It’s a movement! (no, not THAT kind of movement…)


Drei Sätze braucht die frisch gestartete Plattenfirma “All That Dust” aus London auf der Homepage ihrer Website um glasklar zu machen worum es eigentlich geht. Der kurze Informationstext enthält alles zunächst Wissenswerte und vermeidet lange Vorreden oder geschichtliche Hintergründe. Diese Reduktion und Dosierung findet man auch an anderen Stellen des Labelauftritts wieder. Nicht zuletzt im aktuellen Startkatalog. Jedes Release hat ein genau umrissenes Thema, manchmal verbunden mit dem Hintergrund der spielenden Musiker. So zum Beispiel bei der Aufnahme von Séverine Ballon. Die Cellistin, die bisher eher durch Programmgestaltung und Kommissionierung aufgefallen ist, spielt hier ihr Debüt als Komponistin selbst ein. Die aus acht Stücken bestehende Sammlung “Inconnaissance” lädt den Hörer durch einfache Strukturen ein in die Musik einzutauchen und die Möglichkeit zu nutzen auf Details zu achten. Mit großer Variabilität des Bogenstrichs verändert Ballon einzelne Themen immer weiter bis deren Abwandlungen entstehen.


Gleich am Anfang einer Debütantin der Komposition eine solche Chance zu geben zeigt das große Gespür der Macher das Labels für kreative Energie und progressive Entwicklungen. Namentlich sind das Newton Armstrong, Juliet Fraser und Mark Knoop, erfahrene Musiker und Komponisten die seit vielen Jahren die Neue Musik bespielen und gestalten. Aus eigenen Veröffentlichungen auf anderen Plattenlabels reifte mit der Zeit der glühende Wunsch, selbst für Möglichkeiten der Veröffentlichung zu sorgen, dabei aber bessere Konditionen für die Künstler zu bieten. Durch ein offensichtlich großes und festes Netzwerk und ihre eigenen breit gefächerten Möglichkeiten in Spiel, Komposition aber auch Produktion und Aufnahmetechnik bedurfte es nur noch einer kleineren, und schnell erfolgreichen Kickstarter-Kampagne um den Start zu schaffen. Dennoch spürten die drei Akteure durch ihre Anspannung beim Einrichten des Crowdfundings wieviel Leidenschaft sie hier investierten. Da es sich bei den Prämien allesamt um Vorbestellungen der Produkte handelte konnte dadurch nicht nur die Finanzierung aufgegleist, sondern auch der erste Kundenstamm aufgebaut werden. Geplant sind nun jährlich erscheinende Veröffentlichungen.

Was den insgesamt fünf Aufnahmen umfassenden Anfangskatalog zusätzlich besonders auszeichnet ist, dass man sich nicht auf eine starre Strategie festgelegt hat. Neben dem selbst gespielten Erstlingswerk von Ballon gibt es auch Aufnahmen bestehender und bewährter Werke. Wie zum Beispiel  “For John Cage” (1982) von Morton Feldman, gespielt von Aisha Orazbayeva (Violine) und Mark Knoop (Klavier). Kunstvoll und intensiv gestalten die Musiker das vom langen Übergang zwischen Symmetrie und Skalen geprägte Werk indem sie die zunächst getrennt laufenden Stimmen immer mehr miteinander verweben.


Ein weiteres bestehendes Werk bringt die Veröffentlichung der “La Fabbrica Illuminata” (1964) von Luigi Nono. Das einteilige Stück für Solo-Sopran und 4-Kanal-Surroundklang von Fabrikgeräuschen und Arbeiterstimmen hat ein besonderes Attribut. Die Produzenten haben es als binaurale Tonaufnahme erstellt, welche nur über Kopfhörer gehört werden sollte, die dann aber einen sehr natürlichen, räumlichen Höreindruck vermittelt. Diese und eine weitere binaurale Veröffentlichung bei “All That Dust” (Philomel von Milton Babbitt) sind auf der Website nur als digitaler Download erhältlich, während die anderen drei Produkte sowohl digital als auch auf CD verfügbar sind. Ausserdem ist die Verfügbarkeit bei Streaming-Plattformen geplant.

Ein neuer Anfang ist immer aufregend und birgt Zauber in sich. Im Fall von “All That Dust” kommt diese Startenergie auch noch der Unterstützung unbekannterer Musiker und Komponisten zu gute. Hat man die durch die ersten Veröffentlichungen geweckte Neugier erstmal gestillt, dann entsteht gleich als nächstes die Vorfreude auf die für das folgende Jahr geplanten Aufnahmen. Ich jedenfalls erwarte gespannt.


Bis dahin findet, hört und kauft man die gesamten Werke des Labels hier.
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