiteres Element der Ruhe und Konzentration. Manchmal stehen sie dabei arg im Vordergrund, wodurch das Ensemble daneben ein wenig verschwindet, das ist aber nur eine minimale Auffälligkeit in der Balance.
Diese Aufnahme ist keine polternde Einspielung von Spätbarockmusik, vielmehr bringen uns die Beteiligten kunstvoll austarierte Messenmusik, die zum Zuhören und zur Ruhe einlädt.
Titelfoto © Nils Ole Peters


