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Einfach Klassik.

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Interview mit der Pianistin Lydia Maria Bader

Ein Gastbeitrag von Birgit Koß

Die Pianistin Lydia Maria Bader bereichert ihre Konzerte durch eine kurzweilige und hintergründige Moderation, mit der sie durch ihre Programme führt. Dabei erzählt sie auch, wie diese besonderen Zusammenstellungen zustande gekommen sind und was sie bei ihrer Schatzsuche so alles erlebt hat.

So lautet meine erste Frage, was es für sie heißt, eine Schatzsucherin zu sein.

Ich finde, der ganz besondere Reiz in den Anfangsjahren des Klavierspielens liegt darin, dass man alle Stücke beim ersten Hören, egal wie bekannt sie auch sein mögen, quasi neu für sich entdeckt. Irgendwann geht das weg, weil man so viel Repertoire schon kennt. Und dann steht man da mit diesem Kanon an Standardrepertoire und hat das Gefühl, jetzt kenn ich eigentlich schon alles. Das fand ich sehr schade. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich zum ersten Mal Rachmaninows zweites Klavierkonzert gehört habe und dachte, mein Gott, sowas gibt es – und ich kannte das nicht… Vielleicht versuche ich deshalb immer wieder diesen Thrill zu finden und zu gucken, was gibt es noch. Ich finde, es ist ein tolles Gefühl für mich selbst, aber auch in Konzertsituationen. Das Publikum hört anders zu, als wenn es in einem Konzert sitzt und sagt, ach ja dieses Stück von Chopin – das mag ich, schön – das ist auch gut. Ich höre auch gern Stücke, die ich kenne und liebe und freu mich auf bestimmte Stellen, dieses Wiedererkennen ist auch sehr schön. Aber in Konzerten, wenn das Publikum ein Stück zum ersten Mal hört, entsteht eine besondere Spannung. Ich finde, da liegt immer so eine gewisse Elektrizität in der Luft.

Lydia Maria Bader, besteht für Sie als Künstlerin dann eine bestimmte Verantwortung, dem Publikum etwas Neues wirklich nahezubringen?

Das kann man so und so sehen. Auf der einen Seite habe ich vielleicht ein bisschen mehr Narrenfreiheit. Die Verantwortung ist sehr groß, wenn ich mich mit der Appassionata hinstelle und sage, es gibt jetzt aber einen Grund, warum ihr unbedingt mir zuhören müsst. Da besteht vielleicht noch der größere Druck, originell zu sein oder einen Grund zu geben, warum man das jetzt unbedingt noch einmal spielen muss. Auf der anderen Seite möchte ich als möglichst gute Anwältin der Komponisten auftreten und zeigen, dass manches Repertoire wirklich zu Unrecht vergessen worden ist.

Ist das der Grund, warum Sie Ihre Konzerte moderieren?

Das ist mir ein großes Anliegen. Ich kann das gar nicht mehr, einfach so stumm auf die Bühne gehen, spielen und danach verschwinden. Ich finde, da entgeht einem ein großer Teil. Es ist ja ein Miteinander. Musik entsteht durch jemand, der es spielt und jemand, der es hört und empfängt. Es ist schade, wenn da eine Trennung ist zwischen den beiden.

Wenn Sie auf Schatzsuche gehen, machen Sie das thematisch oder entdecken Sie irgendeinen Komponisten und sind dann von einem Stück so begeistert, dass sie etwas Passendes dazu suchen? Wie gehen Sie vor?

Es kommt ein bisschen darauf an. Jetzt beim Meeresthema, da habe ich tatsächlich nach verschiedenen maritimen Suchbegriffen geschaut. Da war es auch eine Zeitlang noch nicht ganz klar, in welche Richtung es geht, z.B. mehrin Richtung Undinen, Meerjungfrauen. An Ende hat es sich in Richtung See – also Meer und Ozean und Seefahrt entwickelt. Gerade die Seefahrt fand ich so spannend. Es passiert aber auch, dass ich manchmal einfach ein Stück oder einen Komponisten entdecke und mich das dann so inspiriert, dass ich in dieseRichtung weiter recherchiere. Ganz oft ist es Zufall. Es entwickelt aber auch ofteine Eigendynamik. Jetzt wo ich einen Fokus habe auf „Meer“, kommt aus allenmöglichen Quellen so viel, dass ich sage, da könnte ich gleich noch ein Album hinterherschieben.

