2022 gründete die bulgarische Pianistin Lili Bogdanova zusammen mit der deutsch-italienischen Violinistin Chiara Sannicandro und der amerikanischen Cellistin Annie Jacobs-Perkins das Trio Brontë. Seitdem haben sie schon zahlreiche Wettbewerbe gewonnen, was auch zu ihrer Debüt-CD führte.
Lili Bogdanova, Sie vertreten hier das Trio Brontë. Der Name ist Programm – drei Schwestern, die versucht haben, die Literaturszene zu befeuern mit neuen Ideen. Wie sind Sie zu dem Namen gekommen?
Wir haben lange gesucht, etwas Richtiges zu finden, was für alle passt, schön klingt und noch nicht besetzt ist. Das ist ein großes Problem. Und dann haben wir wegen Mendelssohns 2. Klaviertrio an die Brontë-Schwestern gedacht, denn „die Sturmhöhen“ von Emily Brontë wurden nur ein Jahr entfernt von Mendelssohns 2. Klaviertrio geschrieben.
Und dieses Trio ist eines von den ersten Stücken, die wir zusammen gespielt haben. Wir haben darüber gesprochen, wie diese Zeit war, sehr turbulent und romantisch, und dann an dieses Buch gedacht. Die drei Schwestern stehen für neue Ideen, sehr starke Frauen, die eine starke Kameradschaft hatten.
Gründung und musikalische Wurzeln des Trios
Sie sind drei Musikerinnen, Sie haben sich beim Studium kennengelernt, ist das richtig?
Genau, wir haben alle an der Hanns-Eisler-Hochschule in Berlin studiert. Annie ist inzwischen fertig, sie hat danach an der Barenboim-Akademie in Berlin studiert. Und ich und Chiara sind immer noch an der Hochschule. Ich studiere Kammermusik-Master und sie studiert Geigen-Master.
Ich gehe davon aus, dass an der Hanns-Eisler-Hochschule alles junge, unheimlich engagierte, talentierte Musiker*innen sind. Was hat Sie drei zusammengeführt?
Das ist eine gute Frage. Hanns-Eisler ist besonders für die Streicherabteilung sehr berühmt. Da sind so viele tolle Spieler. Aber für ein Ensemble, bei dem man sehr engagiert ist, muss man mehr Zeit aufbringen als normalerweise. Deswegen sind nicht alle bereit, diesen Weg zu gehen, in einem Ensemble fest zu sein. Viele möchten auch nicht Kammermusik als Hauptbeschäftigung haben. Sie sind noch sehr stark auf die solistische Karriere ausgerichtet. Annie und ich haben mit einer anderen Geigerin angefangen. Chiara kam ein bisschen später dazu. Ich wollte gern ein Trio gründen. Da habe ich meinen Klavierlehrer Jonathan Aner für Kammermusik gefragt, wer sind die guten Spieler zurzeit an der Hochschule? Er meinte, Annie musst du auf jeden Fall an Bord haben, sie ist so toll.
Wir sind inzwischen sehr, sehr enge Freundinnen geworden mit, Chiara inzwischen auch. Es ist nicht nur die Musik. Das ist es auch, was unser Trio so schön macht, dass es nicht nur professionell so gut zusammenpasst, sondern auch menschlich. Ich finde, dass das sehr wichtig ist, dass beide Sachen stimmen. Sonst ist es schwierig, dass man langfristig mit jemandem arbeitet.

Sie haben gesagt, Sie wollten gerne ein Trio gründen. Was hat Sie daran besonders gereizt?
Für mich ist das Klaviertrio die perfekte Mischung aus dem Gefühl, dass man in einer Gruppe spielt, aber trotzdem genug Platz hat für seine eigene Stimme. Und ich hatte davor, als ich noch in Bulgarien gelebt habe, ein anderes Klaviertrio, ich habe das geliebt, außerdem ist das Repertoire schön.
Bevor wir über Ihr Repertoire sprechen, sollten wir vielleicht noch mal kurz rekapitulieren. 2022 haben Sie sich gegründet und gleich danach schon einen Preis gewonnen.
