Herbert Schuch spielt Diabelli-Variationen in der Elbphilharmonie

Von Stefan Pillhofer

Herbert Schuch

Durch den langsam wieder startenden Konzertbetrieb geht es natürlich auch weiter mit dem Beethoven-Jubiläumsjahr, und mit den Diabelli-Variationen war ein besonders interessantes Thema an diesem Abend in der Elbphilharmonie gesetzt. Dieses letzte große Klavierwerk des Komponisten wird oft gepriesen als besonders bedeutungsvolles Werk, da es die gesamte kompositorische Bandbreite Beethovens auf engem Raum darstellt. Ursprünglich von Anton Diabelli mit nur einer Variation zu einem von ihm vorgegebenen Walzerthema von verschiedenen Komponisten bestellt, beteiligte sich Beethoven jedoch umfassender, und lieferte gleich 33 Veränderungen zu dem Thema, die Diabelli begeistert als alleinstehende Veröffentlichung vor den Beiträgen der anderen Komponisten herausbrachte.

Der Abend

Die Darbietung dieses großen Werkes übernahm an diesem Abend der Pianist Herbert Schuch, zu Beginn standen aber die “33 Veränderungen über 33 Veränderungen” des Komponisten Hans Zender auf dem Programm, wiederum Variationen der Diabelli-Variationen, deren Komposition Zender eigentlich lange Zeit vermieden hatte, und die er erst 2011 im Auftrag des Ensemble Modern in Angriff nahm. 

Das portugiesische Remix Ensemble, entsandt von der Casa da Musica, und nicht nur dort als absolute Spezialisten für Neue Musik etabliert, bevölkerte also mit fast kammerorchesterartigem Aufbau die Bühne. Nur die vier Schlagwerker hätten mir da schon zu denken geben sollen. Die offenkundige Dekonstruktion mit der Zender arbeitete setzte das Ensemble natürlich erwartungsgemäß um, indem original angelehnte Anteile, und neue Partien kontrastreich gegenübergestellt wurden. So betonten Flöten und Blechbläser immer wieder gerne die impulsstarken Zäsuren, die originalgetreuere Abschnitte jäh unterbrachen, und die meine nicht ganz Neue-Musik-feste Freundin neben mir zusammenzucken liessen. Insgesamt waren es die Blasinstrumente, die stetig ihre Stärken ausspielen konnten, vor allem Flöte und Oboe agierten mit absoluter Sicherheit in Spieltechniken und Interpretation, und die Trompeten trafen nicht zuletzt in gedämpft gespielten Abschnitten guten Ton.


Glanzpunkte, Wendepunkte

Die Streichinstrumente hatten dagegen einen nicht ganz so leichten Stand, hatten sie doch etwas mehr damit zu tun, sich in den Vordergrund zu spielen, was natürlich auch den speziellen akustischen Verhältnissen geschuldet sein konnte. Auch kamen mir da ab und an Fragen zur Intonation in den Sinn, die aber nicht bestimmend waren. Die nächste zentrale Rolle im Ensemble und in diesem Werk hatte das Akkordeon inne. Von Zender so angelegt, mit am Original ausgerichteten Harmoniken ausbrechende Stimmen und Entwicklungen wieder einzufangen, verstand es José Valente meisterhaft, die Aufmerksamkeit der Zuhörer ein ums andere mal in einen kleineren Kosmos um sich herum zu konzentrieren, und da sogar die verschiedenen Klangcharakteristika des Instrumentes zu kultivieren. 

Das stärkste Element dieses Vortragsteils waren jedoch die vier Schlagwerker, die mit sehr abwechslungsreichem Instrumentarium und reichlich Motivation selbiges zu bedienen, die Glanzpunkte und erzählerischen Wendepunkte setzten. Zusammen mit den Bläsern nahmen sie sowohl das gesamte Ensemble als auch das Publikum an die Hand, und leiteten alle mit Entdeckungsfreude durch dieses interessante und überraschende Werk.

