Das Schumann Quartett im Live-Stream bei CMS of Lincoln Center

Von Stefan Pillhofer

Da ich das Schumann Quartett bereits im Konzert erleben durfte fällt es mir besonders leicht, bei ihren Neuigkeiten aufmerksam zu bleiben.

Schumann Quartett Pressefoto
Schumann Quartett, Foto von Kaupo Kikkas


Für die Chamber Music Society of Lincoln Center in New York haben die vier Musiker*innen ein Streamingkonzert produziert, in dem sie zwei bekannte Streichquartette spielten. Zu Beginn das Erste von Pjotr Iljitsch Tschaikowski in D dur, Op. 11, und danach Ludwig van Beethovens Streichquartett No. 7 in F dur, Op. 59. Beide Werke zeichnen sich durch einen besonderen, langsamen Satz aus, im Tschaikowski ist es der auch oft von Orchestern gespielte Andante cantabile, bei Beethoven ist es der sehr lange Adagio molto e mesto, in dem der Komponist seine Trauer über die Heirat seines Bruders ausdrückte, er konnte seine Schwägerin so gar nicht leiden.

Nach einer kurzen Konzerteinführung von David Finckel, Artistic Direktor des CMS, begannen die vier Ensemblemitglieder den ersten Tschaikowski-Satz sehr lebhaft und beschwingt, und betonten gleich von Anfang die hohe Agilität dieser Musik. Sofort fiel auch auf, dass es sich um zwei Repertoirewerke des Quartetts handelte, so sehr stimmten Interpretationsplanung und -wille. Gerade in den schnelleren Passagen begeisterte mich das Ensemble schon in dieser frühen Phase des Konzertes mit atemberaubender Synchronität.

Das Schumann Quartett als Einheit

Mit vielen verschiedenen, teilweise auch close-up Kameraperspektiven bildete die Produktion dieses Vortragserlebnis sehr anschaulich ab. So konnte ich ganz nah miterleben wie begeisternd die Vorteile eines über Jahre intensiv eingespielten Streichquartetts sind. Die vier Musiker*innen brauchen kaum Blickkontakt um als Einheit, als musikalisches Ganzes zu agieren, dieses Quartett ruht im Vortrag in sich im besten Sinne.

Auch in diesem Konzert des Schumann Quartetts war es die Mischung aus Abgeklärtheit und dem augenfälligen Brennen für die Musik, das gerade in dieser Zeit wohl allen professionellen Musiker*innen innewohnt. Letzteres überkommt die vier ab und an sogar in sehr sympathischer Art, zum Beispiel als sie das Ende des ersten Satzes mit fast schon enteilender Wildheit intonierten. Es sind für mich immer besondere Momente, wenn Musiker*innen auf der Bühne gemeinsam so ins Risiko gehen. 

Im direkten Wechsel demonstrierte das Schumann Quartett aber auch seine anderen Seiten, diese Lust an der Gestaltung der leisen Töne und Passagen. Kleinteilig und detailbewusst spielten sie das Adagio cantabile mit viel Raum und Luft zum Atmen, setzten die Pizzicati mit Feinheit, Witz, und Akkuratesse. Etablierten aber dennoch die eindrücklichen Melodien dieses Satzes mit Nachdruck und Festigkeit.

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Schumann Quartett, Foto von Kaupo Kikkas


Ihren Spaß am Vereinen all dieser musikalischen Welten konnten die vier dann auch nochmal im letzten Satz – Finale: Allegro giusto – Allegro vivace – ausleben, und die Freude, die in Tschaikowskis Musik steckt gut betonen.

Warum es für ein Streichquartett so wichtig ist, diese soliden Repertoirewerke zu kultivieren wurde dann auch im Beethoven-Quartett schnell klar. Hier demonstrierten die vier Musiker*innen eindrucksvoll ihre Möglichkeiten, große musikalische Strukturen aufzubauen und abzubilden. Immer wieder setzten sie die verschiedenen Ebenen versetzt übereinander, entwickelten zugleich aber auch die in Beethovens Werken sehr wohl vorhandenen, starken Melodien. Gleichzeitig füllte Liisa Randalu ihre besondere Rolle an der Viola immer wieder mit fein dosiert gespielten Einwürfen und Linien aus.

Schwere und Erhabenheit

Im Verlauf des Beethoven Quartetts entstand dann doch mehr Blickkontakt im Ensemble, nicht zuletzt als sich Erik und Ken Schumann an den Violinen im zweiten Satz die Wechselmelodien hin und her spielten. 

In das Adagio molto e mesto legten die Musiker*innen des Schumann Quartetts dann viel Schwere und Erhabenheit, dehnten die langen Vibrati aus, und formten die Melodiestimmen mit dramatischer Dynamik in der Tongestaltung. Mit viel Pathos entstanden so hörbar die verschiedenen Flächenbereiche in Beethovens berühmtem Satz, dessen schmerzliches Thema so offenbar und greifbar wurde.

Einen lebhaften Abschluss fand das Ensemble dann schliesslich im vierten Satz „Théme Russe“: Allegro für dieses Konzert, in dem sie viele ihrer Fertigkeiten und Fähigkeiten darbieten konnten. 

Für alle Klassikfans, die gerne Streichquartett-Perfektion geniessen ist das Schumann Quartett der ideale Partner, und auf dem Sofa kann man das mit diesem begeisternden Konzertstream noch bis übermorgen tun.

 

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