Ich hatte ganz am Anfang die Idee, dass ich zu diesem Wettbewerb in Finnland fahren möchte, weil ich im Jahr davor ein Erasmus-Jahr in Helsinki gemacht habe. Da habe ich mich ein bisschen in Finnland verliebt, in die Natur, in so viele schöne Sachen. Und die Akademie war auch ganz toll. Dann habe ich immer gedacht, ich will unbedingt zurück nach Finnland. Und dann habe ich diesen Wettbewerb gesehen, der für ein Trio ist. Das fand ich perfekt. Es wurde ziemlich intensiv mit der Vorbereitung, weil wir nicht so viel Zeit hatten. Wir waren kein altes Ensemble, wir kannten uns noch nicht so gut. Wir mussten viel daran arbeiten, damit wir das kompensieren. Aber es hat gut geklappt.
Und dann ging es Schlag auf Schlag weiter? Sie haben jedes Jahr einen Preis gewonnen oder mehrere?
Letztes Jahr war besonders erfolgreich für uns nach dem Mendelssohn-Wettbewerb, mit dem zweiten Preis dort und danach dem ersten Preis beim Schubert-Wettbewerb. Dass mit diesem tollen Preis diese CD-Produktion kam, das war für uns natürlich etwas ganz Besonderes.
Wettbewerbserfolge und die Entstehung der Debüt-CD
Die CD heißt „Trio Brontë. Works for Piano Trio By Schubert & Rihm“, Schubert und Rihm sind eine interessante Mischung. Wie ist es dazu gekommen?
Weil diese CD ein Preis vom Wettbewerb war, mussten wir einen Teil vom Repertoire vom Wettbewerb für die CD aufnehmen. Und diese zwei Stücke waren unser Repertoire für das Finale. Wir finden, dass die Stücke gut zusammenpassen, obwohl es nicht so gewöhnlich ist. Rihm und Schubert sind ganz unterschiedliche Stücke, aber dadurch entsteht ein ganz toller Kontrast. Wir dachten, dass Rihm ein sehr gutes Stück zum Anfangen ist, weil es so leise und mit einzelnen Tönen anfängt, man weiß gar nicht, was kommt. Das fanden wir spannend für einen Anfang von der CD. Dann entdeckt man sehr langsam, wie wir als Ensemble klingen. Es kommt nicht alles auf einmal mit einem großen Start. Wenn man mit Schubert anfangen würde, kriegt man alles sofort mit. Aber bei Rihm muss man sehr offen sein und mit offenen Ohren alles anhören und schauen, was kommt jetzt. Und danach geht man zum Schubert und dann badet man im Klang.
Heißt das, Ihr Ensemble beschäftigt sich auch sehr intensiv mit zeitgenössischer Musik?
Ich würde das nicht als Hauptbeschäftigung nennen, aber es ist ein wichtiger Aspekt für uns. Wir spielen das gerne und wir finden es alle wichtig, dass man die neue Musik auch entdeckt und unterstützt, es muss sich alles weiterentwickeln.
Was reizt Sie an der neuen Musik?
Vielleicht die Freiheit, dass es nicht so viele Traditionen gibt, nicht so viele Erwartungen. Da kann man wirklich ganz kreativ sein und seine eigene Interpretation finden, ohne sich an irgendwelche Regeln halten zu müssen. Natürlich gibt es in den Noten alles, was die Komponisten geschrieben haben. Das ist schon genug an Informationen und Anweisungen, aber trotzdem ist es irgendwie anders.
Ich denke auch vom Publikum her. Wenn man zum, ich weiß nicht wievielten Male Schubert hört, dann hat man einen Klang in den Ohren und eine bestimmte Erwartung. Sowohl als Musiker, als auch als Zuhörer.
Ich finde es schön, an solchen Stücken zu arbeiten, da kann man kann finden, was für sein Trio in dem Fall besonders wichtig ist. Wie weit kann man seine eigenen Ideen einpacken, ohne dass es zu viel wird, dass es trotzdem noch stilistisch gut klingt? Ja, deswegen spielen wir alles sehr gerne alle Perioden.
Was speziell hat sie an den fremden Szenen III von Wolfgang Rihm gereizt?