Wie hat es mit dem neuen Album TALES OF THE SEA angefangen?

Wasser fand ich schon immer unglaublich toll am Klavier. Mir war klar, ich möchte irgendwann ein Album rund ums Wasser machen, was es dann konkret wird, war noch ein bisschen offen. Die üblichen Wasser CDs – da gibt es schon so viel. Die schönsten Wasserstücke, die sich nicht mit dem Meer, sondern mit dem Element Wasser beschäftigen, waren mir dann schon zu häufig gespielt. Dann kam die Pandemie, großes Fernweh, und ich verbrachte viel Zeit vor YouTube. Ich habe jetzt ein absurdes Randwissen über den Hamburger Hafen und Containerschifffahrt. Das hat mich so unglaublich fasziniert. Vielleicht auch, weil es so von Natur aus gar nicht mein Element ist. Ich komm ja aus dem Alpengebiet und habe einen sehr gesunden Respekt vor dem Meer. Gerade dieser Aspekt – es ist nicht Meer, Strand und Piña Colada, sondern Meer als Naturgewalt -, den finde ich unglaublich faszinierend. Dieser Aspekt, der in der Musik besonders aufgegriffen wird, ist einmal das Gewaltige des Meeres und was der Beginn der Seefahrt mit den Menschen gemacht hat. Als die Menschen begonnen haben, die Seefahrt zu nutzen, auch zur Migration, hat das plötzlich ganz neue Wege eröffnet. Dass man sein Schicksal nicht erdulden muss, sondern in die eigene Hand nehmen kann, noch einmal neu beginnen in der Neuen Welt. Das wird auch in den Stücken thematisiert. Zum Beispiel in den „Sea Pieces“ von MacDowell gibt es ein Stück, das auf die Überfahrt der Mayflower Bezug nimmt oder auch „Song“, wo der Kontrast zwischen melancholischer Erinnerung an zu Hause aber auch die Abenteuer der Seefahrteinfließen.

Wie sind Sie dann zu ihren Komponist*innen gekommen?

Gegoogelt, IMSLP (International Music Score Library Project) und ich habe jemand in der Hinterhand, der ein wahnsinnig großes Wissen der Klavierliteratur hat.

Was muss ein*e Komponist*in haben, damit er/sie sie dann wirklich reizt?

Er oder sie muss gut für Klavier schreiben. Also es gibt Komponist*innen, die ich gar nicht so gerne spiele, wo ich merke, es liegt nicht in der „Pfote“, es ist gegen das Klavier geschrieben. Stilistisch reizt es mich besonders ab der Jahrhundertwende. Da wird es pianistisch sehr spannend. Bis zu dieser Zeit hat sich auch im Klavierbau unglaublich viel getan. Die Flügel waren zu der Zeit fast wie unsere heutigen „Hochleistungsgeräte“ und da konnten die Komponisten kompositorisch aus dem Vollen schöpfen. Da geht es so Hand in Hand – eine große Begeisterung für das Instrument Klavier.

Sie erwähnten schon den Komponisten Edward MacDowell mit seinen „SeaPieces op.55“. Auch wenn Sie nichts zu ihm gesagt hätten, hätte ich erkannt, dass er in Amerika komponiert hat. Geht es Ihnen auch so?

Ich glaube, das liegt an der unglaublichen Weite, der klangliche Weite. Aber er hat in Frankfurt studiert und lange hier gelebt und seine zukünftige Frau kennengelernt. Aber sein Durchbruch kam in Amerika. Er ist dort unglaublich bekannt und omnipräsent.

