CD-Review: The Twiolins – Eight Seasons Evolution

Von Stefan Pillhofer

Eight Seasons Evolution Cover


Als ich vom neuen Album „Eight Seasons Evolution“ des Violinduos The Twiolins als eine Neuauflage von Vivaldis „Die Vier Jahreszeiten“ erfuhr, war ich zunächst zögerlich. Eines der meistgespielten und bekanntesten Werke der Klassik in einer weiteren Einspielung? Will ich das wirklich?

Nun kann man dem Geschwisterduo Marie-Luise und Christoph Dingler wirklich nicht nachsagen, nicht schon genug neue Musik in die Welt gebracht zu haben, immerhin haben sie mit dem Progressive Classical Music Award einen regelmäßigen Wettbewerb für neue Kompositionen erschaffen. 

Das Konzept von Eight Seasons Evolution

„Da dürfen die das“, dachte ich mir salopp, aber bei genauerer Betrachtung und längerem Hören wird klar, dass Christoph Dingler das berühmte Werk für die beiden Geigen in erstaunlicher Weise umgearbeitet und modifiziert hat. Vivaldis Konzert hat die in einem musikalischen Haushalt aufgewachsenen Geschwister früh geprägt. Wie auch die Werke von Astor Piazolla. Und in der Tat werden Vivaldis Jahreszeiten in Produktionen gern denen von Piazolla gegenübergestellt. So geschehen im berühmten Album „Eight Seasons“ von Gidon Kremer. The Twiolins wollten es aber noch anders, und entschieden sich für Piazollas Tangos als Gegengewicht zum Vivaldi auf der CD, mit denen sie erstaunliche Parallelen zu Vivaldis ikonischem Werk aufzeigen.  


Im Hörverlauf wird schnell klar, dass der ursprüngliche Orchesterpart beeindruckend gut durch den Satz der jeweils zweiten Violine ersetzt wird, womit das Endergebnis eigentlich jeder Art Hörer*in nur eine moderate Transferleistung abverlangt. Und auch vor technischen Schwierigkeitsgraden schreckt Dingler da nicht zurück, wenn er komplexere Akkorde in schnelle Arpeggios aufbricht. Und immer spielen die beiden dabei mit genretypischem hellem, klarem Ton. Dass The Twiolins ein großes Augenmerk auf Spieltechnik legen ist bei dieser Aufnahme unüberhörbar. 

Liebe und Leidenschaft

Oft stellen sie bei schnellsten Bewegungen absolute Synchronität zwischen beiden Instrumenten her, zum Beispiel im dritten Satz des „Sommer“, wo die Leichtigkeit mit der die Beiden diese technischen Schwierigkeiten präsentieren fast darüber hinweg täuscht, welcher Aufwand in diesem Ergebnis steckt. Und gleich im Anschluss interpretieren sie dann den Anfang des Tangos „Vuelvo al Sur“ so versonnen schwerelos, dass sie in diesem Programm nicht nur Parallelen aufzeigen, sondern auch Kontraste malen.

Trotz aller Liebe zur Geschwindigkeit fällt die andere Leidenschaft für das Sphärische, das leichte Öffnen großer Räume an mehreren Stellen der Aufnahme ins Ohr, zum Beispiel im zweiten Satz des „Sommer“, wenn die Dinglers trotz beeindruckender Gesamtdynamik feinste Abstimmungen leiserer Stufen mit höchster Genauigkeit abbilden.

The Twiolins Foto im Wald
The Twiolins, Foto von Robert Just

 

The Twiolins mit eigener Interpretation


Mit viel Akribie wollen die Geschwister von The Twiolins vor allem Vivaldis Werk gerecht werden, und den Spagat schaffen zwischen epochentypischer Darbietung und eigener Interpretation. Und es gelingt. Im ersten Satz des “Herbst” legen sie die Tempi sehr eigen und interessant an, wodurch die Aufmerksamkeit der Hörer*innen noch weiter gebannt wird, während von den schnellen, fast halsbrecherisch gespielten Passagen betörende Wirkung ausgeht. Den zweiten Satz, das Adagio, spielen The Twiolins dann wieder unwirklich schwebend, und erhalten so sehr leicht meine volle Konzentration, gerade die schnellen, mit Abstand gespielten und in den Hintergrund modulierenden Arpeggi bilden so einen interessanten Leitfaden für das Ohr. Und immer wieder tanzt ein Piazolla Tango dazwischen in akribischer Feinabstimmung der Gesamtatmosphäre.

Üblicherweise achte ich bei Reviews nicht so ausgiebig auf die klangliche Produktion, da sie sowieso in der Mehrzahl der Veröffentlichungen sehr hochwertig ist, und Kritik dann schnell in Erbsenzählerei endet. Auch bei Eight Seasons Evolution ist das so, allerdings ist mir dann doch hartnäckig der Raumklang aufgefallen, in den die Aufnahme gesetzt wurde. Auch bei längerem Hören werde ich da immer wieder vom eigentlichen Spiel der Violinen durch die vielen so spät stattfindenden Artefakte abgelenkt. Und schon war das aber der einzige Aspekt des Albums, den ich mir vielleicht anders gewünscht hätte, in einem ansonsten perfekt konzipierten, mit Kunstverstand umgesetzten und umarrangierten, und nicht zuletzt mit höchster Virtuosität vorgetragenen Hörerlebnis. Nicht nur Liebhaber*innen von Vivaldis und Piazollas Musik sei diese Veröffentlichung sehr empfohlen!

Die Tracks

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