Wir finden es toll, wie langsam es anfängt, wie sich das Stück entwickelt, so dass es drinnen ganz viele Überraschungen gibt. Das Stück ist schon sehr modern, aber trotzdem kommen immer wieder manche Momente, die sehr stark an Schumann erinnern – aber es sind keine direkten Zitate, sagt Rihm selbst. Deswegen spielen wir gerne die zwei Stücke noch mit einem Schumann-Trio im Programm zusammen. Der Anfang von Schumanns erstem Trio klingt so ähnlich wie ein Moment im Rihm. Es ist echt spannend, wie er in dieser fremden Welt, die fast ein bisschen außerirdisch klingt, plötzlich irgendwelche romantischen Klänge eingebaut hat. Es gibt einen anderen Moment, der fast nach einem Coldplay-Lied klingt, also mit dem Rhythmus. Das ist wirklich toll und obwohl das Stück sehr modern ist, gibt es einige sehr experimentelle Momente, zwischen Romantischem, Neuen, Atonalen. Plötzlich hört man so tolle Akkorde, ganz tonale. Es ist wirklich spannend, was er daraus macht.
Repertoire, Stilfragen und der Umgang mit Tradition
Ist ihre Wahl auf das Klaviertrio Nr.1 B-Dur D. 898 wegen des Wettbewerbs gefallen?
Ja, genau. Eigentlich sind die zwei Stücke eine gute Repräsentation vom Wettbewerb. Also Franz Schubert und die Musik der Moderne. Deswegen dachten wir, das passt auch gut für die CD. Und es war natürlich eine Herausforderung, Schubert aufzunehmen, weil, wie Sie gesagt haben, das wurde schon 1.000 Mal aufgenommen von den tollsten Trios. Und was können wir noch sagen? Wir haben sehr, sehr viel daran gearbeitet vor dem Wettbewerb. Wir fanden das Stück ziemlich schwer, denn es ist sehr fein. Normalerweise, wenn wir proben, spielen wir irgendwas, dann besprechen wir es kurz und dann spielen wir wieder und dann klingt es besser. So läuft es normalerweise. Bei Schubert war es ein ganz langer Prozess, bei dem wir das viel gemacht haben, und trotzdem war es irgendwie noch nicht so richtig. Wir haben versucht, bei der Aufnahme zu erreichen, dass wir unsere beste Version vom Trio aufnehmen. Aber natürlich, ich stelle mir vor, wenn wir das Stück in 20 Jahren wieder aufnehmen würden, wahrscheinlich wird es ganz anders sein und vielleicht reicher oder wer weiß.

Schauen wir erstmal in die nahe Zukunft. Hat das Trio Pläne? Gibt es jetzt Wunschkomponisten, Wunschstücke, die Sie unbedingt gemeinsam machen wollen?
Wir schreiben immer eine Wunschliste mit Stücken, die uns sehr gut gefallen. Aber die ist recht lang und mit ganz unterschiedlichen Komponisten, wir spielen alles sehr gerne und zum Glück ist das Repertoire recht groß. Für dieses Jahr kommt Schuberts zweites Trio. Weil wir überlegt haben, dass wir an dem ersten so viel gearbeitet haben und nun hoffen, es wird ein bisschen leichter, wenn wir das zweite lernen – mal schauen. Sonst planen wir viele Konzerte und wir versuchen, so viel wie möglich zu spielen. Wir bleiben zusammen und mal schauen, was noch passiert.
Haben Sie eine besondere Form, wie Sie Ihre Konzerte präsentieren?
Wir als Trio machen immer Moderation, wenn es passt. Ich finde es wichtig, so kann man im Grunde alles ins Programm stellen, solange man eine interessante Geschichte und Zusammenhänge zwischen den Stücken findet. Für mich selbst, wenn ich ins Konzert gehe und es Moderation gibt, da will ich nicht so viele Fakten und Jahre hören, das kann ich überall nachlesen.