Das Original

Waren Zenders Veränderungen wohl bewusst an den Anfang des Programms gestellt worden, so kam dann im zweiten Konzertteil Herbert Schuch mit dem originalen Werk Beethovens an die Reihe. Natürlich begleiten auch ihn die Diabelli-Variationen schon längere Zeit, jeder pianistisch sehr ambitionierte Musiker kommt wohl irgendwann nicht daran vorbei, sich damit zu beschäftigen. Und ich war wirklich gespannt, welche Interpretation der etablierte Pianist an diesem Abend finden würde. Interessanterweise stellte er gleich zu Beginn seine Intention klar auf die Bühne, operierte mit interessanter, sehr abwechslungsreicher Gestaltung der Tempi, und mit sehr ausgeprägten Dynamikverläufen.

Der große Saal der Elbphilharmonie ist ja wirklich ein großer Saal, und jetzt in dieser speziellen Situation mit der Krise an diesem Ort allein Klavier zu spielen ist eine Herausforderung und ein tolles Erlebnis. Beides sah und hörte man Schuch an, und vielleicht brauchte er die ersten Minuten seines Spiels, um sich etwas zu akklimatisieren und in den Vortrag hineinzufinden, was jedoch vortrefflich gelang. Von Beginn an und im Verlauf umso mehr konnte der Pianist gut darstellen, wie er diesen besonderen Abend genoss, mit welcher Freude aber auch mit welcher Introvertiertheit er sich auf dieses besondere Klavierwerk konzentrierte, um den Spagat zwischen elegischen Spiel und Meditation in der Musik zu schaffen. 

Herbert Schuch
Herbert Schuch

 

Wirkungen

Deutlich zum Ausdruck kam das in Schuchs Körpersprache, wenn er sich im fortissimo nach vorne lehnte und regelrecht auf dem Klavier abstützte, und dadurch immer erzählender wirkte. Auch die leiseren Passagen wusste er mit eigenem Stil zu prägen, nahm Läufe und Akkordverläufe so, daß die einzelnen Töne etwas ineinander verschwammen, und gab so den musikalischen Bildern etwas Undeutliches, ja Hintergründiges. Dieses Verwischen mancher Aussagen verstärkte die Neugier auf Fragen, und stimmte zusammen mit der von Schuch so gerne angesetzten Leisetönigkeit das Publikum nachdenklich. Und da hatte der Pianist dann endgültig das Publikum in einer Stecknadelaufmerksamkeit gefangen, nahm es geradezu für sich ein. In diesen leisen Dynamikbereichen erschuf er ganze Klangräume, und blieb dabei ganz in sich gekehrt. Es war eine Freude zu sehen und zu hören, wie Schuch mit Lautstärken arbeitete, wie er gegeneinander abwägte, und die punktuelle Dynamiklandschaft so gestaltete, dass die in diesem moment führende Stimme immer genug Raum für sich hatte um zu wirken.

So spielte Herbert Schuch schliesslich beeindruckend ruhig auf das Ende des Werkes hin, und setzte den Schlussakkord nüchtern und gerade.

Das Abenderlebnis, das dem Publikum da beschert war, fiel gleichzeitig durch kindliche Impulsstärke, als auch durch erwachsene Austariertheit auf, und entliess alle mit Eindrücken angefüllt in die Nacht.

 

Die Veranstaltung

HERBERT SCHUCH / REMIX ENSEMBLE: DIABELLI-VARIATIONEN

22. September 2020, 20 Uhr, Elbphilharmonie, Großer Saal

Das Programm

Hans Zender:
33 Veränderungen über 33 Veränderungen / Interpretation von Beethovens Diabelli-Variationen

Ludwig van Beethoven:
33 Veränderungen über einen Walzer von Diabelli C-Dur op. 120 »Diabelli-Variationen«

Die Mitwirkenden

Remix Ensemble – Casa da Música

Herbert Schuch – Klavier

Peter Rundel – Dirigent

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