Ist es Ihnen wichtig, Komponist*innen, die im Ausland sehr bekannt sind, auch dem deutschen Publikum nahezubringen?

Ja, auf jeden Fall. Wir leben in einer globalisierten Welt und trotzdem spielen wir fast nur weiße Komponist*innen aus Europa. Da haben wir alle noch großen Nachholbedarf. 

Lydia Maria Bader, Foto © Kaupo Kikkas
Lydia Maria Bader, Foto © Kaupo Kikkas

Sie haben ja auch ein großes Faible für chinesische Musik. Ist das mit eingeflossen in die neue CD?

Das ist ein fester Teil in meinem Repertoire. Ich möchte gar nicht mehr so diese Sonderstellung betonen, dass es dann nur in irgendwelchenSpezialprogrammen vorkommt, sondern, dass es kommentarlos in so ein„normales westliches Programm“ einfließen kann. Es ist so wie mit den Komponistinnen. Da sollte es ja auch irgendwann so sein, dass es nicht nur mit -Achtung, Zeigefinger –„ hier werden Frauen gespielt“ programmiert wird, sondern sie ganz selbstverständlich in einem Konzertprogramm gespielt werden. So geht es mir auch mit den chinesischen Komponisten.

Wie sind Sie denn auf China gekommen?

Über Konzertreisen, 2009 war ich auf meiner ersten Tour. Da habe ich schon das erste chinesische Klavierstück gespielt. Ich wusste damals noch gar nicht, was das ist, welcher Komponist. Man hat mir Noten gegeben und gesagt, „spiel bitte“. Ich spielte und es war unglaublich schön. Ich habe das dann auch ohne Genaueres zu wissen in Deutschland gern als Zugabe gespielt. Und gemerkt, wie unglaublich gut das in Deutschland ankommt. Die Menschen sind aus dem Konzertsaal gegangen und haben diese Melodie noch vor sich her gesummt. Dann wurden die Tourneen immer häufiger und die Zugabenstücke, die mir zugesteckt wurden, immer mehr, so hat sich dann irgendwann eine gewisse Eigendynamik entwickelt. Es wurde jetzt in den letzten Jahren immer einfacher an Notenmaterial zu kommen, und ich habe eine recht umfangreiche Notenbibliothek zu Hause und entdecke immer wieder schöne Sachen. Das geht auf jeden Fall weiter, das war kein einmaliges Projekt. Was ich auf meiner CD „Chinese Dreams“ gespielt habe, basierte von allem auf Volksliedern. Das Stück auf dieser CD von Zhu Gongyi ist moderner. Er stand ja nicht mehr unter den Restriktionen der Kulturrevolution, sondern konnte frei komponieren.

Zu den großen Entdeckungen auf der neuen CD gehört Gustave Samazeuilh. Wie haben Sie ihn gefunden?

Mein ehemaliger Professor hat ihn mir ans Herz gelegt, dass das doch etwas wäre für dieses Thema. Es ist eine Riesenentdeckung. Ich bin immer noch fassungslos, dass er so unbekannt ist. Dieser Zyklus, der seinen Platz an der Seite der großen Klavierzyklen des 20. Jahrhunderts einnehmen sollte, ist noch immer so unbekannt. Er stammt auch nicht aus einem „Nischenland“, sondern aus Frankreich.

Album Teaser

Was ist für Sie das Besondere an seiner Musik?