Aber ich würde sehr gerne hören, warum die Spieler dieses Stück ausgesucht haben, was sie besonders daran finden oder ob sie damit vielleicht schon spannende Erfahrungen hatten. Deswegen versuche ich auch, wenn ich ein Konzert moderiere, ein bisschen mehr darüber zu sprechen und ich finde es immer spannend, wenn es heimliche Verbindungen zwischen den Stücken oder den Komponisten gibt, weil alle in der Musikgeschichte miteinander verbunden sind oder vielleicht in der gleichen Zeit gelebt haben. Es ist einfach interessant und manchmal gibt es ganz tolle Geschichten, die mit den Stücken verbunden sind. Es hilft mir als Künstlerin auch beim Spielen. Wenn ich ein Konzert moderiere und ich spüre, wie das Publikum reagiert und wenn die Leute mich freundlich anlächeln, dann spiele ich viel angenehmer danach, als wenn ich nicht sehe, wer da sitzt und ob vielleicht Leute ganz kritisch gucken und mich anschauen. Aber meistens ist das nicht der Fall.
Deswegen spiele ich unglaublich gerne Hauskonzerte, weil da die Atmosphäre ganz intim ist. Man sieht wirklich, wer da sitzt und wie sie die Musik hören und wie das sie berührt. Das ist wirklich toll zu sehen, sonst ich kann die Stücke auch alleine für mich im Übezimmer spielen.

Es ist deutlich zu hören, wie sehr Ihnen das Trio am Herzen liegt, aber Sie spielen auch als Solistin und Sie sind eine junge Mutter. Wie kriegen Sie das alles unter einen Hut?
Das ist schwer. In den letzten zwei Jahren, also meine Tochter ist fast zwei Jahre alt, ist das mit dem Solistensein ein bisschen nach hinten gerückt.
Mit dem Trio waren wir sehr aktiv und wir haben an diesen Wettbewerben teilgenommen. Man hat nicht unendlich viel Zeit am Tag, deswegen muss ich manchmal Sachen priorisieren. Aber ich finde es wichtig für das Triospielen, dass wir alle andere Sachen machen. Ich glaube, das bereichert einen und dann können wir auch neue Impulse ins Trio bringen. Von daher machen wir das alle sehr gerne, dass wir auch andere Projekte machen. Obwohl das Trio eine sehr wichtige Sache für uns alle drei ist.
Ich spiele auch sehr gerne Kammermusik mit anderen Leuten, nicht nur mit dem Trio, denn von jedem anderen Musiker bekommt man neue Inspirationen oder lernt man neue Sachen. Diese Flexibilität oder Vielfalt ist sehr wichtig.
Ensemblearbeit, Zukunftspläne und persönliche Perspektiven
Haben Sie als Musikerin einen großen Traum oder einen Ort an dem Sie unbedingt einmal auftreten möchten?
Als ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich irgendwelche Bilder von Schloss Elmau gesehen und ich dachte, oh, das wäre so toll, das sieht so schön aus. Das kam mir jetzt als erste Idee. Weil ich Skandinavien so liebe, habe ich gesehen, dass es ein Festival auf den Lofoten-Inseln gibt. Da habe ich auch gedacht, das wäre so toll, dort zu spielen. Aber vielleicht ist das eher die Location und hat nicht so genau mit der Musik zu tun.
Als Künstlerinnen sind sie international unterwegs. Das Trio ist ja extrem international. Drei Personen, die schon mal vier Länder Bulgarien, Amerika, Italien und Deutschland in sich vereinigen. Macht sich das irgendwie bemerkbar? Kommen dadurch noch mal andere Einflüsse, Impulse zusammen oder auch Ideen?
L.B.: Ja, ich glaube schon. Also vielleicht auch, wie man probt, wie man über Musik spricht. Wir kennen uns inzwischen ziemlich gut und so haben wir eine gemeinsame Sprache gefunden, mit der es besser funktioniert mit den Proben, aber man merkt es auf jeden Fall, dass man in unterschiedlichen Ländern studiert hat. Es gibt auch ganz praktische Sachen, wie man sich organisiert. Das ist natürlich ganz unterschiedlich in den USA oder in Bulgarien. Aber ich finde es toll, dass wir in manchen Hinsichten unterschiedlich sind, das bringt auch verschiedene Stärken für unser Trio. Da können wir die verschiedenen Aufgaben gut verteilen, dass jeder seine Aufgaben hat, bei denen er sich am wohlsten fühlt und am meisten mitbringen kann.
Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg. Haben Sie ganz herzlichen Dank für diese lebhafte Gespräch.
Titelfoto © Zuzanna Specjal