Ganz spannend ist dieser unglaublich komplexe Klaviersatz, der mich manchmal an den Rand der Verzweiflung gebracht hat beim Lernen. Aber es setzt sich zusammen und wird plötzlich irgendwann einfach. Es sind so unglaublich viele Noten, es ist wie ein Puzzle aus unglaublich vielen Teilen und erst wenn man mit Abstand und sehr viel zeitlichem Aufwand ein paar Schritte zurücktritt, sieht man plötzlich, es geht. Trotzdem denke ich mir manchmal, kann er nicht einfach mal A-Dur schreiben, anstatt Heses-Dur… Dazu ist die Partitur noch gespickt mit Druckfehlern. Es war ein langer Prozess, aber es gibt einfach Stellen, die für mich so unglaublich magisch sind, dass ich dann weiß, warum ich mir diesen Aufwand antue. Das erste Stück beginnt aus der kompletten Ruhe und man hört den Herzschlag des Meeres im ersten Satz. babum, babum, babum… Der zweite, das „Clair de lune au large“ hat am Ende so eine magische Atmosphäre, da wage ich kaum zu atmen in diesem Mondlicht. Der tollste Moment für mich ist, wenn nach dem Unwetter im dritten Satz die Sonne aufgeht in E-Dur, dieser erste Moment, wo dieser E-Dur Akkord erklingt.

Sie suchen die Herausforderung als Musikerin und als Mensch?

Sonst wäre es ja langweilig. So lange es noch so viel zu entdecken gibt, sehe ich hier meine Rolle. Ich bin sehr neugierig, ich möchte immer Neues entdecken. Es war schon als Kind so, wenn ich ein neues Stück aufbekommen habe, war ich nicht vom Klavier fortzubekommen, erzählt meine Mutter immer. Mich reizt das Ungewöhnliche. Ich habe beispielsweise in Bangladesch gespielt. Das ist sehr ungewöhnlich, wenn man dann als Kulturbotschafter unterwegs ist und die Musik zu Menschen bringt, die zu klassischer Musik noch gar keinen Zugang haben. Sowas ist sehr, sehr spannend und macht mir viel Spaß. 

Sie haben auch noch eine online-Konzertreihe?

Die ist natürlich auch in Corona Zeiten entstanden. Was mir dabei wichtig war, ist, dass es nicht gestreamt wird in dem Sinn, dass ich für eine Kamera spiele, sondern, dass ich die Menschen quasi zu mir nach Hause hole. Also es ist per Zoom, d.h. ich sehe die Leute und sie sehen sich untereinander. Das finde ich wirklich schön, dass man auch in Austausch miteinander gehen kann. Es gibteinen festen Termin, man ist dann angemeldet und dann ist es dreißig Minuten das, was ich am liebsten mach. Ich spiele etwas und erzähle darüber. Das Programm ist vorher nicht bekannt, es ist eine absolute Überraschung. Ganz besonders beliebt ist immer die Weihnachtszeit. Da habe ich auch ein ziemlich großes Repertoire an lustigen Weihnachtsstücken. Da freue ich mich jetzt schon drauf. Nach dem Konzert geht dann ein virtueller Hut rum und man zahlt per PayPal oder Überweisung, was man geben kann und mag. Es soll jeder kommen können, der sich vielleicht ein Konzert nicht leisten oder das Haus nicht verlassen kann. Es geht mir um kulturelle Teilhabe.

Habe Sie schon das nächste Projekt im Auge?

Ab nächstes Jahr habe ich ein sehr spannendes Programm, das auch Komponistinnen beinhaltet: „Femmes de légende“. Darin stelle ich Frauen ihrenmännlichen Zeitgenossen gegenüber. Jeder kennt zum Beispiel Joseph Haydn, aber niemand kennt Marianne Auenbrugger. Sie war eine Schülerin von ihm und Kollegin. Ich spiele von ihm die Sonate in D-Dur, die ist den beiden Schwestern Auenbrugger gewidmet und von ihr einen Satz aus ihrer Sonate, ein schickes Stück, das richtig fetzt. In diesem Sinne geht es dann weiter, bekannte männliche Komponisten und die leider noch weniger bekannten Zeitgenossinnen, Kolleginnen, oft auch Familienangehörige – jeder kennt Felix und Fanny – und da freue ich mich sehr darauf.

Wie wunderbar, dass Ihnen die Ideen nicht ausgehen, Lydia Maria Bader. Mögen Sie noch viele Schätze finden und Ihr Publikum damit überraschen.

Titelfoto © Sascha Klacke

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